Von Christian Buß
Was ist dem öffentlich-rechtlichen Zuschauer unter 16 Jahren zumutbar? Ist ein berstender Schädel, so wie er unlängst in dem Jugendgewaltdrama "Sie hat es verdient" zu sehen und hören war, für ihn zu verarbeiten? Und ist ein vor Terrorangst buchstäblich zitterndes München, wie es jetzt in der "Polizeiruf"-Folge "Denn sie wissen nicht, was sie tun" vorkommt, für die junge Seele unmöglich zu ertragen?
Beide ARD-Produktionen behandeln Themen, die durchaus für Menschen unter 16 eine hohe Relevanz besitzen: In "Sie hat es verdient" ging es um die extremen Auswüchse eines Angst- und Unterdrückungsmechanismus, mit dem Jugendliche potentiell auf jedem Schulhof konfrontiert sind. Der "Polizeiruf" erzählt davon, dass Terror kein Phänomen ist, dessen Ursachen irgendwo in der fernen arabischen Welt liegen: eine Erkenntnis, der der jugendliche ARD-Zuschauer spätestens seit den Anschlägen von Norwegen ausgesetzt ist, bei dem viele Altersgenossen ums Leben gekommen sind.
Eine hohe gesellschaftspolitische, eventuell auch therapeutische Bedeutung ist also beiden Produktionen zuzusprechen. Sonderbarerweise wurde die eine von der zuständigen Instanz durchgewunken, während man die andere beanstandete: Nach der Sichtung der Münchner "Polizeiruf"-Folge legte die Jugendschutzbeauftragte des Bayerischen Rundfunks (BR) ihr Veto ein: Bei dem Krimi, in dem es um einen verheerenden Anschlag auf die Münchner Allianz-Arena und die Traumatisierung der Opfer geht, werde der Zuschauer in ständiger Panik gehalten, so die Argumentation, das könne gerade bei Jugendlichen eine nachhaltige Angst hervorrufen.
Problembären statt Brisanz
Die Verantwortlichen waren gezwungen zu handeln: BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs kam der Empfehlung seiner Prüferin nach, ARD-Programmdirektor Volker Herres, der aus seiner Verwunderung über die Jugendschutz-Entscheidung keinen Hehl machte, hatte die Aufgabe, einen Sendeplatz nach 22 Uhr zu finden, auf dem der ambitionierte Film nicht wie weggesendet wirken würde, und die Sonntagskrimi-Koordinatoren mussten einen Ersatz für den freigewordenen Programmplatz finden. Deshalb tapsen an diesem Sonntag nun Ballauf und Schenk vom WDR-"Tatort" durch einen Fall, der zwar ums brisante Thema Gentechnik kreist, aber doch nicht so ungemütlich ist, dass der Zuschauer beunruhigt ins Bett gehen müsste.
Tatsächlich erfüllen die beiden sympathischen Problembären Ballauf und Schenk mit ihrem "Tatort" genau jene Kriterien, die die BR-Jugendschützerin für eine Primetime-Freigabe anlegt. Denn sie vermisse im "Polizeiruf", so die Begründung für ihr Veto, "entspannende Momente, die für einen 20-Uhr-Krimi typisch sind und einer emotionalen Überreizung und Ängstigung von Kindern und Jugendlichen entgegenwirken". Kurz gesagt: Für die Hauptsendezeit am Sonntag kann es Brisanz nur im Schongang geben.
Diesen Schongang aber liefert der "Polizeiruf" tatsächlich nicht. Nach etwa 20 Minuten wird hier eine Bombe in einer Fußgängerunterführung der ausverkauften Allianz-Arena gezündet, Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) taumelt mit Trauma-bedingtem Tremor durchs postapokalyptische Szenario. Im Betonstaub versucht er, die Orientierung zu finden, im fernen Polizeipräsidium streiten sich derweil Einsatzleitung (Rainer Bock), LKA (Hannes Hellmann) und Verfassungsschutz um Kompetenzen und Schuldfragen.
Die Wut in den Wohlstandszonen
Drehbuchautor Christian Jeltsch ( "Tatort: Der illegale Tod") hat das Szenario dicht und ohne jeden spekulativen Impetus entwickelt - und reißt doch kollektive Traumata auf. Anders Breivik war beim Schreiben dieses Krimis noch kein Name, und trotzdem weist der "Polizeiruf" auf einen neuen Terrorismus hin, der weniger aus arabischen Camps als aus der europäischen Wohlstandszone erwächst. Auch werden schmerzhaft Erinnerungen an die Love Parade in Duisburg wach, an den Tunnelhorror genauso wie an das zynische Behördenhickhack danach.
Nein, Entspannung sucht man hier vergeblich. Die Kunst dieses "Polizeiruf" liegt allerdings darin, wie der Druck der Gewalt in ein nervenaufreibendes Kammerspiel verlagert wird. Regisseur Hans Steinbichler, der mit Hauptdarsteller Brandt schon das Ödipaldrama "Die zweite Frau" gedreht hat, konfrontiert den Ermittler bald mit dem Täter (Sebastian Urzendowsky), der unter den Trümmern liegt, die er durch seine Bombe verursacht hat.
Mitleid mit dem Massenmörder? Keineswegs. Aber mit der Annäherung an den Sterbenden wird eine interessante Facette des neuen Terrorismus herausgearbeitet. Der Attentäter, ein junger Deutscher, der zum Islam konvertiert ist, erinnert in vielen Aspekten an die deutschen Islamisten der Sauerlandgruppe. Adoleszenz und Ideologie, Weltschmerz und religiöser Wahn sind auch beim Mörder in diesem radikalen "Polizeiruf" fatal verschmolzen.
Warum sich jugendliche Fernsehzuschauer damit nicht beschäftigen dürfen, bleibt das Geheimnis der bayerischen Jugendschützerin.
"Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun", Freitag 22.00 Uhr, ARD
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