TV-Erfolg "The Good Doctor" Dr. Seltsam, der neue Serienstar

Autistischer Arzt, arrogante Widersacher und viele Affären: Die sensationell erfolgreiche Krankenhausserie "The Good Doctor" besinnt sich auf klassisches Feelgood-TV - bietet aber mehr als nur Kuschelfernsehen.

Sky/ Sony Pictures

Wohlfühl-Fernsehen statt düstere Abgründe: Mit der Krankenhausserie "The Good Doctor" hat ABC einen Überraschungserfolg gelandet. Die Serie um einen autistischen und hochbegabten jungen Arzt, dessen enormer diagnostischer Scharfsinn seiner sozialen Hilflosigkeit gegenübersteht, kombiniert das Beste der zeitgenössischen amerikanischen Fernsehkultur: Ein schwieriger Mann inmitten einer Arztserie voller Politik, Sex, Wissenschaft und unverhohlenem Melodram.

Freddie Highmore, der bereits in "Bates Motel" einen verstörenden Typen zu einer Identifikationsfigur zu machen wusste (er spielte den jugendlichen Norman Bates), ist Dr. Shaun Murphy, ein junger Chirurg, der gleich zum Serienauftakt bei seiner Ankunft am Flughafen von San José in die Rettung eines Unfallopfers eingreift. Während ein weiterer anwesender Arzt erste Hilfe leistet, erscheint vor Murphys innerem Auge, für den Zuschauer als Einblendung sichtbar, ein grafisches Modell der menschlichen Anatomie, aus dem Murphy eine unerkannte Komplikation ableitet, bevor er mit viel Improvisationsgeschick das Leben des Opfers rettet.

Voller sozialer Doppelbödigkeiten

Dieser McGyver-Einsatz ist freilich bloß Köder einer Geschichte, die sich vor allem in den Krankenhausfluren des St. Bonaventure Hospitals im kalifornischen San José abspielt. Dorthin nämlich ist Murphy von seinem Mentor und Klinikchef Dr. Aaron Glassman (Richard Schiff) berufen worden - sehr zur Irritation des Chefarztes Marcus Andrews (Hill Harper) und des Star-Chirurgen Neil Melendez (Nicholas Gonzalez), die Murphys Andersartigkeit als potenzielle Bürde für den Ruf der Klinik, den Geldfluss von wohlhabenden Spendern und nicht zuletzt ihren eigenen Status sehen.

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"The Good Doctor": Ein Arzt, der sich begeistert

Und so wird dem autistischen Doktor nur nominell eine Chance gegeben - tatsächlich relegiert man ihn im OP in die hinterste Reihe. Anstatt sich also auf medizinische Detektivarbeit zu konzentrieren, muss Shaun Murphy ermitteln, wie man als Andersartiger in der hiesigen Hackordnung und in einer Welt voller sozialer Doppelbödigkeiten zurechtkommt.

Vieles in dieser Serie scheint zunächst krass klischeeverhaftet: die weise Vaterfigur, der arrogante Superstar, das verkannte Genie - gar nicht zu reden von den umwerfend attraktiven Medizinern, die aufregende Affären miteinander haben, oder der Tatsache, dass allein die einzige Frau (Antonia Thomas als Dr. Claire Browne) im Team der jungen Ärzte einen Zugang zu Shaun Murphy findet. Zwar wird zumindest einiges hiervon im Verlauf der Geschichte brüchiger. Aber es ist die Titelfigur selbst, mit der alles steht und fällt.

Freddie Highmore spielt Shaun Murphy mit einer fesselnden Mischung aus vibrierendem Enthusiasmus und ungelenker In-sich-Gekehrtheit, und er porträtiert ihn als Menschen mit erfreulich vielen Dimensionen. Murphy, dessen Geschichte mit Rückblenden in eine traumatische Kindheit aufgefächert wird, spricht mit einem seltsam nachdrücklichen Singsang und irritiert mit naiver Direktheit - er nimmt so gut wie alles wörtlich und ist oft unmöglich geradlinig.

"Sie sind sehr arrogant", attestiert er seinem überheblichen Chef Melendez, "hilft Ihnen das, ein guter Chirurg zu sein?" Den cleveren Drehbüchern zum Dank fungiert Murphys Autismus hier nicht als melancholisches Element (das besorgt der meist glücklich gelöste Fall der Woche), sondern als Gegengift für allzuviel Gefühligkeit - seine emotionale Distanz ist schließlich Kern der Geschichte. Und das Genie des jungen Doktors wird immer wieder ironisch gebrochen. Wie er den Nebel vorhersagen konnte, der den Rettungshubschrauber am Boden hält? "Ich gucke den Weather Channel."

Im Schnitt 17 Millionen Amerikaner schalten ein

Hin und wieder wird hier freilich auch mit denkbar grobem Pinselstrich gearbeitet, etwa in Murphys haarscharf am Schmalz vorbeischrammender medizinischer Motivation. Aber oft gelingt den Autoren eine feine Balance zwischen medizinischem Krimi, heimlichem Melodram und kluger Reflektion der Komplexitäten des menschlichen Miteinanders.

Der Schöpfer von "The Good Doctor", David Shore, entwarf bereits in "Dr. House" ein medizinisches Genie, dem jedes soziale Einfühlungsvermögen abgeht. Doch während "Dr. House" sich erst langsam zum Kulthit entwickelte, schlug "The Good Doctor", adaptiert von einer gleichnamigen koreanischen Serie, wie eine Bombe ein. Im Schnitt 17 Millionen Amerikaner schalteten während der bisherigen zehn Folgen ein, unerhört in einer Landschaft, in der sich immer mehr Menschen vom klassischen Fernsehen ab- und den Streamingdiensten zuwenden.

Eine Erklärung könnte sein, dass "The Good Doctor" ein Exemplar des zuletzt vielbeschworenen Feelgoodfernsehens ist, mit dem die Broadcastsender erfolgreich einen Gegenentwurf zu den düsteren Epen des Kabel- und Bezahlfernsehens erproben. Geschichten wie das komplizierte, liebenswerte Familiendrama "This Is Us" oder die Neuauflage der "Gilmore Girls" bieten erfolgreich ein warmes Kontrastprogramm zu den kalten, harten Wahrheiten aus Shows wie "The Handmaid's Tale" oder gar dem langen, dunklen Winter, der in "Game of Thrones" Einzug gehalten hat.

Bei allen gut dosierten Unterhaltungselementen ist "The Good Doctor" aber im Grunde die Emanzipationsgeschichte eines Andersartigen, und dies mag ihr größter Pluspunkt sein: Die Bekräftigung nämlich, dass der seltsame Shaun Murphy weder der Maßregelung noch der Beschützung durch seine Mitmenschen bedarf. Er verlangt bloß ihren Respekt.


"The Good Doctor", abrufbar bei Sky



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 05.01.2018
1.
"spricht mit einem seltsam nachdrücklichen Singsang" Was spätestens in der Synchro völlig verloren gehen wird. Man vergleiche nur mal andere markante englische Stimmen mit ihren deutschen Gegenstücken.
DJ Doena 05.01.2018
2.
Am coolsten fand ich bisher seine pragmatische Aussage am Ende der Folge "Oliver" mit dem Transplantionsorgan: "It was a good day. We saved a life. Just not Chuck's."
alexanderschulze 05.01.2018
3. Begeistert
Ich habe drei Folgen (die einzigen, die synchronisiert sind) bei Sky gesehen und bin ziemlich begeistert - bisher kriegt die Serie von mir eine 8 von 10. Als Serienjunkie traue ich mir ein Urteil da zu. Es ist viel "Dr. House" drin, aber auch viele andere dysfunktionale Serienfiguren. Ansprechend.
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