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US-Anwaltsserie "The Good Wife": Der Tote als Retter

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"The Good Wife": "Die Show wird nie mehr dieselbe sein" Fotos
AP/ CBS

Ist das mutig? Oder bescheuert? Die Macher von "The Good Wife" haben einen der Hauptcharaktere getötet. Viele Fans sind wütend. Dabei ist es eine geniale Wendung - die der US-Serie das Überleben sichert. Achtung, Spoiler!

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, haben Sie die Folgen der fünften Staffel von "The Good Wife" noch nicht gesehen? Wollen Sie sich die Vorfreude nicht verderben? Dann sollten Sie hier möglicherweise nicht weiterlesen.

Ein Schuss. Und noch einer. Entsetzen. Blut. Tränen. Es geschieht unvorhergesehen, im Gerichtssaal, ausgerechnet. Will Gardner ist tot. Eine der Hauptrollen, einer der Sympathischsten und Besten in der US-Anwaltsserie "The Good Wife". Erschossen von seinem eigenen Klienten. Es gab keine Vorwarnung. Keine Zeit, in der man sich hätte darauf vorbereiten können. Zurück bleibt ein fettes Fragezeichen.

Mein Schock über die Entscheidung der Serienmacher dauerte zwei Folgen lang. Ich war einer von unzähligen Fans, die es erst nicht wahrhaben wollten. Auf Twitter gehörte dieser Kommentar noch zu den netteren: "Ich heule gerade wie ein Wasserfall. Warum mussten sie das tun? Die Show wird nie mehr dieselbe sein." Denn mit dem Ende von Gardner ist auch das Beziehungsdreieck aus ihm, Alicia Florrick (der titelgebenden Good Wife) und ihrem untreuen Ehemann Peter Florrick zerstört. Es war eines der spannendsten in der Seriengeschichte. Jetzt ist Gardner tot, und damit starb auch die Hoffnung auf ein Happy End für ihn und Alicia.

Die Serienmacher Robert und Michelle King reagierten schnell auf die Wut der Anhänger. Sie schrieben einen Brief an die "lieben, loyalen Good-Wife-Fans", in dem sie ihre Entscheidung erklärten. Schon vor einem Jahr habe Gardner-Schauspieler Josh Charles angekündigt, die Serie verlassen zu wollen, um sich auf andere Projekte zu konzentrieren. Sie hätten seine Rolle einfach die Stadt verlassen oder heiraten lassen können, heißt es in dem Brief. Das wäre der Leidenschaft zwischen Alicia und Will allerdings nicht gerecht geworden. "Wills Tod treibt Alicia in ihre neueste Inkarnation."

So ein Schmarrn, dachte ich beim ersten Lesen. Geniale Idee, denke ich heute.

So schief kann der Serientod gehen

Und dabei weiß ich, wie gefährlich es für eine Serie werden kann, eine Hauptrolle zu töten. Unvergessen ist beispielsweise der Autounfall in der Teenie-Serie "O.C. California", bei dem Marissa ums Leben kam. In den Folgen davor hatte sie durch Drogen, Alkohol, ihre Lesben- und Böse-Jungs-Phase genervt. Die Trauer ihrer Verwandten wirkte deswegen unglaubwürdig - und wurde dennoch bis in die Unerträglichkeit ausgereizt.

Nur in wenigen Fällen hat der Tod einer zentralen Figur bisher die Serie wirklich vorangebracht: In "Ally McBeal" zum Beispiel starb die - inzwischen anderweitig verheiratete - Kindergartenliebe der Anwältin ebenfalls im Gerichtssaal. Billy Thomas kippte einfach um, Hirntumor. Die Drehbuchautoren schafften es jedoch, Ally McBeal gestärkt und reifer aus der Tragödie hervorkommen zu lassen - und ihr mit Larry Paul (Robert Downey Jr.) wieder einen glaubhaften Partner an die Seite zu stellen.

Geniale Handlung, geniale Dialoge

Jetzt versucht sich also "The Good Wife" an einem Todesfall im Maincast. Seit den Schüssen sind zwei weitere Folgen ausgestrahlt worden, natürlich dreht sich alles um die, die zurückgeblieben sind, und wie sie mit dem Verlust umgehen. Und wenn ich ehrlich bin: Die Serie war nie besser.

Schon die Schießerei selbst war brillant umgesetzt: Der Zuschauer sieht nicht, wie Will erschossen wird, er hört es nur. Wir sehen die entsetzten Gesichter. Später erleben wir die Szene in kurzen Rückblenden. Wir dürfen ahnen. Und die eigene Phantasie ist mächtiger als das, was wir an fertigen Bildern vorgesetzt bekommen. Die Serienmacher lassen den Raum dafür.

Und die Trauer? Es hätte ganz leicht sehr kitschig werden können. Doch die aktuelle Folge beginnt nach der Beerdigung - uns bleiben also die Reden, die schwarzen Anzüge, das Erde-Werfen erspart. Stattdessen sehen wir zwei der wichtigsten Frauen in Gardners Leben lachend mit ihren Martinis: seine Geschäftspartnerin und enge Freundin Diane Lockhart. Und die Liebe seines Lebens, Alicia Florrick. Endlich spielen die Frauen wieder in einem Team. Nachdem Florrick die Anwaltskanzlei im Streit verlassen hatte, um ihre eigene Firma zu gründen, hatte es wochenlang erbitterten Streit zwischen den ehemaligen Kollegen und Freunden gegeben. Jetzt sitzen sie da mit jeweils zwei Oliven auf ihrem Zahnstocher. "Wenn ich vor dir sterbe, lass sie auf meiner Beerdigung bitte nicht 'Wind Beneath My Wings' spielen", sagt Florrick.

Und endlich, nach fünf langen Staffeln, schreit sie ihrem Ehemann ins Gesicht, dass Schluss ist. Jetzt, wo es für sie und Will zu spät ist. Es ist einer der schärfsten Dialoge der Staffel:

Peter: "Look, you lost a friend. You didn't lose a child. You didn't lose your husband."

Alicia: "I lost my husband a long time ago."

Peter: "How many times do I have to tell you: When I cheated, it didn't mean anything!"

Alicia: "Well, then that was a waste. Because when I cheated, it did!"

Dass sich die Macher von "The Good Wife" getraut haben, die Serie in eine komplett andere Richtung zu steuern, ist mutig. Und ja, auch wenn es immer noch ein bisschen schmerzt, es zuzugeben, genau richtig.

Wie es in der aktuellen Staffel weitergeht, konnte man nach der aktuellen Folge schon erahnen. Da ist Alicia, die sich vor Gericht für den Mann einsetzt, in dessen Armen Will gestorben ist. Da ist Powerschnüfflerin Kalinda, die vor Wut und Trauer zu neuen Hochformen aufläuft. Da ist der interne Kampf in der Anwaltskanzlei um Gardners Posten. Und da ist Schauspieler Michael J. Fox, der ans Set zurückkehrt und für mächtig Zoff sorgt.

Kurz: Es bleibt spannend. Etwas Besseres kann einer Serie nach fünf Staffeln nicht passieren. Will Gardner ist tot. Und hat "The Good Wife" damit das Überleben gesichert.

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insgesamt 9 Beiträge
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    Seite 1    
1. Der Tote als Retter ... genial?
GSYBE 16.04.2014
Dies ist nicht neu, also mitnichten genial. In `Game Of Thrones´ durfte Ned Stark schon auf den ersten Seiten / in den ersten Episoden sterben; und jetzt raten Sie mal, wer in über 60 Episoden oder über 10.000 geschriebenen Seiten ständig präsent war/ist/sein wird.....
2. Jahre zu spät…
Angie 16.04.2014
Wohl noch nix von »Sopranos«, »Six Feet Under«, »Sons of Anarchy«, »Game of Thrones« gehört? In US-amerikanischen (internationalen) Serien gehört es seit mindestens 15 Jahren zum Prinzip, immer wieder Hauptfiguren zu töten. Das erhöht die Spannung…
3. Netter Artikel
bru.zag 16.04.2014
Das Einzige, was man dem Autor vorwerfen kann: Es hört sich so an, als sei das Ableben von Hauptcharakteren etwas bahnbrechendes oder Neues. Ist es nicht, und ich vermute, die Autoren waren ermutigt durch den Erfolg von bspw. "Game of thrones", die trotz oder gerade wegen den unvorhergesehenen Toden diverser Hauptfiguren erfolgreich ist. Ansosnten schreibt hier ein Serienfan mit Herzblut, gefällt mir.
4. optional
no_title 16.04.2014
Großartig. Allerdings gab es - neben Ally McBeal - auch sonst ein paar echt gute Serientode. Zum Beispiel George in "Grey's Anatomy". Oder Billborough (und Beck) in "Für alle Fälle Fitz". Oder Lem in "The Shield". Oder Adriana und Christopher in "Sopranos". Eher suboptimal: Bobby Ewing in "Dallas"...
5. jetzt müssen nur noch die Kinder weg
wehwehwehdievernunft 16.04.2014
Kalinda ist der Held dieser Serie und die lebt. Und wie! Will, die Schlaftablette, wird niemand vermissen.
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