Ende der US-Serie "The Leftovers" Wenn die Welt in Trümmern liegt

Die US-Serie "The Leftovers", die von den Folgen der Apokalypse handelt, geht nach drei Staffeln zu Ende. Was bleibt, sind keine Antworten, sondern nur Schmerz.

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Die Apokalypse kommt und reißt zwei Prozent der Menschheit mit sich. 140 Millionen Personen. Einfach so. Ohne Erklärung. So hatte die HBO-Serie "The Leftovers" begonnen, deren dritte und letzte Staffel am Sonntag zu Ende geht.

Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie von einem solchen Ereignis ergriffen wird? "The Leftovers" zoomt auf die Familie Garvey. Kevin (Justin Theroux), Vater von zwei Kindern, arbeitet als Polizeichef in Mapleton. Seine Frau Laurie (Amy Brenneman) hat ihn verlassen, um sich den "Guilty Remnant", einer Sekte, anzuschließen. Seine Teenager-Tochter versucht alles, um irgendwas zu spüren, und sein Sohn arbeitet für einen anderen religiösen Kult.

An diesem Familienauszug lässt sich das ganze Spektrum der Trauerbewältigung in einer Gesellschaft durchexerzieren. Die einen flüchten in ein obsessives Glaubenssystem, um das Unerklärbare erklärbar zu machen. Die anderen in rationalisierende Verdrängung oder Fatalismus. Was bleibt, ist das Chaos.

Die Trauer zählt, nicht Antworten

Damon Lindelof adaptierte vor drei Jahren Tom Perrottas gleichnamiges Buch als Serie und schrieb gemeinsam mit dem Autor auch das Drehbuch. Lindelof hatte durch "Lost" Weltruhm erlangt. Als die Serie nach 121 Folgen und sechs Staffeln endete, waren die Fans enttäuscht, weil ihnen die Antwort auf die große alles entscheidende Frage zu banal vorkam.

Bei "The Leftovers" will Lindelof keine Antworten geben, sondern sich intensiv mit kollektiver Trauer beschäftigen. Diesen Gefühlszustand, den alle Betroffenen anders erleben, rahmt Lindelof so gekonnt-düster ein, dass es für manche sogar schwierig ist, überhaupt einen Einstieg in die Serie zu finden.

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US-Serie-"Leftovers": Wenn nur noch Glaubenssysteme helfen

In Paris sitzt Lindelof neben dem Schauspieler Justin Theroux beim Interview. Plötzlich wird das Gespräch unterbrochen. Eine Prozession marschiert vorbei. Es ist Karfreitag. Lindelof und Theroux zücken ihre Smartphones, laufen zum Fenster und sehen auf der Straße Menschen, die singend ihre Religion ausleben. Es könnte eine Szene aus "The Leftovers" sein. "Dieses Gefühl, die Wahrheit nicht zu verstehen, veranlasst dazu, nach Narrativen zu suchen, die zur eigenen Ideologie passen. Das sind vor allem religiöse", sagt Lindelof.

Das D-Wort

Die dritte Staffel beginnt, wie bereits die zweite, fast idyllisch für die erweitere Familie Garvey. Sieben Jahre sind vergangen seit der "Departure" (Abreise), wie das Verschwinden von Millionen Menschen in der Serie bezeichnet wird. Kevin lebt mittlerweile in der Kleinstadt Miracle Town of Jarden. Seine Exfrau hat einen neuen Partner, sein Sohn arbeitet mit ihm bei der Polizei, die Tochter besucht das College. Die Sekte der ketterauchenden stummen "Guilty Remnant" wurde durch einen Drohnenangriff umgebracht - die offizielle Version lautet natürlich anders. Gewalt liegt in der Luft, denn der siebte Jahrestag der Departure naht.

Sieben, die biblische Zahl: sieben Todessünden, sieben Tugenden, sieben Wunder und die Überlieferung der sieben Worte Jesu. Gerade Polizist Kevin Garvey soll als neue, moderne Heiligenfigur herhalten. Er trank Gift und überlebte. Er wurde erschossen und überlebte. Jedes Mal ist er auferstanden. Und die ganze Zeit bleibt eine Frage: Muss er noch mal sterben, um die Apokalypse zu verhindern?

Kevin flüchtet nach Australien: Er kann den eigenen Wahnstörungen nur temporär entkommen und stülpt sich als Bewältigungsmechanismus eine durchsichtige Plastiktüte über den Kopf, die er mit Klebeband befestigt, um Atemnot zu spüren. Gerade in diesen Szenen zeigt sich die ganze körperliche Intensität des Schauspielers Theroux, die aus weit mehr als Sixpack, Jogginghose mit sichtbarer Beule und Augenbrauen-Spiel besteht. Er spielt seine Figur, eine Art moderner passiver Schmerzensmann, mit einer Doppeldeutigkeit zwischen Pragmatismus und Wahnsinn.

Die düsteren Emotionen

Damon Lindelof geht es um das Herausschälen tiefer Emotionen. Um die Gefühle, die wir noch nicht mal unserem Tagebuch anvertrauen würden. "The Leftovers" schafft es, den Schmerz der Figuren so stark zu transportieren, dass einem selbst die Luft stecken bleibt und ständig nur ein Unbehagen zurückbleibt.

Grundsätzlich könnte die Serie jederzeit wegen der überladenen Symbolik (Hunde, Bibel, Rehe, Traumszenen, Jenseitserfahrung) schnell ins Lächerliche kippen. Doch das geschieht nie, denn selbst in einer Szene, die einen Aufstand zeigt und mit einem großen Feuer in der Nachbarschaft endet, enthält sich die Regie der möglichen Effekthaschereien und arbeitet lieber mit einer leisen, emotionalen Subtilität.

Was bleibt also übrig von "The Leftovers"? Eine kleine Erkenntnis: Wenn die Welt in sich zusammenfällt, brauchen wir Glaubenssysteme, die uns am Leben halten. Diese Glaubenssysteme führen zu Spannungen und diese Spannungen wiederum zu Gewalt. Es scheint keinen Ausweg zu geben. Wobei Lindelof sich dem Topos der Hoffnungslosigkeit verweigert. "Hoffnung ist nicht ewig, sie muss verloren gehen, um wiedergefunden zu werden", sagt er.

In einer Szene aus der dritten Staffel besteigen Nora (Carrie Coon) und Erika (Regina King) ein Trampolin. Sie springen herum, lächeln, es läuft Wu-Tang-Clan. Ein kleiner Moment des Glücks oder Verdrängung, die als Glück empfunden wird? Antworten wird es nicht geben, außer vielleicht diese: Wenn die Apokalypse kommt, sind wir verloren.

Alle drei Staffeln von "The Leftovers" sind in Deutschland bei Sky verfügbar, die ersten beiden könne auch bei Amazon und iTunes erworben werden.

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