Serien-Event über 9/11 Krieg der Versager

Die Amazon-Serie "The Looming Tower" erzählt von den Männern bei CIA und FBI, die vielleicht die Anschläge vom 11. September 2001 hätten verhindern können - und sich doch nur gegenseitig zugrunde gerichtet haben.

Amazon/ Hulu

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Im Jahr 1998 war die Welt eine andere, eine bessere, so fühlte es sich an. Wenn man zum westlichen Teil dieser Welt gehörte, wenigstens (man sah ja auch nur den). Die Menschen entdeckten das Internet, diskutierten über Britney Spears, Viagra auf Rezept, den Fleck auf dem blauen Kleid von Monica Lewinsky. In Deutschland fragte sich das Feuilleton, wann das endlich ein Ende habe mit der Spaßgesellschaft. Was haben wir gelacht.

Ein Mann namens Osama Bin Laden rief in einem TV-Interview alle Muslime zum Mord an US-Bürgern auf, den Namen hatte man bald vergessen. In Kenia und in Tansania rissen zwei Bomben vor den US-Botschaften fast zeitgleich mehr als 200 Menschen in den Tod, doch zehn Tage später gab Bill Clinton die Sache mit Lewinsky zu, das war dann wichtiger.

Drei Jahre später stürzten in New York am 11. September die beiden Türme des World Trade Centers ein und alle fragten sich, warum das niemand kommen sah.

Tief im Bürokratensumpf

Die neue Serie "The Looming Tower" auf Amazon erzählt von den Männern, die es nicht nur kommen sahen, sondern es vielleicht hätten verhindern können. Von den Terrorexperten beim FBI und CIA, die al-Qaida und Bin Laden auf der Spur gewesen waren, sich aber weigerten, diesen Kampf gemeinsam zu führen. Die währenddessen gegeneinander in den Krieg zogen, Behörde gegen Behörde, um im Bürokratensumpf den eigentlichen Feind aus den Augen zu verlieren. Tragische Helden könnte man sie nennen, wenn man es gut meint. Versager, wenn nicht.

Auch Lewinskys Kleid spielt eine Rolle in "The Looming Tower", immer wenn ein Fernseher im Bild ist und die Nachrichten aus dem Jahr 1998 zeigt. Alle sehen hin, auch die Agenten. Das Kleid ist überall, Sinnbild für die Ignoranz der Wohlgenährten. Wie ein Schleier, der sich über die echte Welt gelegt hat.

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Serien-Event "The Looming Tower": Behörde gegen Behörde

Doch die echte Welt gibt es noch, und in der jagt der New Yorker FBI-Ermittler John O'Neill (Jeff Daniels) den Bösen hinterher. Für O'Neill sind das vor allem islamistische Terroristen, die den USA den Dschihad erklärt haben, und der CIA-Mann Martin Schmidt (Peter Sarsgaard), der in Washington seine eigene Anti-Terror-Einheit leitet. Die beiden sollten zusammenarbeiten, Ermittlungsergebnisse austauschen, aber sie halten einander für nicht viel weniger gefährlich als die Terroristen.

Vielleicht haben sie recht. "The Looming Tower" zeichnet den Kampf dieser beiden Männer und ihrer Behörden als bittere Chronik des Scheiterns und der verpassten Chancen nach.

O'Neill gab es wirklich: Ein charmanter, aber eitler Patriot und Lebemann mit Hauruck-Attitüde, der al-Qaida vielleicht näherkam als alle anderen, aber immer wieder abgelenkt war von Disziplinarverfahren gegen ihn; und von den vier Frauen in seinem Leben, die nichts voneinander wussten. Als er das FBI 2001 verlassen musste, heuerte er als Sicherheitsmann im World Trade Center an. Dort starb er am 11. September.

Arabisch? So gut wie unbekannt

Andere Figuren setzen sich laut Serienmitschöpfer Wright zugunsten der Dramaturgie aus mehreren realen Charakteren zusammen. Etwa CIA-Mann Schmidt, der allerdings unschwer als Michael Scheuer zu erkennen ist - damaliger Leiter der Anti-Terror-Einheit "Alec Station" beim CIA, bekannt für seine maßlose Arroganz wie für seine Skrupellosigkeit. Einer, der lieber Bomben werfen lassen wollte, als zu lange zu warten; der tote Zivilisten in Kauf nahm, wenn es um das große Ganze ging. O'Neill war für ihn nur ein kurzsichtiger Heuchler, der jeden festgenommen hätte, um seine Karriere voranzubringen; dem das große Ganze eigentlich egal war. Scheuer lehnte es allerdings ab, sich von den Serienmachern zu seiner Sicht der Dinge befragen zu lassen, was auch ein Grund dafür sein dürfte, dass er nicht mit echtem Namen auftaucht.

Wenn es tatsächlich einen Helden in dieser Geschichte gibt, dann ist es wieder eine reale Figur: der junge muslimische Ermittler Ali Soufan (Tahar Ramin), der im Jahr 1998 einer von acht FBI-Leuten ist, die Arabisch können, unter insgesamt 10.000. Als Protegé von O'Neill arbeitet er härter und besessener als alle anderen, sieht die Gefahr im Großen wie im Kleinen, hat Zugang zu denen, die sonst nie mit einem amerikanischen Agenten sprechen würden. Und trotzdem rennt er bei den Ermittlungen immer wieder gegen Mauern, die seine Vorgesetzten hochgezogen haben, nicht die Terroristen.

Vielleicht kommt Soufan in "The Looming Tower" etwas übertrieben ehrenhaft weg, was daran liegen kann, dass er als Berater und Produzent beteiligt war. Doch sonst gibt sich diese Serie bewundernswert nüchtern und klarsichtig; versucht im unübersichtlichen Geflecht der Kompetenzen und Begehrlichkeiten ruhig herauszuarbeiten, was damals passiert ist zwischen 1998 und 2001; oder eben, was nicht passiert ist. Warum alles so schrecklich schief ging.

Es ist keine neue Geschichte. Co-Autor Wright erzählte sie schon in seinem Buch "Der Tod wird Euch finden", für das er den Pulitzerpreis bekam. Doch während das Buch die großen Zusammenhänge suchte und vor allem den jahrzehntelangen Aufstieg von al-Qaida beschrieb, konzentriert sich die Serie ganz auf die amerikanische Perspektive; auf den Wandel einer Nation, die sich unbesiegbar fühlte und langsam den großen Irrtum dahinter erkennt.

New York, London und Nairobi

Dass "The Looming Tower" dabei so packend wie glaubwürdig ist, liegt neben den durchweg hervorragenden Schauspielern und Lawrence Wrights Vorlage auch an den anderen beiden Serienschöpfern Alex Gibney und Dan Futterman. Der oscargekrönte Dokumentarfilmer Gibney ("Taxi zur Hölle") sorgt für die klare Struktur, puzzelt den Wust an Informationsfetzen präzise zusammen, schafft Überblick, wenn die Handlung zwischen New York, London und Nairobi hin und her springt; Drehbuchspezialist Futterman ("Capote") hat währenddessen das menschliche Drama im Blick, sucht und findet die emotionalen Höhepunkte, die kleinen und die großen.

Zusammen ergibt das eine große Tragödie, die immer noch fassungslos macht; die zeigt, dass die Welt damals weder groß anders noch irgendwie besser war. Es waren nur alle mit anderen Dingen beschäftigt.

Auf zehn Teile ist "The Looming Tower" angelegt, bei großem Erfolg könnten es mehr werden, heißt es. Davon ist auszugehen.


"The Looming Tower", ab Freitag, verfügbar bei Amazon Prime Video



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troka 09.03.2018
1. 9/11, nsu.....
VERSAGEN ist zum Synonym für VORSATZ geworden. Jede Verquickung staatlicher Institutionen in angeblich terroristische Anschläge wird mit dem Mantra des VERSAGENS verklärt und verhindert die Antwort auf die Frage: WER WAR DAS WIRKLICH? Das WARUM kann sich jeder selbst erklären. Sowohl bei 9/11 als auch beim NSU gibt es plausible politische Gründe für das VERSAGEN. 9/11 ebnete dem US Regime den Weg zum weltweiten Krieg gegen die arabische Welt im Kampf um Rohstoffe und geopolitische Strategie. Man braucht schon sehr viel Blauäugigkeit und einen simplen Verstand, um die Logik dieser Geschehnisse zu negieren.
Anandamid 09.03.2018
2. "Wirtschaft ist Krieg"
Mir kommt es gerade so vor, als wollte Donald Trump an Rezepte des Neocon-Zeitalters anknüpfen bzw. würde sich auf die republikanische Kontinuität besinnen. Sry, no name-dropping here ;-)
multi_io 09.03.2018
3.
Zitat von trokaVERSAGEN ist zum Synonym für VORSATZ geworden. Jede Verquickung staatlicher Institutionen in angeblich terroristische Anschläge wird mit dem Mantra des VERSAGENS verklärt und verhindert die Antwort auf die Frage: WER WAR DAS WIRKLICH? Das WARUM kann sich jeder selbst erklären. Sowohl bei 9/11 als auch beim NSU gibt es plausible politische Gründe für das VERSAGEN. 9/11 ebnete dem US Regime den Weg zum weltweiten Krieg gegen die arabische Welt im Kampf um Rohstoffe und geopolitische Strategie. Man braucht schon sehr viel Blauäugigkeit und einen simplen Verstand, um die Logik dieser Geschehnisse zu negieren.
Daran ist überhaupt nix "plausibel", und zu den Fakten passt es schon garnicht. Florierender Rohstoffhandel klappt mit einer halbwegs stabilen arabischen Diktatur, so wie es sie vor 2001 gab, viel besser als mit einer im Chaos versinkenden islamistischen Anarchie. Das war auch in der Vergangenheit so. Die USA haben keinen einzigen der Ölstaaten im nahen Osten "erobert" und zahlten bis zum Fracking-Book vor ein paar Jahren mehr für ihre Rohstoffimporte als je zuvor. Dieser ganze angebliche "Krieg gegen die Araber um Rohstoffe" ist eine Fata Morgana, die seit Jahrzehnten antiwestlichen Verschwörungstheoretikern als Vehikel dient, auf das sie ihre wirren Visionen projizieren können. In den ganzen Jahrzehnten, in denen die parasitären Ölstaaten im nahen Osten nicht aus dem Knick kamen und sich von immer neue religiösen Fanatikern das Hirn verbruzzeln ließen, sind Tigerstaaten in Asien von Drittweltniveau zu modernsten Industrie- und Informationsgiganten aufgestiegen, ohne dass die bösen USA sie daran gehindert hätten. All das fliegt offenbar regelmäßig unter dem Wahrnehmungsradar von Leuten wie Ihnen durch. :D
Paul Max 09.03.2018
4. ......
sie haben sich nicht gegenseitig vernichtet, sondern die Welt (Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien; Mali, Nigeria, Sudan, u.a.) zugrunde gerichtet. So wird ein Schuh draus. Die Frage ist nur, gewollt oder aus Unfähigkeit. Vielleicht werden wir es nie erfahren
quark2@mailinator.com 09.03.2018
5.
Zitat von multi_ioDaran ist überhaupt nix "plausibel", und zu den Fakten passt es schon garnicht. Florierender Rohstoffhandel klappt mit einer halbwegs stabilen arabischen Diktatur, so wie es sie vor 2001 gab, viel besser als mit einer im Chaos versinkenden islamistischen Anarchie. Das war auch in der Vergangenheit so. Die USA haben keinen einzigen der Ölstaaten im nahen Osten "erobert" und zahlten bis zum Fracking-Book vor ein paar Jahren mehr für ihre Rohstoffimporte als je zuvor. Dieser ganze angebliche "Krieg gegen die Araber um Rohstoffe" ist eine Fata Morgana, die seit Jahrzehnten antiwestlichen Verschwörungstheoretikern als Vehikel dient, auf das sie ihre wirren Visionen projizieren können. In den ganzen Jahrzehnten, in denen die parasitären Ölstaaten im nahen Osten nicht aus dem Knick kamen und sich von immer neue religiösen Fanatikern das Hirn verbruzzeln ließen, sind Tigerstaaten in Asien von Drittweltniveau zu modernsten Industrie- und Informationsgiganten aufgestiegen, ohne dass die bösen USA sie daran gehindert hätten. All das fliegt offenbar regelmäßig unter dem Wahrnehmungsradar von Leuten wie Ihnen durch. :D
Na so einfach ist es ja nun auch nicht. Ich empfehle sehr das Buch "Der Preis" vom Pulitzerpeis-Träger Daniel Yergin. Die Ablösung des demokratisch gewählten Präsidenten des Iran (Mousadek) als der die Ölfelder verstaatlichen wollte, durch den Schah, ist ja nun wirklich keine Fantasie. Allerdings sind diese Dinge halt kompliziert und nicht so einfach schwarz/weiß.
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