Neue Serie der "Gilmore Girls"-Macherin Frauen, rettet die Welt!

Sie wollten mal eine Serienpause einlegen? Aber doch nicht jetzt! Mit "Mrs. Maisel" kommt eine Lichtgestalt auf den Bildschirm, die mit ihrem Mundwerk und Optimismus die Welt erhellt.

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Ehefrauen mit wahrer Hingabe kennen keine Nachtruhe. Wie Midge Maisel. Erst wenn das Licht gelöscht und der Göttergatte schnarchend der süßen Ahnungslosigkeit verfallen ist, schleicht sie leise ins Bad, um das perfekte Gesicht des Tages in einem aufwendigen Abschminkritual zu entfernen. Mit den ersten Sonnenstrahlen steht sie dann schon wieder vor dem Spiegel, um den Mann des Hauses beim Weckerklingeln mit Lippenstift, Rouge, künstlichen Wimpern und ohne Zweifel wunderbar duftend zu seinem Tagwerk begrüßen zu können.

Die neue Serie der "Gilmore Girls"-Macherin Amy Sherman-Palladino spielt im New York der Fünfzigerjahre, und das Patriarchat befindet sich noch in schönster Ordnung. Midge Maisel akzeptiert das nicht nur; sie sieht es als Lebensaufgabe, ihrem Joel das Leben leicht zu machen. Der will Karriere als Stand-up-Comedian machen, und sie zählt bei seinen Amateurauftritten im Gaslight Café die Lacher im Publikum.

Dabei ist es Midge, die einen ganzen Saal mit ihrer Präsenz gefangen und ihrer Schnodderschnauze zum Kochen bringt. Nur ahnt sie anfangs noch nichts von ihrem Talent. "The Marvelous Mrs. Maisel" heißt Sherman-Palladinos erste Serie für Amazon, und wundervoll fürwahr sind diese Figur und ihre Darstellerin Rachel Brosnahan.

Überhaupt lässt sich auf den Punkt bringen: Wenn Sie an Serien-Übermüdung leiden und sich eine Pause gönnen wollten, um mal wieder ein gutes Buch zu lesen - sorry, jetzt bitte nicht. Lassen Sie sich von "Mrs. Maisel" beglücken. Denn das ist es ja: Es handelt sich hier nicht nur um die Serie der Stunde, die so vieles auf den Punkt bringt, was uns heute umtreibt - ja, auch die Sexismus-Debatte. Sie ist vor allem so geradezu bestürzend unterhaltsam und witzig, dass sie die angeblich so düsteren Zeiten heller erleuchtet als ein ganzer Wald Weihnachtsbäume.

"Mrs. Maisel" kreuzt für die Geschichte einer langsamen Emanzipation die opulente Eleganz von Douglas Sirks Fünfzigerjahre-Melodramen wie "Was der Himmel erlaubt" mit dem überbordenden Ratatat-Witzhagel der Screwball-Komödien aus den Dreißigern. Klassiker wie "Leoparden küsst man nicht" standen schon Pate für die legendären Dialog-Orgien von Sherman-Palladinos "Gilmore Girls", aber mit den funkelnden Wortkaskaden von "Mrs. Maisel" dringt sie in neue Sphären vor.

Frech, sexy und aufmüpfig

Ausgerechnet die Fünfzigerjahre, landläufig eher identifiziert mit Restauration und Moralinsäure, erstehen hier frech, sexy und aufmüpfig wieder auf. Sherman-Palladino porträtiert das Jahrzehnt und seine Beat Generation als Keimzelle des gesellschaftlichen Aufbruchs, den die Sixties erst weiterführten und sichtbar machten. Ihre Midge Maisel macht sich auf den Weg, wenn zunächst auch unfreiwillig. Denn als verheiratete Frau an New Yorks Upper West Side hat sie eigentlich alles: Sicherheit, Status, Schönheit.

In die Brüche geht dieses Bilderbuchleben, als Ehemann Joel (Michael Zegen) die Mutter von zwei kleinen Kindern für seine Sekretärin verlässt. Betrunken und im Nachthemd landet nun Midge auf der Bühne des Gaslight Café, wo sie sich nicht nur oben herum freimacht (und dafür eine Nacht in der Arrestzelle verbringt), sondern ihre Krise in einen dreckigen Wortwitz verwandelt, der dem Publikum Lachtränen in die Augen treibt. Eine neue Midge ist geboren.

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"The Marvelous Mrs. Maisel": Aufbruch der Beat Generation

Aber wie soll das zusammengehen? Das verwöhnte Mädchen von der feinen Upper West Side, das in einem mondänen Appartement direkt über dem von Mama und Papa wohnt und sich bisher vor allem Sorgen über den Umfang seiner Schenkel machte. Und die Komikerin, die dieses privilegierte Leben auf der Bühne im Greenwich Village auf bestürzend offene und komische Weise in Frage stellt und zwischen kiffenden Folksängern und Sozialisten auftritt.

Was Midge aus diesem Widerspruch macht, ist an sich schon spannend genug. Aber "Mrs. Maisel" bietet ein solches Überangebot an Figuren, Situationen und Stimmungen, dass man ihrer Welt völlig verfällt. Zunächst sind es die Schauspieler, die begeistern. Allen voran die bisher unbekannte Rachel Brosnahan, die zuvor nur in einer Nebenrolle in "House of Cards" auffiel und sich hier selbstgewiss, klug und witzig in einen Rausch spielt. Katharine Hepburn reloaded.

Ein betörendes, sinnliches Spektakel

Sehr schnell aber spürt man, dass Sherman-Palladino mit "Mrs. Maisel" noch mehr will. Und, wie sie immer wieder betont, dafür von Amazon absolute künstlerische Freiheit bekam. So macht sie aus einem Stoff, der als bessere Sitcom hätte enden können, ein betörendes, sinnliches Spektakel. Die Kamera wirbelt und jubiliert durch detailsatte Plansequenzen, an denen man sich einfach nicht sattsehen kann.

Trotzdem tritt nie in den Hintergrund, worum es in "Mrs. Maisel" eigentlich geht: Den Wert der Freiheit der Meinungsäußerung und Kunst am Beispiel von Stand-up, der US-amerikanischen Form des Kabarett. Nicht umsonst taucht immer wieder der legendäre Lenny Bruce als Nebenfigur auf, jener Comedian, der Stand-up mit seiner gnadenlosen Satire gesellschaftlich relevant machte und dafür Mitte der Sechzigerjahre in beinahe keinem US-Bundesstaat mehr auftreten durfte.

Ganz klar, dass hier mit Blick auf Trump der Hallraum zum Heute ist, den "Mrs. Maisel" bespielt. Wohl gerade deshalb wirkt der Optimismus, den die Hauptfigur verströmt, so nachhaltig. Einmal sagt Midge Maisel: "Keine Sorge, Frauen werden übernehmen und die Welt heil machen."

Wir bitten darum.


"The Marvelous Mrs. Maisel". Ab 29. November 2017 bei Amazon, deutsche Synchronfassung ab 26. Januar



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no_title 28.11.2017
1.
Mehr als die Pilot-Folge kann ich bis jetzt nicht finden. :-(
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