Comedy-Star Mindy Kaling: Gynäkologin im Glitzerfummel

Von Nina Rehfeld

Sie ist nicht perfekt, sie hat 'ne freche Klappe - und ist extrem erfolgreich: Mindy Kaling hat ihre eigene Serie im US-Fernsehen. In "The Mindy Project" kombiniert die Autorin und Darstellerin Polit-Comedy mit romantischer Komödie - für viele Kritiker mit das Beste, was die neue Fernsehsaison zu bieten hat.

Mindy Kaling: Die Senkrechtstarterin in der US-Comedy Fotos
dapd

Was möchte eine smarte, erfolgreiche Frau wirklich vom Leben? Na was wohl: eine romantische Beziehung. Das ist jedenfalls, was die Gynäkologin Mindy Lahiri in Fox' neuer Comedyserie "The Mindy Project" im Sinn hat, und man könnte die Augen flehend zum Himmel wenden, wenn nicht Mindy Kaling diese energische und hoffnungslos romantische Person verkörpern würde, die kein Fettnäpfchen auslässt.

Kaling ist besser bekannt als die oberflächliche Rezeptionistin Kelly Kapoor aus der US-Version von "The Office". Mit "The Mindy Project" hat sie nun ihre erste eigene Serie konzipiert und geschrieben - und leistet damit Pionierinnenarbeit: Sie ist die erste woman of color mit einer eigenen Comedy-Serie im US-Fernsehen. Und nicht nur das: "The Mindy Project" zählt für viele Kritiker zum Besten, was die neue Fernsehsaison zu bieten hat.

Schon die Eingangsszene: In weichgezeichneten Flashbacks werden die Kindheit und Jugend von Mindy als Abfolge von Videomarathons aufgeblättert: "Harry und Sally", "E-Mail für Dich", "Notting Hill". Schnitt. Jetzt arbeitet Mindy als Gynäkologin in einem Krankenhaus, in dem Kollege Dr. Danny Castellano (Chris Messina) keine Gelegenheit ungenutzt lässt, um die Kompetenz seiner Kollegin anzuzweifeln.

Kaling schreibt, produziert und spielt selbst

Kaling ist ihrer Figur durchaus ähnlich. Sie beschreibt sich selbst als extrem ehrgeizig, sie ist ein großer Fan romantischer Komödien und hat eine Schwäche für die Jungs aus der Basketball-Liga NBA, mit denen Mindy Lahiri in einer Episode in einem Nachtclub anbandelt. Und dann ist da noch die Begeisterung für glitzernde Klamotten, die in "The Mindy Project" eine erregte Diskussion auslöst.

"Frauen finden so was scharf, Männer nicht", sagt Dr. Castellano in einer Szene, und die Stationssekretärin versucht zu beschwichtigen: "Sie ist ja nicht mal in diesem Land aufgewachsen." Mindy retourniert: "Doch, bin ich, aber danke", woraufhin Castellano nachsetzt: "Weißt du, was wirklich gut aussähe? Wenn du 15 Pfund abnehmen würdest!"

Kaling trägt auch im wahren Leben gern paillettenbestickte Glitzerkleider, und sie scheut sich nicht, ihre leicht pummelige Figur zum Thema zu machen. "Ich lese für mein Leben gern über Diäten. Aber ich kann mich nicht dran halten", sagte sie "Vanity Fair". Viel schlimmer wäre, sagte sie einmal, wenn man sie für dumm hielte oder nicht komisch fände. Aber das sei bisher nicht geschehen.

Mindy Kaling kam 1979 in Massachusetts als zweites Kind einer Ärztin und eines Architekten aus Indien zur Welt. Sie studierte an der Ivy-League-Uni Dartmouth zuerst Latein, schloss aber mit Theaterwissenschaften ab. Vor neun Jahren schlug sie mit ihrem Stück "Matt & Ben" in der New Yorker Theaterszene auf. In der Parodie geht es um den Karrierestart von Matt Damon und Ben Affleck, die mit dem Drehbuch von "Good Will Hunting" den Durchbruch schafften. Kaling spielte bereits damals in ihrem eigenen Stück mit - und verkörperte darin Ben Affleck.

Die Kritiker waren hingerissen von Kalings Sinn für subversive Komik und ihrem schauspielerischen Talent. Zwei Monate später saß sie im Autorenraum von "The Office", wo sie mit 24 Jahren nicht nur die Jüngste, sondern auch die einzige Frau war - und nach Meinung vieler die beste Autorin der Serie.

"Zwei zu null gegen mich"

Dass sie außerdem selbst eine Serienrolle spielte und später auch als Produzentin agierte, reflektiert den Status, den kreative Frauen wie Tina Fey ("30 Rock"), Kristen Wiig ("Bridesmaids") und Lena Dunham ("Girls") inzwischen als Autorinnen, Produzentinnen und Schauspielerinnen beanspruchen können. Auch bei "The Mindy Project" schreibt, produziert und spielt Mindy Kaling selbst.

Um die ethnische Vielfalt unter Frauen im amerikanischen Fernsehen ist es hingegen derzeit schlecht bestellt - neben Mindy Kaling gibt es mit Shonda Rhimes ("Grey's Anatomy", "Private Practice", "Scandal") nur eine namhafte schwarze Autorin, deren Figuren indes überwiegend weiß sind. Im Comedy-Fach sieht es noch schlechter aus, da ist Kaling momentan die einzige woman of color unter den Hauptdarstellerinnen, und ihr Alter Ego thematisiert das mit trotzigem Selbstbewusstsein.

"Unglücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, die weiße Frauen mit perfekten Nasen vergöttert, und im Moment steht's zwei zu null gegen mich", sagt Mindy Lahiri, als sie mit gebrochener Nase in der U-Bahn sitzt.

"The Mindy Project" ist zwar in erster Linie eine Verneigung vor den Verfasserinnen großer romantischer Komödien wie der Filmemacherin Nora Ephron ("Harry und Sally", "Schlaflos in Seattle") oder der Schriftstellerin Helen Fielding ("Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück"), deren Heldinnen mehr oder weniger heimlich dem Traum vom strahlenden Prinzen und einem romantischen Happy End anhängen. Auch Mindy Lahiri fiebert ungeachtet der Avancen des attraktiven Dr. Jeremy Reed (Ed Weeks, mit Hugh-Grant-Lächeln und britischem Akzent) dem Fremden entgegen, der sich mit ihr zum Blind Date auf dem Empire State Building verabredet - oder sie in die VIP-Lounge eines angesagten Clubs holt.

Subtile Polit-Comedy

Aber die Gesetze der romantischen Komödie sind nur das Gerüst für eine Comedy-Serie, in deren Dialogen und Szenen hinreißend komische sozialpolitische Beobachtungen mitschwingen. So sorgt Lahiris Ankündigung eines Dates mit einem solventen Architekten für große, feuchte Augen bei ihren Kolleginnen. "Ooohhh!", seufzen sie unisono.

Doch "The Mindy Project" ist manchmal auch als subtile Polit-Comedy sowie als Seitenhieb auf das amerikanische Gesundheitssystem zu verstehen: In einem Land, in dem 48 Millionen Menschen keine Krankenversicherung haben, ist es den Ärzten überlassen, sie dennoch zu behandeln - gegebenenfalls umsonst, wie das Mindy Lahiri widerwillig mit einer unversicherten, verschleierten Schwangeren tut.

Überhaupt sorgt die Tatsache, dass Mindy Kaling weder Afroamerikanerin noch Latina ist, für eine erfrischende Perspektive auf racial issues. In einer Szene, in der Mindy Lahiri sich brüstet, dass schwarze Männer auf sie stehen, beschweren sich ihre weißen Kollegen doch glatt, so eine Bemerkung sei rassistisch.

Kaling sagt, ihre verstorbene Mutter Swati, die Pate stand für die Figur der Mindy Lahiri, habe ihr auch den Sinn für Humor vererbt. Der dreht sich, ähnlich wie der ihrer Kolleginnen Fey, Wiig und Dunham, um Frauen in einer Welt, in der alles erlaubt ist und alles erwartet wird, aber nichts richtig funktioniert. Bisweilen ist die Verunsicherung darüber, wie man als Frau gut/attraktiv/erfolgreich/glücklich genug sein kann, titelgebend: Im vergangenen Jahr veröffentlichte Kaling eine Autobiografie mit dem Titel "Is everyone hanging out without me?" ("Treffen sich alle ohne mich?"), und mit "The low self esteem of Lizzie Gillespie" ("Das geringe Selbstbewusstsein von Lizzie Gillespie") schrieb sie kürzlich eine romantische Komödie fürs Kino.

Mindy Kaling mag eine Romantikerin sein, aber sie blickt den Dingen ziemlich geradlinig ins Gesicht, und man möchte hoffen, dass "The Mindy Project" diesen genialen Eiertanz trotz bisher glanzloser Einschaltquoten - unter vier Millionen Zuschauer - durchhält. Der Sender Fox hat Vertrauen signalisiert: Er gab zwei Wochen nach Serienstart eine komplette Staffel von "The Mindy Project" in Auftrag.

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insgesamt 13 Beiträge
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    Seite 1    
1. rezeptionistin???
carpitol 20.11.2012
Kaling ist besser bekannt als die oberflächliche Rezeptionistin Kelly Kapoor aus der US-Version von "The Office". Sie war im customer service nicht rezeptionistin oder haben die das bei der deutschen version auch veraendert?
2. Fortschritt
malte.b 20.11.2012
Hört sich nach einer Sitcom an, in der Frauen mal wieder Frauen sein dürfen und keine bedauernswerten Kopien von Männern, wie etwa bei `New Girl´.
3.
Jens Schuetz 20.11.2012
Zitat von carpitolKaling ist besser bekannt als die oberflächliche Rezeptionistin Kelly Kapoor aus der US-Version von "The Office". Sie war im customer service nicht rezeptionistin oder haben die das bei der deutschen version auch veraendert?
Vielleicht war sie in einer Folge mal uebergangsweise Rezeptionistin als die Firma halb aufgeloest wurde? Aber selbst wenn, waere das zu 99% falsch da sie wirklich fast immer im Customer Service arbeitet.
4. Customer Service
bhavasvabhavana 20.11.2012
Kelly Kapoor war in "The Office" definitiv im Customer Service. Receptionist war Pam Besly, aus der dann Pam Harper wurde. Diese wechselte vom Empfang zum Vertrieb und dann zum Office Manager, worauf Aron den Empfang übernommen hatte. Ihr seht, ich kenne die Serie! Leider ist Kelly in der nun gerade laufenden 9. Staffel ausgeschieden (indischen Arzt geheiratet und nach Ohio gegangen).
5. The Office
disi123 20.11.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSie ist nicht perfekt, sie hat 'ne freche Klappe - und ist extrem erfolgreich: Mindy Kaling hat ihre eigene Serie im US-Fernsehen. In "The Mindy Project" kombiniert die Autorin und Darstellerin Polit-Comedy mit romantischer Komödie - für viele Kritiker mit das Beste, was die neue Fernsehsaison zu bieten hat. http://www.spiegel.de/kultur/tv/the-mindy-project-mindy-kaling-ist-der-neue-comedy-star-in-den-usa-a-864568.html
Ich kenne sie auch aus der Serie und habe auch oftmals gelacht oder auch Mitleid gehabt wegen Dwight (mein Held in der Serie), trotzdem wuerde ich sie nun nicht als Superkracher der Sendung gezeichnen. Andere Serien mit ihr sind mir leider _noch_ nicht bekannt :)
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