Neue US-Sitcoms: Mama und Papa sind schwul

Von Nina Rehfeld

Neue Familien-Sitcoms: Mit denen leben? Nein, danke Fotos
Twentieth Century Fox

Zwei Schwule, eine Leihmutter, ein Baby, eine homophobe Oma: So wie die ProSieben-Serie "The New Normal" bricht das gesamte Sitcom-Genre mit dem alten Familienmodell. Es wimmelt nur so von Patchwork-Clans und 40-jährigen Nesthockern. Die Shows spiegeln neue Freiheiten. Und neue Zwänge.

Vor zwanzig Jahren antwortete Cliff Huxtable, der Vorzeigevater aus "The Cosby Show", auf die entnervte Frage seiner Frau Claire, warum sie vier Kinder hätten: "Weil wir auf keinen Fall fünf wollten."

Inzwischen sind die Familienverhältnisse im US-Comedy-Fernsehen deutlich unübersichtlicher: Doppelväter mit Leihmüttern, Geschwisterpaare, Jungeltern, Vater-Mutter-Kind-Verbände sind nur ein paar der kunterbunten Konstellationen, die sich dort tummeln. Darin spiegeln sich nicht nur veränderte gesellschaftliche Lebensentwürfe wider, sondern auch aktuelle ökonomische Zwänge, die zum Beispiel manchen zurück in den Schoß der Sippe treiben.

Den Anfang machte die Patchwork-Familie aus der vielfach preisgekrönten Erfolgsserie "Modern Family", die sogar bei den Obamas im Weißen Haus zu den Fernsehfavoriten zählen soll. Vor drei Jahren führte sie als bahnbrechende Neuerung im Genre der Familien-Sitcom ein schwules Paar mit (adoptierter) Tochter ein. Die neue Serie "The New Normal", die seit kurzem auch auf ProSieben läuft, erklärt mit programmatischem Titel die Doppeldad-Familie zum Status quo. In der NBC-Produktion engagieren Bryan (Andrew Rannells) und David (Justin Bartha) zwecks Erfüllung ihres Pärchenglücks eine liebenswerte Leihmutter (Georgia King), der wiederum eine nerdige Tochter namens Shania (Bebe Wood) und eine homophobe Großmutter Jane (Ellen Barkin) am Rockzipfel hängen.

Polygamie war gestern

Ganz schön plakativ, fanden viele Kritiker in den USA. Aber dass Ryan Murphy, der Macher von wegweisenden TV-Serien wie "Nip/Tuck" oder "Glee", damit ein so offensichtliches Statement in Sachen "moderne Familie" abgibt, spiegelt die scharfe Debatte in den USA um die Homo-Ehe. Der Glaubenskrieg kam nicht zuletzt durch den Wahlkampf 2012 erneut in Fahrt, als die Religion des republikanischen Kandidaten Mitt Romney, eines gemäßigten Mormonen, in den Fokus geriet. In fundamentalistischen Splittergruppen wird bis heute Polygamie ausgeübt - was ebenfalls schon zum Serienstoff erhoben wurde, nämlich zwischen 2006 und 2011 in der HBO-Serie "Big Love". Darin rang Bill Paxton erfreulich differenziert mit seiner Rolle als Ehemann dreier Frauen.

Vor diesem Hintergrund wirkt "Guys with Kids" aus der Feder des NBC-Talkmasters Jimmy Fallon entsetzlich altbacken. Als hätten Hetero-Männer das Vatersein eben erst entdeckt, geben sich die Mittdreißiger Gary (ein Hausmann mit Zwillingen und zwei weiteren Kids), Chris (ein geschiedener Alleinerziehender eines Sohnes) und Nick (ein überforderter Vater von zweien) hier mit vor den Bauch geschnallten Säuglingen den Schnuller in die Hand. Man ringt mit Schlafmangel, den Sabotage-Schachzügen der Ex und dem Wunsch, sich mal wieder als Kerl statt als Vatertier zu fühlen. Das war schon 1987 in der Kinokomödie "Drei Männer und ein Baby" nur halbwegs amüsant. Und das auch nur dank der Darsteller. Kein großer Verlust also, dass die Fallon-Serie kürzlich nach nur einer Staffel einer Aufräumaktion des Senders NBC zum Opfer fiel - genau wie aber leider auch "The New Normal".

Damals war die TV-Comedy noch von traditionellen, wenn auch liebenswert-dysfunktionalen Familien wie den Bundys aus "Eine schrecklich nette Familie" und den Huxtables geprägt. Ab Mitte der Neunziger wurde es bunter: In "Will & Grace" schlossen sich eine Hetera und ein Homo zur Wohngemeinschaft zusammen, und überhaupt war die WG dank der Erfolgs-Sitcom "Friends" angesagter als die gute alte Verwandtschaft. "Arrested Development" dekonstruierte zwischen 2003 und 2006 die Familie schließlich als jenen Haufen manisch-depressiver, unterbelichteter oder sonstwie nervtötender Menschen, mit dem man einmal im Jahr Weihnachten feiern muss. Es passt zum Zeitgeist, dass die Serie soeben von Netflix wiederbelebt worden ist und auch noch eine Kinoadaption ansteht.

In den neuesten Produktionen rücken Blutsbande aber auch als soziales Rettungsnetz erneut ins Bild. Eine solche Kräftekonsolidierung praktiziert zum Beispiel die sehr komische White-Trash-Familie aus "Raising Hope", in der die Titelheldin von ihren schrägen Großeltern (und einer total verblasenen Urgroßmutter) mit aufgezogen wird. Manche Amerikaner mögen hier ihre Lebensumstände in der andauernden Wirtschaftskrise wiedererkennen.

Spiel ums Erbe

Dass Erwachsene zähneknirschend Hilfe bei ihren Eltern suchen, thematisiert auch ABC mit "How to Live With Your Parents (for the Rest of Your Life)", einer Sitcom um die Mittdreißigerin Polly (Sarah Chalke), die nach einer Scheidung mit ihrer Tochter bei ihren Hippie-Eltern Max und Elaine (Brad Garrett aus "Alle lieben Raymond" und Elizabeth Perkins aus "Weeds") aufschlägt. Was auch deshalb eine Notlösung ist, weil Mom in ihrer demonstrativen Hemmungslosigkeit ungefähr so peinlich ist wie Ellen Barkins Schwulenhasserin aus "The New Normal".

Aber man rauft sich halt zusammen - wie auch in "Family Tools", einer Anfang Mai startenden ABC-Sitcom, in der Jack (Kyle Bornheimer), das schwarze Schaf der Familie Shea und ein Mann mit zwei linken Händen, dazu auserkoren wird, das Handwerksgeschäft seines herzkranken Vaters Tony (J.K. Simmons) weiterzuführen. Die Serie brachte es allerdings nur auf eine Staffel. ABC gab vor wenigen Tagen bekannt, dass die Serie abgesetzt wird.

Oder in Fox' Ende Mai debütierenden "Goodwin Games", in dem der Patriarch Benjamin Goodwin (Beau Bridges) seinen drei verzankten Kindern Henry (Scott Foley), Chloe (Becki Newton) und Jimmy (T.J. Miller) ein Spiel hinterlässt, das den Erben des millionenschweren Familienvermögens bestimmen soll: Die Geschwister müssen sich dabei gemeinsam an Ereignisse aus der Kindheit erinnern und sollen so endlich zu der Familie zusammenfinden, von der Vati einst träumte.

Ob das zum Lachen ist, wird sich zeigen. Denn die Komik sowohl von Klassikern wie der "Cosby Show" als auch neueren Hits wie "Modern Family" speist sich ja aus dem inneren Augenrollen über die liebe Verwandtschaft. Und die vielleicht gewinnbringendste Erkenntnis der TV-Serien über die neuen, bunten Familienkonstellationen ist, dass man sich auch diese oft nur scheinbar aussuchen kann.


"The New Normal", mittwochs um 22.15 Uhr, ProSieben

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insgesamt 29 Beiträge
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1.
DJ Doena 13.05.2013
The New Normal: Wurde nach einer Staffel eingestellt. Guys with Kids: Wurde nach einer Staffel eingestellt. Family Tools: Wurde nach einer Folge(!) eingestellt. Ich persönlich habe von The New Normal 2 Folgen gesehen. Ich fand es einfach zu langweilig. Mit dem schwulen Pärchen kann man vielleicht in den USA anecken, ich hab das einfach als gegeben hingenommen und dann den Witz in der Serie gesucht - und nicht gefunden. Welche Serie ich im Bezug auf "Würfelfamilie" interessant finde, ist Switched at Birth. Ist aber keine Comedy. Mir gefällt aber sehr gut, dass dort gehörlose tatsächlich mal eine große Rolle spielen und ASL (American Sign Language) tatsächlich dauerhaft benutzt wird, wenn sich Gehörlose und nicht-Gehörlose unterhalten. BTW: Es heißt "deaf" oder "hard-of-hearing", aber nicht "hearing-impaired".
2. nur weiter so...
Metternich 13.05.2013
SPIEGEL online promoted schlecht gespielte, die Dekadenz der US-Gesellschaft widerspiegelnde US-Serien, deren Titel schon gar nicht mehr in unsere Sprache übersetzt werden. Alles nur noch Übernahme von drüben oder miese Imitation ( wie z.B. auch Casting-Shows, Nachrichten-Shows der Privaten etc.) Fortschreitende Amerikanisierung, auf daß die heranwachsende Generation nichts anderes mehr kennt. Grausam. Waren wir nicht mal eigenständiger? Kreativer im Medienbereich?
3.
werner-98 13.05.2013
meinen Sie, dass eine echte Familie von Mann und Frau jetzt altmodisch ist!!! Ist das auch konzervativ? Ich denke persönlich, dass man nicht immer gegen alte Modelle denken muss. Viele Eigenschaften haben diese; und nicht jede Entwicklung ist positiv bzw. das Richtige. Schade, dass unsere Gesellschaft nicht mehr differenzieren kann.
4.
michael76 13.05.2013
Ich hatte mir vor einiger Zeit mal zwei Folgen von "The Neu Normal" angesehen. Dass diese Katastrophe mit "Modern Family" verglichen wird ist ein Witz. Die einzig halbwegs normale Person in der Serie ist dere eine Schwule. Sein Partner ist wie eine Figur aus Raumschiff Surprise. Die Großmutter ist einfach nur Böse - jeder Satz von ihr ist entweder rassistisch oder homophob, vollkommen ohne Augenzwinkern und menschliche Züge. Die Mutter und deren Tochter nerven einfach nur. Die Mutter ist die "Gute" Person ohne jeden Fehler oder Unzulänglichkeit und die Tochter ist der außenseiter-Teenager, wie er in praktisch jeder Serie vorkommt - aber auch hier wie bei allen anderen Figuren, einfach nur Platt und ohne Witz. Ich wusste noch gar nicht, dass das abgesetzt wurde - ist aber jedenfalls kein Schaden.
5. Generell sind diese Sitcoms
bénichousaraute 13.05.2013
...genauso spießig und moralinsauer wie die konventionellen Mutter-Vater-Kind-Serien, nur unter neuen Prämissen. Auch hier geht's nur darum, wer sich mehr kümmert, wer die besseren Erziehungsmethoden hat und wie man mit Eltern und Schwiegereltern umgeht und wie sich alle von den Minidiktatoren auf der Nase rumtanzen lassen. Die Familien haben alle keine Geldsorgen und keiner scheint zu arbeiten, außer es dient der Story. Dass Homosexuelle als Eltern denselben Problemen ausgesetzt sind wie alle anderen ist wohl richtig. Aber brauch ich das als Fernsehformat? Nein. Vor allem brauch ich nicht das Konzept der Leihmutterschaft von selbstgefälligen Möchtegerneltern, die sich zu schön zum Adoptieren sind.
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