Doku-Serie über Vietnamkrieg Breaking Really Bad

18 Stunden lang erzählt der Dokumentarfilm "The Vietnam War" die Geschichte eines elenden und sinnlosen Konflikts. Die Filmemacher Ken Burns und Lynn Novick machen erfahrbar, was das wirklich ist: Krieg.

Arte/ Doug Niven Collection

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Es beginnt mit einem schwarzen Bildschirm und der Warnung, dass dieser Film nur für Erwachsene geeignet sei. Währenddessen ist ein Hubschrauber zu hören, der sich nähert, immer lauter, immer näher, fast möchte man unter den Tisch kriechen, und schon ist man plötzlich mittendrin in so einem Dreckskrieg. Ein Soldat im Dschungel, oder dem, was das Napalm davon übriggelassen hat. Schüsse fallen, ein Reisfeld, in dem sich Marines vorantasten. Maschinengewehrsalven, Artilleriebeschuss, Explosionen, ein Schrei, der im Nichts verschwindet.

So geht es los und so geht es fast 18 Stunden lang weiter in der Doku-Serie "The Vietnam War" der amerikanischen Filmemacher Ken Burns und Lynn Novick. Man kann nicht sagen, dass das Drama des Vietnamkriegs seit seinem Ende 1975 vernachlässigt oder gar vergessen wurde. Unzählbar viele Bücher und Fernsehdokumentationen sind entstanden, ein paar von Hollywoods größten Filmen haben den Krieg zum Thema: Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" erzählt ihn als LSD-Trip, Michael Ciminos "Die durch die Hölle gehen" als negative Coming-of-Age-Geschichte, in der junge Männer zu Bestien degenerieren, Oliver Stones "Platoon" als Anklage gegen ein Land, das seine mutigsten Söhne opferte für nichts.

Das Urteil der Geschichte ist längst gefällt. Ein falscher und böser Krieg. Ein Krieg, in dem Amerika seine Unschuld verlor. Aber noch nie gab es den Versuch, das nahezu komplette Bild dieses Kriegs zu zeigen und damit auch die Wahrheit eines Kriegs zu erfassen, der zwei Millionen Vietnamesen und 58.000 amerikanischen Soldaten das Leben kostete.

Die Wahrheit des Kriegs

Ein außergewöhnlicher Krieg, in der Geschichte der Menschheit dürfte er einer der bestdokumentierten sein. Reporter waren überall dabei mit Kameras und Fotoapparaten, ihre Bilder wurden abends in die amerikanischen Wohnzimmer gesendet und führten dazu, dass überall im Land und auf der ganzen Welt sich der Protest regte. In den Kriegen vor Vietnam fehlten die technischen Möglichkeiten, in denen danach hat das Militär gelernt: Die Wahrheit eines Krieges ist zu grausam, als dass man sie einer Öffentlichkeit zumuten kann.

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Dokumentation "The Vietnam War": Den Krieg erleben

Burns und Novick haben in den vergangenen zehn Jahren dieses schier endlose Material aus den Archiven zusammengetragen, aus Archiven in Vietnam, aber vor allem in den USA. Ergebnis: 18 Stunden Krieg. 18 Stunden mit Hunderten von Toten auf dem Bildschirm. 18 Stunden, in denen dem Zuschauer die Kugeln um die Ohren fliegen. 18 Stunden, in denen man irgendwo im Dschungel liegt und das Napalm den Wald in ein Meer aus Flammen verwandelt. 18 Stunden, in denen man dem verwundeten Soldaten, der dort neben einem liegt, das blutende Bein abbinden möchte. 18 Stunden, in denen man als Zuschauer am liebsten Helm und Schussweste anziehen würde und sich, ehrlich gesagt, nur eines wünscht: die Flucht. Und den ewigen Frieden.

Es sind Bilder und Geschichten voller Widersprüche, von Helden, die eigentlich Opfer sind, und von Opfern und deren heldenhaftem Mut, Geschichten von Verbrechern, die sogar Babys massakrierten.

Einfach den Zigarettenstummeln folgen

Zu sehen sind die Aufnahmen eines CBS-Reporters, der, da ist der Krieg noch jung, eine Patrouille bei der Durchsuchung eines Dorfes in der Nähe von Da Nang begleitet. Alte Männer, Frauen, Kinder laufen weg vor den Soldaten, ein alter Mann spricht flehend auf den Reporter ein, man muss kein Vietnamesisch können, um ihn zu verstehen. Hinter ihm brennen die Hütten, Frauen, Kinder, schreien, weinen. Der CBS-Mann ist verstört: Und wir wollen den Vietnamesen zeigen, dass wir die Guten sind? Sein Bericht wurde abends zur Prime Time ausgestrahlt. Am nächsten Morgen rief Präsident Lyndon B. Johnson den Chef von CBS an: "Hello Frank, this is your president. Are you trying to fuck me?"

18 Stunden Szenen und Erzählungen, die kaum zu ertragen sind. Zwei amerikanische Soldaten, irgendwo in einer südvietnamesischen Stadt, es wirkt fast friedlich, beide nicht in Kampfmontur. Der eine bittet um Feuer für seine Zigarette, beim ersten Mal zündet es nicht. Ein tiefer Zug. Und plötzlich ein Schuss, der so laut kracht wie der Donnerschlag eines Sommergewitters. Ein Vietkong-Veteran, der lächelnd davon erzählt, dass die Amerikaner vor allem eine große Schwäche hatten: "Sie rauchten, wir mussten einfach immer nur den Stummeln folgen."

Eine nordvietnamesische Soldatin erzählt, wie sie nachts im Lkw Nachschub auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad an die Front fährt und tagsüber die Kameraden fragt, ob sie ihren ebenfalls kämpfenden Freund gesehen haben. Ein US-Pilot, der Dutzende Angriffe auf eben genau diese Lkw's flog und gesteht, dass er die Nordvietnamesen dort unten für ihren Mut bewunderte und sich damals fragte, ob Amerika eigentlich auf der richtigen Seite kämpfte.

Krieg ist wie Crack

Der ehemalige Marine Karl Marlantes, der seine Erlebnisse Jahrzehnte danach in dem Roman "Matterhorn" verarbeitete, sagt, dass Krieg wie Crack sei: großartiges High, aber mit schlimmsten Folgen. Es sei ein Fehler, wenn wir uns mit der Erkenntnis zufriedengäben, dass Krieg die Hölle sei. Das sei eh klar, nicht aber, welche animalische Freude es auslöse, einen Feind zu besiegen, zu töten. Der nordvietnamesische Veteran Nguyen Ngoc berichtet, wie er das erste Mal tötet: "Der Krieg weckt die Bestie in dir. Tiger sind nicht so wilde Bestien wie wir. Sie töten, weil sie fressen müssen."

Und schließlich die Geschichte von John Musgrave, 1948 geboren in der Nähe von Kansas City, einer der Hauptfiguren von Burns und Novick. Sein Vater hatte als Pilot im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Kaum jemand in der Generation seines Vaters, der nicht an der Front gewesen war, und als der Vietnamkrieg begann, wollte der junge John Musgrave ein Held werden wie sie. Elf Monate lang kämpfte er als Marine in Südostasien. "Mein Hass auf sie war so groß und so rein. Und ich hatte so viel Angst vor ihnen. Und je mehr Angst ich hatte, umso größer der Hass." Ein Pakt mit dem Teufel.

Schnell waren die Feinde keine Menschen mehr, sondern nur noch Dinge, gooks, dinks, Dreck, Schlitzaugen. Musgrave trug einen kleinen Taschenkalender bei sich, auf dem er die Tage wegstrich, die er schon in Vietnam verbracht hatte. Irgendwann hörte er auf damit, weil er sich sicher war, dass er niemals nach Hause zurückkehren würde.

Der Krieg wird zum Alltag des Zuschauers

Anfang 1968 geriet er mit einem Stoßtrupp in einen Hinterhalt, sie hatten ihren Vorgesetzten gewarnt, aber der beharrte auf seinen Befehl. Musgrave wurde getroffen, die Wunde, so groß und tief, dass man eine Faust hätte hineinstecken können. "Ich war eigentlich schon tot. Plötzlich hörte ich einen lauten, fürchterlichen, langen Schrei. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wer da so schreit. Ich brauchte ein wenig, bis ich feststellte, dass ich das war."

Zurück in den USA, nach fast anderthalb Jahren in Hospitälern, begann er sein Studium, er ließ sich die Haare wachsen, aber auf dem Campus blieb er ein Aussätziger. Er trank, er wollte sich umbringen oder zurück nach Vietnam, was auf dasselbe hinausgelaufen wäre. Und während er davon erzählt, beginnt Musgrave, der ruhige, nachdenkliche, zögerliche Berichterstatter seines Lebens, zu stottern: "I wanted to k-k-k-kill myself."

Am vergangenen Sonntag zeigte der öffentlich-rechtliche US-Sender PBS die erste der zehn Folgen von "The Vietnam War", die letzte wird am 28. September ausgestrahlt. Sich in nur wenigen Tagen "The Vietnam War" anzuschauen, 18 Stunden lang, das ist viel zu viel, zu lang, zu krank, das ist unerträglich, und doch so etwas wie eine lebensprägende, unvergessliche Erfahrung. Der Krieg wird zum Alltag des Zuschauers und seine Protagonisten werden zu unseren Begleitern, fast so wie die Figuren aus fiktiven Serien wie "Die Sopranos" oder "Breaking Bad". Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann wissen, was Krieg wirklich ist. 18 Stunden "The Vietnam War" sind kein Kriegserlebnis, das nicht - aber so nahe dran, wie es nur möglich ist.

In Deutschland zeigt Arte eine um fast die Hälfte gekürzte Version, was schade ist. Die ersten drei Folgen der europäischen Version sind heute Abend ab 20.15 Uhr zu sehen, die restlichen sechs Folgen Mittwoch und Donnerstag dieser Woche.


"The Vietnam War". 10-teilige Dokumentation. US-Sender PBS.
"Vietnam" auf Arte: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils ab 20.15 Uhr



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Seite 1
brux 19.09.2017
1. Tja
Mit den Bildern dieses Krieges bin ich gross geworden. Übrigens in der DDR, wo der Krieg im Fernsehen noch brutaler zu sehen war als bei den amerikanisch besetzten Westdeutschen, die sich ja mehrheitlich den Amerikanern und ihrer oberflächlichen Konsumkultur hingegeben hatten. Damals habe ich erkannt, dass die Amerikaner keine moralische Führungsmacht sein können. Das hat sich bis heute bestätigt. Genauso wie die Erkenntnis, dass die USA ihre Kriege eigentlich immer verlieren.
spiegeltomate 19.09.2017
2. Drama? Elend? Verbrechen!
Die Doku ist sicher beeindruckend. Aber wie kommt es, dass seit 1945 offenbar nur Deutsche jemals Kriegsverbrechen begangen haben? Der Vietnamkrieg war nicht "elend", " sinnlos", ein "Drama". Er war von Anfang bis Ende ein Verbrechen, Staatsterror der US-Administration gegen ein ganzes Volk. US-Soldaten, die traumatisiert zurückkehrten? Wer erzählt die Geschichte der flächenbombardierten, verbrannten, vergewaltigten, vertriebenen Vietnamesen? Dieser Spiegel-Artikel ist so ignorant, dass es weh tut.
mehrgedanken 19.09.2017
3. Agent Orange wirkt bis heute
Ein Freund von mir war Ende der 60iger Marine in Da Nang, er erzählte Sachen... Wahnsinn; eine Nachbarin war Rot Kreuz Schwester auf der MS Helgoland, Lazarettschiff aus Deutschland. Es lag zunächst im Saigon River und dann im Han River/Da Nang. Diese Orte habe ich mehrfach besucht und war positiv überrascht über das heutige gute Verhältnis der beiden Staaten. Es gibt nun seit President Obama auch endlich Hilfe beim Beseitigen des Dioxins in den Böden: abtragen und bei hoher Temperatur verbrennen, eine riesen Aufgabe. Vietnam beziffert seine Opferzahl mit 3,5 Millionen.
advocatus diaboĺi 19.09.2017
4. Das Urteil der Geschichte?
Urteile fällen Menschen und keine Geschichte. Die Wahrheit des Krieges? Ein Krieg hat keine Wahrheit. Wahrheit ist ein ontologischer Begriff: das Übereinstimmen einer Aussage oder Behauptung mit der Wirklichkeit. Also die Aussage, dass ein Krieg grausam und verrohend ist, soll bestätigt werden? Was für eine Erkenntnis. Der Vietnamkrieg hatte einen Grund in seiner Zeit: kalter Krieg, kommunistischer Dominoeffekt. Nein, das ist nicht wichtig. Wichtig ist, der Krieg war falsch und böse, genauso wie die USA; Ho Chi Min und der Vietcong waren gut, Freiheitskämpfer. Mit dieser Einschätzung und Haltung war man damals schon auf der richtigen Seite der Geschichte und ist es heute erst recht.
steffen.ganzmann 19.09.2017
5. Ich auch!
Zitat von bruxMit den Bildern dieses Krieges bin ich gross geworden. Übrigens in der DDR, wo der Krieg im Fernsehen noch brutaler zu sehen war als bei den amerikanisch besetzten Westdeutschen, die sich ja mehrheitlich den Amerikanern und ihrer oberflächlichen Konsumkultur hingegeben hatten. Damals habe ich erkannt, dass die Amerikaner keine moralische Führungsmacht sein können. Das hat sich bis heute bestätigt. Genauso wie die Erkenntnis, dass die USA ihre Kriege eigentlich immer verlieren.
Nur auf der anderen Seite der Mauer. Und darum finde ich Ihr äusserst anmassend! Woher wollen Sie denn mit absoluter Gewissheit wissen, was das westliche Fernsehen wohl alles über den Vietnam-Krieg brachte? Aus Ihnen spricht anscheinend eher die Meinung Karl-Eduard von Schnitzlers, der mit Sicherheit nichts über die massiven Kriegsverbrechen der VCs brachte, zum Beispiel in Kot oder verrottende Leichen gesteckte punji sticks et alteri. Den Beschuss von MedEvac choppers et alteri. POW camps, die weit schlimmer waren als das berüchtigte "Andersonville" des Sezessionskrieges oder die Rheinwiesenlager vom Frühjahr 1945! Zufällig "zwang" mich mein Vater, alle Nachrichten und Dokumentationen anzuschauen, obschon ich am Anfang dieses Krieges noch ein Vorschulkind war. Ich weiss nicht, was mir das brachte ausser der Erkenntnis, dass Krieg einfach nur grausam ist! Anscheinend funktionierte die antiimperialistische Gehirnwäsche der SBZ sehr gut, wenn sie bis heute angehalten hat ... Regards, CAP (WA GUARD ret.) Steffen Ganzmann
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