"The Voice Kids" Jetzt quietscht doch mal

"The Voice Kids" startet mit hochprofessionellen Kleinst-Kandidatinnen und Kandidaten in die neue Staffel. Die klingen so nah an ihren Erwachsenenkollegen, dass man sich über jeden außerplanmäßigen Kiekser freut.

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Es kann einen gruseln, wenn ein Elfjähriger mit allen Leibeskräften "It's a Man's Man's Man's World" röhrt. Nicht, weil irgendein Ton schief säße, im Gegenteil, Davit knört sich Note für Note komplett perfekt aus seinem Körper, es klingt toll, rein klanglich: Wie Männer die Autos erfunden haben, damit man darin herumfahren kann. Wie Männer die Züge erfunden haben, damit man damit schwere Sachen transportieren kann.

Sonst geht Davit gern auf den Abenteuerspielplatz, besonders liebt er die Seilbahn, vor drei Jahren ist er mit seiner Familie aus Armenien nach Deutschland gekommen, was man kaum glauben kann, wenn er jetzt im Einspielfilmchen die Bedeutung seines Lieds erklärt, das er gleich vor der Jury von "The Voice Kids" singen wird: "Das bedeutet halt, das ist die Welt der Männer, aber ohne die Frauen wär's ein bisschen langweilig." Und während sich die Jurymitglieder noch in bekannter Manier darum balgen, wer den augenscheinlichen Siegeskandidaten in sein Team aufnehmen darf, kann man das irgendwie nicht so richtig putzig finden.

"The Voice Kids" ist eine eigenartige Show. Ein Gesangswettbewerb für Kinder, das kommt einem erst einmal vor wie eine Sendung, die vor allem Kindern gut gefallen könnte, aber die dürfen an einem Sonntagabend sicher nicht bis 23 Uhr vor dem Fernseher sitzen.

The Boss Hoss klingen wie Bonbononkels

Dabei haben die Sängerinnern und Sänger - von der Sache mit der Männerwelt einmal abgesehen - prima Botschaften, die Kinder unbedingt hören sollten: Wir lernen Mädchen wie die zwölfjährige Fiona kennen, die bei ihrer Selbstbeschreibung von sich selbst als erstes Adjektiv sagt, sie sei "wild" und möchte die Rampensau rauslassen, und Jungen wie Nils, ebenfalls zwölf, der "Weiße Fahnen" von Silbermond so zart und weich singt, dass alle weinen müssen. Die 15-jährige Eske hat ein Lied über Mobbing geschrieben, das sie in der Grundschule selbst erleben musste, und singt jetzt "Run" von Leona Lewis als Kraftlied für alle, denen es ähnlich geht.

Wie gesagt, alles prima Botschaften, die unbedingt nicht nur bei wohlig gerührten Erwachsenenzuschauern versickern sollten. Komisch fühlt man sich beim Zuschauen dann, wenn vor allem die Kandidatinnen und Kandidaten weiterkommen, die gar nicht mehr wirklich wie Kinder, sondern wie kleine Erwachsene klingen. Schließt man die Augen, könnte man kaum entscheiden, ob das nicht doch ein regulärer Beitrag aus den Volljährigen-Voice-Ausgaben ist. Zumal ja auch die Coaches, Mark Forster, Stefanie Kloß von Silbermond und The Boss Hoss zwischendurch schon über die Erwachsenen Gericht saßen, nur die zurückgekehrte Lena Meyer-Landrut ist exklusiv Kids-Coachin.

Die Scharmützel zwischen ihnen sind dieselben wie in der Erwachsenen- und zuletzt in der Senioren-Ausgabe, für die Auftaktfolge hat man sich für die Storyline entschieden, dass sich partout kein junges Talent für The Boss Hoss entscheiden mag, worauf die beiden versuchen, sich mit ungelenker Jugendsprache anzubiedern. Wenn sie allerdings anbieten, "wir können uns später auch auf Instagram connecten, wenn du Bock hast", klingt das doch eher nach creepy Bonbononkels.

So hochprofessionell sind die meisten Auftritte, dass Teilnehmerinnen wie Marlene, zehn Jahre, mit ihrer nun dann wirklich kindlich-enthusiastischen Interpretation von "Leiser" keine Chance haben. Bedröppelt schaut man zu, wie sich niemand für sie umdreht, objektiv gesehen ist das natürlich gerecht, aber es kommt einem auch grob vor. "Wenn du mit der Stimme nach oben gehst, überrollt dich so ein bisschen die Emotion", erklären The Boss Hoss, warum es leider nicht für die nächste Runde reicht, und man fragt sich, ob dieser Krittelpunkt nicht genau das ist, was eine Voice-Kinderausgabe ausmachen sollte: überbordender Spaß an der Musik, der eben manchmal auch gegen die tonalen Leitplanken rauscht.

Man darf sich dann wenigstens über Leonie, 13 Jahre, freuen, die mit ihrem keyboardspielenden Vater regelmäßig auf Hochzeiten und Geburtstagen auftritt und nun "Unstoppable" von Sia singt - auch sie: erwachsenenreif perfekt. Und doch entweicht ihr mitten im Lied, als sich Meyer-Landrut und Kloß für sie umdrehen, ein kleiner, ganz und gar unprofessioneller lauter Quietscher. Damit "The Voice Kids" nicht zur uncharmanten Leistungsshow wird, kann man dieser Staffel nur viele solcher Kiekser wünschen.

insgesamt 17 Beiträge
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guenterh1957 18.02.2019
1. Selbstdarsteller
Ich habe nach 30 Minuten den Fernseher abgeschaltet. Wer glaubt, dass bei Voice-Kids die Kinder im Mittelpunkt stehen, wird arg enttäuscht. Die Erwachsenen gebären sich als unglaubliche Selbstdarsteller, mit ihrem Buhlen um das Ja der Kids und ihren eigenen Gesangseinlagen. Schade.
nutellaandernase 18.02.2019
2. A toxic mans world...
Das Zitat von Boss Hoss creepy? Ich fand da ganz andere Sachen von denen creepy. Z.B. wenn Sie einem 13-jährigen erzählen, man könne gemeinsam die Mädels klar machen. Das "Mädels-Argument" brachten die gleich mehrfach. Fehlt eigentlich nur noch der gemeinsame Schluck aus der Jim Beam-Pulle.
Suffiminis splendor 18.02.2019
3. Kaufleut
Zitat von nutellaandernaseDas Zitat von Boss Hoss creepy? Ich fand da ganz andere Sachen von denen creepy. Z.B. wenn Sie einem 13-jährigen erzählen, man könne gemeinsam die Mädels klar machen. Das "Mädels-Argument" brachten die gleich mehrfach. Fehlt eigentlich nur noch der gemeinsame Schluck aus der Jim Beam-Pulle.
Wir dürfen nichts erwarten von Menschen, die das Klischee ihrer Marke pflegen. Sie sind halt Kaufleut und entsprechend spießig.
starskys 18.02.2019
4. Ich Ich Ich
Ich habe bereits nach 20 Minuten abgeschalten, nicht die Kids, sondern die Juroren standen mal wieder im Mittelpunkt. Macht doch bitte noch eine Staffel Tauschkonzert, aber bei "The Voice" sollte es primär um jemand anders gehen...
Spr. 18.02.2019
5. Warum gibt es überhaupt ein The Voice Kids?
Gerade im hysterischen Deutschland zeigen solche Shows, dass die Erwachsenen und zumindest die Eltern dieser Kinder mit zweierlei Maß messen! Gibt es im Kindergarten einen Kindergärtner, dauert es oft nicht lange, bis diesem Pädophilie unterstellt wird und jede Berührung der Kinder durch den Kindergärtner als sexueller Missbrauch hingestellt wird. Auch ansonsten vermuten Eltern gern hinter jedem Busch einen Kinderschänder. Aber im Fernsehen finden die gleichen Erwachsenen und die Eltern zumindest der Kinder, die dort auftreten, es plötzlich ach so süß und ganz, ganz toll, wenn ihre Kinder sich als zu klein geratene Erwachsene präsentieren - einschließlich Sexappeal. ProSieben/Sat1 täte gut daran, diese peinliche Zurschaustellung von Kindern endlich abzuschaffen! Den mindestens ebenso peinlichen Allzweck-Juror mit dem Pennäler-Humor, der sich hinter Bart, Brille und Käppi versteckt, schafft ProSieben/Sat1 am besten gleich mit ab. ZU empfehlen wäre ProSieben/Sat1, zukünftig Juroren oder "Sender-Gesicherter" von anderen Entscheidern aussuchen zu lassen, um weitere Missgriffe zu vermeiden. Der Vorgänger des jetzigen Allzweck-Jurors muss sich heute bei Dieter Bohlen verdingen, nachdem er dem Publikum von The Voice nicht mehr zuzumuten war. Leider war sein Nachfolger eine ebenso schlechte Wahl. Bleibt das so, muss ProSieben/Sat1 bald das Original The Voice sowie alle Ableger einmotten, einfach weil sie keine Zuschauer mehr anziehen.
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