TV-Doku über Radio-DJ Abie Nathan Der Playboy als Staatsfeind 

Drei Meilen vor der Küste Israels schipperte Abie Nathan mit seinem schwimmenden Radiosender - und brachte den jüdischen Staat gegen sich auf. Die ARD-Doku "The Voice of Peace" zeichnet ein komplexes Bild des Friedensaktivisten als Playboy, Radiopirat und Palästinenserfreund.

ARD

Von


Um sich mit einem Staat anzulegen, braucht es Mut. Sich einen Weltkonzern wie Coca-Cola zum Feind zu machen, dazu bedarf es einer gewissen Tollkühnheit. Der Radiopirat Abie Nathan besaß beides. Ab 1973 kurvte er mit seinem zu einem Sender umgebauten Schiff "The Voice of Peace" vor der Küste Israels herum, kritisierte von dort aus die Palästinenserpolitik des Staates und spielte Folk-, Soul- und Disco-Stücke. Bald buchten alle wichtigen Konzerne in Israel Werbespots in Nathans Radioprogramm, die Einnahmen wurden in Friedens- und Hilfsprojekte investiert. Nur Coca-Cola ignorierte "The Voice of Peace".

Also ging Nathan auf Konfrontationskurs mit dem Brausehersteller. Er produzierte Spots, in denen er die Vorzüge von Wasser pries, präsentierte es als cool, erfrischend und vor allem: kostenlos. Bald tranken viele junge, hippe, konsumbewusste Israelis nur noch Wasser. Coca-Cola schaltete dann doch einige Spots bei "The Voice of Peace".

Eine Geschichte, die zeigt, was für ein widersprüchlicher Charakter Abie Nathan war. Politisch missachtete er alle Regeln, man nannte ihn einen Träumer. Allerdings nutzte er alle Regeln des Unternehmertums, um diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Ein Friedens-Entrepreneur sozusagen.

Hedonismus und Selbstaufgabe

Der NDR-Dokumentarfilmer Eric Friedler hat Abie Nathan einen Neunzigminüter gewidmet. Von Yoko Ono bis Schimon Peres kommen alle relevanten Mit- und Gegenspieler zu Wort, die Tonspur ist randvoll gepackt mit Musik. Mit Songs von John Lennon, Chic oder Gloria Gaynor, die von der stets jenseits der Drei-Meilen-Zone liegenden "Voice of Peace" übers Mittelmeer an die Küsten von Israel, Ägypten und den Libanon gesendet wurden. Aber auch mit Stücken von Miles Davis oder Elliott Smith und dem beglückenden Polit-Soul von Curtis Mayfield.

Eine Art Feelgood-Doku ist "The Voice of Peace" also geworden - darf das sein? Nein. Es muss sein. Filmemacher Friedler, der mit brisanten Produktionen wie "Das Schweigen der Quandts" gezeigt hat, dass TV-Dokumentationen durchaus Dinge in Bewegung setzen können, findet über die musiksatt in Szene gesetzte Sinnenfreude den Schlüssel zum Wirken Abie Nathans. Wut, Schmerz, Aufbegehren - der Lebenskünstler und Friedensaktivist artikulierte sich über die Mittel des Pop. Hedonismus und Selbstaufgabe, das lag bei Nathan ganz dicht beisammen.

In den sechziger Jahren betrieb Nathan in Tel Aviv das "California", wo sich die Schönen und die Kreativen trafen. Zeitzeugen beschreiben ihn als Charismatiker und Frauenhelden. Wenn er die Szene betrat, soll er sie beherrscht haben. Ein persisch-israelischer Hugh Hefner mit schwarz schimmernden Augen. In der ARD-Hommage kommt auch der alte deutsche Playboydarsteller Rolf Eden zu Wort, der damals in Nathans schillerndem Hangout zu Gast war und zu dessen Schlag bei den Frauen nur anerkennend nickt.

Bomberpilot wird Pazifist

Die Nächte im "California" sind legendär. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Schimon Peres, der als Politnovize dort oft zu Gast war, hat heute noch strahlende Augen, wenn er an die Partys denkt. Ansonsten hat Peres in den Interviewpassagen in "The Voice of Peace" nicht viel zu strahlen. Erst war er Weggefährte von Nathan, dann dessen Widersacher.

Nathan wuchs als persischer Jude in Indien auf, trat dort als Jugendlicher in die britische Royal Air Force ein und wechselte später zur israelischen Luftwaffe. Als Bomberpilot in Israel flog er Einsätze, bei denen Menschen getötet wurden, den Rest seines Lebens wurde er von Schuldgefühlen geplagt. Seine Friedensaktionen waren auch ein Bemühen, die eigenen Dämonen zu besiegen. 1978 ging Nathan aus Protest gegen die israelischen Siedlungen im Westjordanland in den Hungerstreik; Schimon Peres, damals Chef der Arbeitspartei, hat die Besatzung zu der Zeit unterstützt.

1989 kommt es zwischen Friedensaktivist und Politiker zu einer weiteren Konfrontation: Nathan trifft sich mit dem Palästinenser-Führer Jassir Arafat, schüttelt ihm vor Fotografen die Hand - und wird dafür 1991 inhaftiert. Peres fungierte damals als Vize-Premier. Fünf Jahre später bekommt Peres gemeinsam mit Arafat und Jizchak Rabin den Friedensnobelpreis für die Friedensbemühungen, die sie gemeinsam in der Zeit nach der Inhaftierung Nathans angestrengt haben. Sie schütteln sich die Hand - und werden dafür gefeiert. "Nicht er war seiner Zeit voraus, wir waren unserer Zeit hinterher", sagt Peres zerknirscht über Nathan.

"The Voice of Peace" ist das anrührende und aufputschende Porträt eines Mannes, der das einzig Richtige getan hat, aber zu Lebzeiten dafür kaum Ruhm erntete. 2008 starb Abie Nathan verarmt und fast vergessen. Zuschauer müssen sich nicht schämen, wenn sie bei aller Tragik des Radiopiraten trotzdem von guter Laune übermannt werden.


"The Voice of Peace - Der Traum des Abie Nathan", Dienstag, 22.45 Uhr, ARD



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Teile1977 07.01.2014
1. Das Richtige machen
Wir brauchen mehr Menschen wie diese, die einfach das richtige tun. Ohne Waffen und Hetze mit den Menschen Komunizieren und sie Informieren. Über staatliche Sender bekommen sie ja meistens nur vorsortierte Informationen. Leider würde ein solcher Sender heute nicht mehr geduldet werden. Weder von Israel, noch von der Hamas.
Steuerzahler0815 07.01.2014
2.
Ich verstehe zwar nicht warum man als Jude auch nur auf die Idee kommt Israel zu kritisieren, habe aber Respekt für seinen Mut
tsitsinotis 07.01.2014
3. Danke, Herr Buß
für diesen total anregenden Artikel.
spon-facebook-747079169 08.01.2014
4.
Ich kann sagen, ich war immer ein Hippie -wenn auch ein spät geborener- und bin mit dem Nahostkonflikt groß geworden. Bis zu dieser Doku wusste ich nicht, dass sich jemand in den 70ern in Holland ein Schiff gekauft hat und von dort 20 Jahre lang durch seinen Piratensender im Mittelmeer versucht hat seinen Teil zum Frieden beizutragen. „Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ (M. Gandhi) Ich fand das sehr inspirierend. Er hat es versucht! Wäre ich ein Playboy, würde ich das gleiche tun. Da ich das nicht bin, werde ich etwas anderes tun.
zino 08.01.2014
5. Traurig und beschämend
Wieso muss ein Mensch diesen Formats verarmt und vergessen sterben? Die TV-Dokumentation hat mich sehr ergriffen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.