"The Walking Dead"-Zeichner "Die Hauptfigur killen? Fände ich toll!"

Die TV-Serie "The Walking Dead" gehört in den USA zu den größten Quotenrennern. Zum Deutschland-Start der zweiten Staffel verrät Charlie Adlard, Zeichner der Comic-Vorlage, was ihn am Metzeln von Zombies reizt und erklärt, warum man seine Figuren nicht endlos verstümmeln kann.

AP/ AMC

SPIEGEL ONLINE: Herr Adlard, fragen wir ganz direkt - sind Sie Millionär?

Adlard: Ich kann hier doch nicht meine finanzielle Lage offenlegen! Aber ja, es läuft schon recht gut.

SPIEGEL ONLINE: Mit "The Walking Dead" haben Sie nicht nur eine Comicreihe, sondern auch eine sehr erfolgreiche Fernsehserie im Rücken. Das muss einiges an Geld abwerfen. Zumal Ihr Comic nicht einem großen Verlag wie Marvel oder DC gehört, sondern Ihnen und dem Autor Robert Kirkman.

Adlard: Keine Frage. Aber so viel ist das bei einer Fernsehserie gar nicht, zumindest nicht, wenn man nur die grundlegende Idee dazu liefert. Wir kriegen eine bestimmte Summe pro Episode. Nicht viel, aber es rechnet sich, spätestens durch die internationalen Ausstrahlungen und wenn die Serie in Wiederholungen läuft. Unser Geld verdienen wir eher durch die Gratis-Publicity für den Comic und die zusätzlichen Leser, die mit der Serie angelockt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "The Walking Dead" ab Heft sieben als Zeichner übernommen. Bis dahin war es eine eher mäßig laufende Indie-Comicserie. Was hat Sie an dem Titel überzeugt?

Adlard: Robert hat mich zwischen zwei Aufträgen erwischt. Das war dieselbe Woche, in der Marvel Comics mir die Serie "Warlock" angeboten hat. Robert war ein bisschen früher dran. Er schickte mir das Skript und die Hefte, die Tony Moore gezeichnet hat, und ich sah sofort, dass es nicht einfach eine weitere, gewöhnliche Zombiegeschichte war.

SPIEGEL ONLINE: Da hatten Sie's ja leicht. Tony Moore hat alle grundlegenden Entwürfe kreiert, und Sie sind in seine Fußstapfen getreten.

Adlard: Das wirkt von außen vielleicht so. Aber man darf nicht vergessen, dass "The Walking Dead" in der Realität spielt. Bei so etwas entwirft man die Dinge nicht wie in einer Science-Fiction- oder Fantasy-Serie aus dem Kopf heraus. Man muss sich alles in der Realität zusammensuchen. Das einzige, was ich von Tony übernommen habe, waren die groben Entwürfe der Figuren, die ich dann in meinem Stil interpretiert habe.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie, wenn Ihnen schon Teile der Serie gehören, Einfluss auf den Handlungsverlauf der Comics?

Adlard: Sagen wir, ich könnte welchen haben, wenn ich Robert darum bitten würde. Es ist einfach gegenseitiger Respekt. Ich mische mich nicht in die Skripte ein und Robert sich nicht in die Zeichnungen.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Fernsehserie? Robert Kirkman ist als Koproduzent dort stark eingebunden. Sie dagegen tauchen fast gar nicht in diesem Zusammenhang auf.

Adlard: Robert will da halt mitmischen. Für mich ist das schwieriger, schon deshalb, weil ich nicht in den Staaten lebe. Außerdem kann Robert als Autor praktisch überall arbeiten. Ich als Zeichner brauche ein Studio oder zumindest einen eigenen Arbeitsplatz. Der andere Grund wäre, dass ich mit der Fernsehserie das Gefühl hätte, mich zu wiederholen.

SPIEGEL ONLINE: Wobei Sie das ja in der Comicserie durchaus tun: Wie viele Möglichkeiten gibt es schon, einen Zombie zu töten?

Adlard: Ja, klar, das kann schon etwas monoton sein. Zum Glück ist das Killen von Zombies nur ein sehr geringer Teil von "The Walking Dead".

SPIEGEL ONLINE: Unsere Theorie ist, dass "The Walking Dead" im Kern eine Westernserie ist, nur mit Zombies statt Indianern.

Adlard: Ich vergleiche "The Walking Dead" lieber mit "Lost". Da geht es auch um ein paar gestrandete Figuren unter extremen Umständen. Nur dass "Lost" auf einer verlassenen Insel spielt und bei uns die Zombie-Apokalypse ausgebrochen ist. Abgesehen davon ist es völlig gleich.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeichnen "The Walking Dead" seit sieben Jahren. Auf dem amerikanischen Comicmarkt eine ungewöhnlich lange Zeit. Die wenigsten Zeichner binden sich länger als ein Jahr an eine Serie. Was hält Sie?

Adlard: Zunächst einmal bin ich schnell genug, um den monatlichen Rhythmus einzuhalten. Ein Heft schaffe ich in drei Wochen, dann bleibt mir noch eine Woche für anderes. Außerdem scheine ich anders zu ticken als viele Comiczeichner. Ich mag es, so tief in einer Comicserie drinzustecken, dass ich die Figuren in- und auswendig kenne. Wenn ich früher Miniserien gezeichnet habe, waren die meist vorbei, bevor ich die Figuren kannte und richtig mit ihnen warm wurde. An "The Walking Dead" gefällt mir, dass ich den Figuren den ganzen Weg bis zum Ende folgen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn ein Schluss schon geplant?

Adlard: Sicher wird mal irgendwann ein Ende kommen. Spätestens, wenn die Verkaufszahlen einbrechen. Aber im Moment gibt es keine Pläne, die Serie zu beenden. Robert Kirkman redet schon über Heft 500. Wir sind im Moment bei Heft 90! Das macht mir dann doch ein wenig Angst.

SPIEGEL ONLINE: Eine sehr sadistische Vorstellung. Was kann man der armen Hauptfigur Rick Grimes 500 Hefte lang antun?

Adlard: Es ist auf jeden Fall so, dass die Serie ihre lichteren Momente braucht. Wäre alles nur total ausweglos, würden wir sehr schnell Leser verlieren. Es muss Hoffnung in der Erzählung geben, einen positiven Kontrast, sonst funktioniert der Horror nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und man kann die Hauptfigur auch nicht endlos verstümmeln, wie in der Heftserie geschehen.

Adlard: Das kann ich, glaube ich, garantieren: Rick wird nicht noch eine Hand verlieren!

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Sie dazu bringen würde, "The Walking Dead" aufzugeben?

Adlard: Klar. Wenn's mich langweilt, oder Robert nur noch ideenlose Skripte raushaut.

SPIEGEL ONLINE: Der Tod der Hauptfigur würde Sie nicht irritieren?

Adlard: Gar nicht! Ich fände das toll! Was nicht heißt, dass wir das vorhaben. Aber ich glaube, "The Walking Dead" ist keine Serie über einen einzelnen Helden. Kennen Sie die britische TV-Serie "Blake's 7"? Die Hauptfigur Blake stirbt nach zwei Staffeln, was die Serie nicht daran gehindert hat, noch zwei Staffeln weiterzulaufen.

Das Interview führte Stefan Pannor


In den USA ist die zweite Staffel von "The Walking Dead" am vergangenen Wochenende gestartet. Der deutsche Pay-TV-Kanal Fox Channel zeigt die Staffel ab Freitag. Nächste Woche erscheint in Deutschland die DVD mit der ersten Staffel. Die Comicreihe "The Walking Dead" erscheint seit 2005 auf Deutsch bei Cross Cult

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