Thementag auf 3sat Reality-Check für Polenwitze

So nah und doch so fern: Über Polen gibt es in Deutschland mehr Vorurteile als echtes Wissen. Ein Missstand, den 3sat aufgreift - einen Tag lang bemüht sich der Sender mit Filmen, Comedy und Dokumentationen um Aufklärung. Doch ein Thema wird ausgeklammert.

ZDF/Michael Grotenhoff

"Solange Mond und Sonne scheinen, wird nie ein Deutscher eines Polen Freund." Ein schwieriger Hintergrund für einen Thementag zur Völkerverständigung. Mit dem alten polnischen Sprichwort in der Hinterhand will der Sender 3sat, der das Programm natürlich lang vor dem tragischen Absturz der Präsidentenmaschine geplant hatte, unter anderem miese Mutmaßungen durchrütteln: Gibt es da drüben im Osten tatsächlich ausschließlich trinkfeste Autoklauer? Katholische heiße Bräute? Arme Antisemiten? Und kein Mensch kann anständig Englisch? Weil die polnisch-deutschen Nachbarn sich mit der traurigen und komplizierten Vergangenheit bei der gegenseitigen Annäherung immer noch schwer tun, versucht 3sat am Sonntag einen ganzen Tag lang, das zu ändern.

Und zwar erst mal recht vorsichtig per "Eagle Watching" zur 6-Uhr-Frühstunde: "Die Rückkehr der Seeadler" ist ein bedächtiger Dokumentarfilm mit viel heiserem "Klü klü klü klü!" über die neue Hoffnung für die Riesengreifvögel am Stettiner Haff. Um 7.30 Uhr beginnt dann aber das Rühren in den Problemen mit einer vierteiligen Sendereihe zum großen Thema Vorurteile: "Deutsche und Polen" von Lew Hohmann erzählt umfang- und aufschlussreich vom schwarzen Kreuz und weißem Adler, von den beiden Weltkriegen, deren beispiellose Wunden bis heute zu spüren sind, vom Kniefall Willy Brandts und der zarten Annäherung der beiden Länder.

Nach zwei Beiträgen für Zielgruppen im Schulkindalter geht es zur Mittagszeit mit "Zu Tisch in... Schlesien" versöhnlich weiter, inklusive Taubensuppe und - natürlich - Kartoffelklößen. Der Film "Für Danzig sterben?" zum Kriegsbeginn in Gdansk und die Gründung von Solidarnosc versucht, eine Verbindung zwischen diesen beiden wichtigen Ereignissen herzustellen, und da Geschichtsträchtiges im Fernsehen ohne Guido Knopp und seine schattig ausgeleuchteten O-Tongeber undenkbar wäre, zeigt der ZDF-Chefhistoriker eine Dokumentation über das Leben Karol Wojtylas, der jahrelang in Lublin Ethik unterrichtete, bevor er zum Pontifex aufstieg.

Winkende Trick-Männchen und bunte Landkarten

Als Erstausstrahlung läuft ein Dokumentarfilm über die Flucht von DDR-Bürgern in den Westen, die im Sommer 1989 durch Oder und Neiße schwammen, durch das Riesengebirge kraxelten oder über Warschau ausreisten. Stadtporträts von Krakau und Warschau hat der ehemalige Polen-Korrespondent der ARD, Robin Lautenbach, beigesteuert. Und mit Rita Knobel-Ulrichs Reportage "Wäsche auf Achse - Täglich Polen und zurück" um 18.30 Uhr macht man sich an die wirtschaftliche Situation im Land: Es geht um Hotelwäsche der Berliner Luxusklasse, die täglich mit einem Lastwagen zum Waschen, Bügeln und per Hand (!) zusammengefaltet werden nach Polen reist, für kleines Geld, das deutschen Wäschereiangestellten zu wenig wäre.

Der Film ist der Schlusspunkt des bewusst reportagelastigen Programms. 3sat hat sich Mühe gegeben, über ein touristisches Betrachten des schönen Nachbarlandes hinauszugehen, und den politischen Knoten- und Brennpunkten eine Menge Platz eingeräumt. Schade ist allerdings, dass man vor den wichtigen und ebenfalls aktuellen Themen Trafficking und Sexarbeit an der deutsch-polnischen Grenze anscheinend Hemmungen hatte.

Mit einem extra für den Thementag in Auftrag gegebenen Roadmovie soll der Abend locker eingeläutet werden: In "Polen für Anfänger" mit dem Berliner Komiker Kurt Krömer und dem deutschen, in Polen lebenden Kabarettisten und Autor Steffen Möller zockeln die beiden Mediengesichter mit Möllers altem "Fiat Polski" ohne Rückwärtsgang zwischen Warschau, Krakau und der Oder hin und her. Die Regisseurin und Trickfilmerin Katrin Rothe, die für ihre Arbeiten bereits für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war und für die Doku-Reihe "Stellmichein" 2007 den Grimme-Preis bekam, hat auch den Polen-Trip launig bebildert - mit winkenden Trick-Männchen und bunten Landkarten.

Vor allem die amüsanten und kritischen Informationsinterludien mit Weisem und Neuem zum Papst oder zur polnischen Sprache lockert sie durch ihre grafischen Trickfilmsequenzen kräftig auf. Überhaupt, die schwere Sprache mit den Riesenkonsonantenhaufen, durch die nur ab und an mal ein Vokal weht: Da wird Krömer, dessen Humor größtenteils auf der Sprachebene funktioniert, im fremdsprachigen Ausland zum stummen Grinser, der mit seinen Witzen beim etwas miesepetrig wirkenden Möller einfach abprallt. Das passt zum Gefühl des Fremdseins.

Polen können Jazz

Eigentlich sieht man Möller erst am Ende erstmalig kurz und befreit auflachen, als Krömer sich mit Koffer und Lakritzbrille wieder auf den Heimweg nach Berlin macht: So einfach ist die Annäherung nicht, das macht das etwas mühselige Verhältnis zwischen den beiden unfreiwillig klar. Auch versierte Komiker sind eben im normalen Leben ganz normale, auch mal gelangweilte oder langweilige Polenreisende. Dass der Film das zulässt und nicht ausschließlich auf Gags am laufenden Band und musikalisch untermalten Slapstick setzt, lässt den Beitrag sehr souverän wirken.

Robert Thalheims für den Deutschen Filmpreis nominierter Spielfilm "Am Ende kommen Touristen" von 2007, zu dem neben anderen Hans-Christian Schmid das Drehbuch schrieb, läuft ab 22 Uhr: Ein deutscher Zivildienstleistender arbeitet in Auschwitz, heute Oswiecim, bei einem KZ-Überlebenden und muss sich nicht nur mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit der Liebe an einem unfassbaren Ort wie diesem auseinandersetzen. Die unaufgeregt und präzise erzählte Geschichte um die Frage, wie man im Schatten eines unerträglichen Verbrechens leben und lieben kann, wird von Thalheim in vorsichtigen Bildern nüchtern und dennoch nachfühlbar erzählt.

Der zweite Spielfilm des Abends ist der 2005 entstandene "Der Meister" von Piotr Trzaskalski, und damit nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, eines der bekannten Werke von Polens berühmtestem Regisseur Roman Polanski - was das Programm umso abwechslungsreicher macht. Danach kann man sich aber endlich eines der Vorurteile bestätigen lassen. Zwei Konzerte vom JazzBaltica-Festival zeigen, worauf man als tendenziell hüftsteifer Europäer nur neidisch sein kann: Polen lieben nicht nur Jazz, sie können ihn auch.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Moewi 24.04.2010
1. lol
"Doch ein Thema ist wird ausgeklammert." Grammatik?
haltetdendieb 24.04.2010
2. Tut mir Leid
Über Witze, Polenwitze, Frauenwitze etc. kann man keinen Reality-Check machen. Auch nicht über Ostfriesen- oder Bayernwitze! Thema verfehlt, falls es darum gehen sollte.
danduin, 25.04.2010
3. Kann man so oder so sehen
Zitat von sysopSo nah und doch so fern: Über Polen gibt es in Deutschland mehr Vorurteile als echtes Wissen. Ein Missstand, den 3sat aufgreift - einen Tag lang bemüht sich der Sender mit Filmen, Comedy und Dokumentationen um Aufklärung. Doch ein Thema ist wird ausgeklammert. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,690911,00.html
Naja, dass änderte sich die letzten Jahre. Die Aussage trifft aber auch gegenteilig zu "Über Deutschland gibt es in Polen mehr Vorurteile als echtes Wissen", und dass obwohl sehr viele im Westen Gastarbeiter waren. Leider ist dass so, denn eigentlich gibt es doch auch viele Ähnlichkeiten. Die eiserne Mauer steht nunmal immernoch in vielen Köpfen. Diese hat wahrscheinlich verhindert, dass die Polen die Entwicklung Deutschlands die in den letzten 65 Jahren stattfand, nicht realisiert haben.
wowiku, 25.04.2010
4. Meinungsmache
Zitat von sysopSo nah und doch so fern: Über Polen gibt es in Deutschland mehr Vorurteile als echtes Wissen. Ein Missstand, den 3sat aufgreift - einen Tag lang bemüht sich der Sender mit Filmen, Comedy und Dokumentationen um Aufklärung. Doch ein Thema ist wird ausgeklammert. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,690911,00.html
Wer beurteilt was "echtes Wissen" und was Vorurteil ist ? Fast jeder hat seine Erfahrungen mit diesem Land und seinen Bewohnern und die bestimmen eben die Urteile und Meinungen. Und wenn sich ein Sender des Themas annimmt, dann sicher um die "Meinung und Urteile" zu beeinflussen.
Ylex 25.04.2010
5. Polen fasziniert und irritiert
Weil ich vorher noch nie in Polen war, flog ich voriges Jahr nach Danzig, nahm mir einen kleinen Mietwagen und fuhr 14 Tage durch Norpolen, nicht orientierungslos, aber doch zu schlecht vorbereitet, wie ich bald erkennen musste. Es wurde ein zwiespältiger Trip – einerseits die Faszination eines wunderschönen, fast leer wirkenden Landes, andererseits die Öde der Trabantenstädte, die Tristesse der Ballungsräume zum Beispiel Gdansk, Gdynia oder Olsztyn. Im Vergleich zu den kalten Deutschen sind die Polen warmherzige und sehr empfindsame Menschen, diesen Eindruck hatte ich zumindest – denn da war das Problem mit der Sprache, eine Sprache von einer derartigen Fremdheit, dass ich selbst am Ende der Fahrt noch nicht einmal jemanden anständig auf Polnisch begrüßen konnte. Also Verständigung mit Händen und Füßen, doch auch bei diesem täglichen Chaos bemerkte ich bei älteren Polen immer wieder den typischen kurzen Augenaufschlag, mit dem man als Deutscher identifiziert wird, ein Art Einrasten, weniger unfreundlich als nachhaltig irritierend. Man muss entweder jung oder naiv sein, um als Deutscher unvoreingenommen nach Polen fahren zu können. Wohl über zwei Stunden saß ich wortlos draußen vor einem Café am riesigen Mahnmal-Komplex der Westerplatte. Es war früher Vormittag, im Sonnenschein beobachtete ich das allmähliche Anschwellen der Bus-Kolonnen voller Schulklassen und Rentnerscharen, die zur zentralen Kultstätte des polnischen Nationaltraumas pilgerten. Mit großen Augen standen die Kinder vor den Souvenirläden: patriotischer Nippes zum Gruseln, daneben Stahlhelme aus Plastik, Gasmasken, Gummi-MGs, knallbunte Woytila-Devotionalien, Bernstein-Ramsch – ein Sammelsurium, dem man am besten mit einer Spalt-Tablette begegnete. Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben, aber ich kam mir vor wie ein Agent im Feindesland, ich hatte das schlimme Gefühl, hier als Deutscher nichts zu suchen zu haben, ich stand auf und ging, vorbei an gebeugten alten Leuten, die ganze Blumenladungen vor den Denkmälern für die Gefallenen ablegten. Auf dem Rückweg zum Auto zwängte ich mich durch ein Loch im Zaun, um direkt an die Ostseeküste zu kommen: Es war keine Küste, kein Ufer, kein Strand – es war eine unendlich lange Abbruchkante mit übereinander geschobenen, geborstenen Betonplatten, aus denen die Eisenbewehrung herausragte, rostig, grotesk verbogen, wie von einer unerhörten Macht zerschmettert. Wenn Sie sich eine Straßenkarte kaufen, dann besser keine, wo unter den polnischen auch noch die deutschen Ortsnamen angegeben sind. Ich habe keine Vorfahren aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, trotzdem wird es schnell zu einer beklemmenden Erfahrung solch eine Karte zu benutzen. Man fährt durch das herrliche Masuren, die russische Grenze ist nicht weit, und man hat es ausschließlich mit deutsch klingenden Orten zu tun – denn die polnischen Ortsnamen sind ja nicht zu entziffern.
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