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Sarrazin-Auftritt in der ARD: Jauch zeigt Mut zur Lücke

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Eine gute Talkshow zum Thema Euro-Krise? Gab's noch nie - bis Sonntagabend. Günther Jauch pfiff auf Proporz und Political Correctness, ließ Thilo Sarrazin reden, und siehe da: Es wurde richtig interessant.

Moderator Jauch (Mitte) mit Steinbrück, Sarrazin (rechts): Alles kam auf den Tisch Zur Großansicht
dapd

Moderator Jauch (Mitte) mit Steinbrück, Sarrazin (rechts): Alles kam auf den Tisch

Wie konnte das bloß passieren? Thilo Sarrazin (SPD) und Peer Steinbrück (SPD) teilen sich das Podium bei Günther Jauch. Hallo, wo bleibt die Ausgewogenheit? Normalerweise hätte es so laufen müssen: Ein Anruf von irgendeinem Intendanten, und zum sozialdemokratischen Euro-Kritiker Sarrazin hätte noch ein liberaler Euro-Kritiker in die Sendung gemusst.

Denken Sie an: FDP-"Finanzexperte" Frank Schäffler.

Dazu noch ein konservativer Euro-Befürworter aus dem Regierungslager.

Denken Sie an: Wolfgang Schäuble.

Zwischen all diese Feuerköpfe hätte noch der Typ nachdenklicher Nestor gehört.

Denken Sie an: Arnulf Baring.

Und damit auch jemand für die junge Zielgruppe dabei ist: Campino. Aber weil der gerade andere Promo-Termine für seine neue Platte hat, dann eben Harald Glööckler. Der kommt da draußen super an, vor allem bei der Schlüsselzielgruppe der einbeinigen Landfrauen unter 40. Wir könnten Ihnen da Studien zeigen!

Daraufhin hätte Steinbrück natürlich abgesagt, daraufhin auch Schäuble. Thilo Sarrazin wäre in letzter Minute ausgeladen worden, weil Renate Künast das gefordert hat. Und zum Schluss hätte Harald Glööckler über seine schwere Jugend vor der Euro-Einführung monologisiert.

Es gab mittlerweile so viele misslungene Diskussionsrunden zur Euro-Krise, dass bei SPIEGEL ONLINE schon die Forderung aufkam, dieses Thema für Talkshows zum Tabu zu erklären. Günther Jauch hat am Wochenende den Beweis geliefert: Es geht! Für eine gute Talkshow zum Thema Euro-Krise reicht es völlig, die Zahl der Gäste zu halbieren - um die richtige Hälfte versteht sich. Großrhetoriker Steinbrück und Provokationsprofi Thilo Sarrazin diskutierten über genau die Fragen, die vermutlich eine ziemlich große Zahl von Deutschen umtreiben. Und gleichzeitig strafte die Debatte ganz nebenbei all jene rechten Verschwörungstheoretiker und Sarrazin-Jünger lügen, die gerne über angebliche Denk- und Sprechverbote in Deutschland spintisieren.

Denkverbote gab es nicht, alles kam auf den Tisch: Sind die Deutschen auch wegen des Holocaust so gute Europäer? Steinbrück würde es differenzierter ausdrücken, sagt ansonsten aber sinngemäß: Ja, und das ist auch gut so. Ein "solcher politischer und ökonomischer Klotz wie Deutschland" mit solch dunkler Vergangenheit sei für seine Nachbarn eben nur zumutbar, wenn er in europäische Institutionen eingewoben sei. Sarrazin sagt sinngemäß: Ja, und das ist nicht gut so.

Und zeigen die im Zuge der Euro-Krise wieder aufgebrochenen Vorurteile von Schummel-Griechen und deutschen Spar-Diktatoren möglicherweise, dass der Euro eben nicht zur europäischen Einigung beiträgt - sondern zur europäischen Zwietracht (Sarrazin)? Oder entstehen diese Ressentiments nur, weil das Krisenmanagement der Bundesregierung versagt hat (Steinbrück)? An dieser Stelle konnte man einmal mehr froh sein, dass kein Proporzgast aus dem Regierungslager anwesend war, sonst wäre die Runde mindestens zehn Minuten lang in den Doof-selber-doof-Modus zurückgefallen.

Stattdessen ging es noch darum, ob eine gelungene europäische Einigung eigentlich nur die Summe aus Frieden, Demokratie und Wohlstand darstelle (Sarrazin) - oder ob da noch mehr sei, eine Art europäische Mission in der Welt. Steinbrück: "Unabhängige Gerichte, Sozialstaat, Trennung von Staat und Kirche, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Aufklärung - das ist Europa, und davon finde ich bei Sarrazin nichts."

In einigen Punkten herrschte auch überraschende Einigkeit zwischen den Kontrahenten: Ja, es war ein Riesenfehler, den Euro einzuführen, bevor die politische Union Europas vollendet war. Ein noch größerer Fehler war es, Griechenland aufzunehmen. Und ja, man hätte Griechenland vermutlich bereits 2010 pleite gehen lassen können, bevor es so richtig teuer gekommen wäre. Und sollten sich die Griechen jetzt nicht ans vereinbarte Spar-und Reformpaket halten, dann müssten sie die Euro-Zone verlassen. Aber Einigkeit auch darüber: Ein Austritt aus der Eurozone ist für Deutschland keine Option.

Dazwischen noch eine Menge Ökonomie aus der absoluten Spezialitätenabteilung, die richtige Interpretation von Außenhandelsstatistiken etwa oder das Timing der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Aber immer, wenn die beiden gefühlten Großvolkswirte Steinbrück und Sarrazin allzu penetrant die Länge ihrer Rechenschieber vergleichen wollten, beendete Jauch die Fachdebatte, kehrte zurück zur großen Frage, wie eigentlich Euro und Europa zusammenhängen, und entlockte Sarrazin ganz zum Schluss noch das Bekenntnis, dass er bei der nächsten Bundestagswahl vermutlich wieder SPD wählen werde.

Spätestens an dieser Stelle dürften sich die meisten Sozialdemokraten gewünscht haben, dass besser Harald Glööckler auf Sarrazins Platz gesessen hätte.

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insgesamt 375 Beiträge
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1. Super Kommentar, leider nicht von mir.
abi68 21.05.2012
Zitat von sysopDPAEine gute Talkshow zum Thema Eurokrise? Gab's noch nie - bis Sonntagabend. Günther Jauch pfiff auf Proporz und Political Correctness, ließ Thilo Sarrazin reden, und siehe da: Es wurde richtig interessant. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,834092,00.html
Sarrazin hat wie immer unrecht und die Erde ist eine Scheibe.
2.
Wildes Herz 21.05.2012
Zitat von sysopDPAEine gute Talkshow zum Thema Eurokrise? Gab's noch nie - bis Sonntagabend. Günther Jauch pfiff auf Proporz und Political Correctness, ließ Thilo Sarrazin reden, und siehe da: Es wurde richtig interessant. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,834092,00.html
Warum hat der "gerade keine neue Platte draußen"? GERADE DER (!) hat ja vor Kurzem erst eine neue Platte rausgebracht...
3. Mehr davon!
j-d 21.05.2012
Welche Seite man auch immer vertritt, diese Diskussion war weit nützlicher, weil aussagekräftiger und damit sinnvoller als so manche andere der letzten Monate. Gespräche dieser Art könnte ich mir gut zu vielen weiteren Themen vorstellen! Es braucht zwei fachlich informierte, diskussionsfähige Vertreter einer Seite/Meinung/Fraktion/Theorie und ein Mittler....dann kommt man vielleicht auch mal in der allgemeinen Diskussion, und somit im Thema im Ganzen, weiter und zum oft geforderten "allgemeinen Konsens" statt zu sich wiederholenden, inhaltsarmen Wortblasen. Angebracht wär´s.
4. Jauch......
dieschuhh 21.05.2012
Warum hat die ARD nur aus einer Politk-Sendung Dank Herrn Jauch einen Abklatsch von RTL - Stern-Magazin gemacht.....
5. Eine richtige gute Talkshow
brassica 21.05.2012
Stimmt, es war eine richtig gute Talkshow: Die Auswahl der Gäste paßte, der Moderator Jauch war gut drauf und auch die Livebilder von den linken Demonstranten vor dem Gasometer waren gut: endlich wurde nämlich mal einer breiten Fernsehöffentlichkeit live und in Farbe gezeigt, wie sogenannte Antifaschisten am liebsten mit den Methoden der Nazis andere daran hindern wollen, ihre Meinung zu äußern und was sie selbst unter Demokratie und Meinungsfreiheit verstehen.
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