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19. August 2018, 08:34 Uhr

RTL-Show "Denn sie wissen nicht, was passiert"

Betreutes Moderieren

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Länger als der Name war nur die Sendung selbst. "Denn sie wissen nicht, was passiert. Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show" versprach wilde Anarchie, presste das Show-Trio dann leider doch in zu starre Formen.

Der zähe Blähklops will nicht platzen. Sie malträtieren ihn mit Stangen, sie quetschen ihn in pralle Beulen - aber auch nach einer guten halben Stunde Qualbehandlung für Mensch und Material will der Ballon im Finalspiel von "Denn sie wissen nicht, was passiert. Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show" nicht bersten, und ein besseres Bild für die vergangenen vier Stunden kann man sich tatsächlich nicht ausdenken.

Dabei klingt die ganz grundsätzliche Showidee erst einmal ganz gut: Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger, seit dem Vorgänger-Format "Die Zwei - Gottschalk und Jauch gegen alle" ein eingezieltes Showzossen-Trio, sollen einen bunten Abend wuppen, ohne vorher Ablauf, Spiele und Gäste zu kennen - oder auch nur zu wissen, wer von ihnen das Ganze moderieren wird. Er habe "ein absolutes Scheißgefühl", menetekelte Jauch, völlig unvorbereitet zu sein sei ihm nämlich ein Graus, als ein sprechender, harrypotterhafter Hut ("Oh, ich muss im Himmel sein! Günter Jauch und zwei Blondinen!") zu Beginn den Showmaster des Abends verkündete. Natürlich traf es tatsächlich den Zaudernden, während man schon da - und im weiteren Verlauf des Abends - immer wieder merkte, wie gerne Schöneberger diese Rolle übernommen hätte. Zusammen mit Gottschalk tritt sie derweil in zehn Spielen gegen das Münsteraner "Tatort"-Team Axel Prahl und Jan-Josef Liefers an. Beide Teams spielen für einen zufällig ausgewählten Studiokandidaten, es geht um 50.000 Euro.

Tatsächlich wird dann leider schnell klar, dass RTL die vermeintliche Anarchie des Formats dann leider doch in zu starre Förmchen presst. Eigentlich führt nämlich Moderator Thorsten Schorn durch den Abend, der als eine Art Oberspielleiter immer dann eingreifen soll, wenn Jauch nicht mehr weiter weiß, und er tut das von Anfang an so ausführlich und frühzeitig, dass Jauch irgendwann sehr richtig bemerkt, das ganze fühle sich an wie "betreutes Moderieren". So liest er also komplett ausformulierte Aufsagekarten vor und muss noch nicht mal die Regeln der Spiele erklären: Man fragt sich, welcher Höllenfürst auf die Idee kam, diese Aufgabe in Einspielerfilmen von zwei Kindern erledigen zu lassen, die sich dabei betont putzig auf dem Boden herumrollen. Schon klar, Plapperkinder prügeln einem Format mit dem Holzhammer das Siegel "Familienshow" ein, nerven dabei aber auch kolossal.

Es ist nur mittelspannend, Menschen beim Nüsse zertrümmern zuzusehen

Leider wirkt DSWNWP durch diese Gängelei nicht spontan und improvisiert, sondern einfach schludrig geprobt. Viel amüsanter wäre es gewesen, hätte man Jauch wirklich ins kalte Wasser geschubst, ihm nur Regelbrocken an die Hand gegeben, die er dann nach eigenem Gutdünken auslegen könnte, ihn mit Showkonventionen spielen lassen, indem man eben endlich mal auf vorgestanzte Formen verzichtet hätte, ihn schlicht mit mehr Entscheidungsgewalt ausstatten können, wie die scheinbar allmächtigen Showmaster alter Schule. Warum lässt man den Moderator bei einem Spielgleichstand statt vorbereiteter, schmerzlich konventioneller Schätzspiele nicht spontan eigene Fragen erfinden? All das könnte freilich grandios scheitern, wäre aber vermutlich auch dann noch unterhaltsamer als dieser halbgare Versuch.

"Ich habe zwei Bällchen, und…", beginnt Jauch eine Erklärung, "Das freut mich zu hören, Herr Jauch", kessiert die Schöneberger dazwischen. Aus solchen Ansätzen könnte tatsächlich leichtfüßige Samstagabendunterhaltung werden, zöge man die beteiligten, erfahrenen Zirkusponys einfach die Halfter aus und ließe sie zumindest versuchsweise einfach mal machen. Die eigentliche Showhandlung, die vorbereiteten Spiele - die Originallieder schräger Coverversionen erraten, zwei zusammengemorphte Promigesichter erkennen und derlei - , waren jedenfalls größtenteils nicht überraschend genug, um den Abend zu tragen, kannte man sie doch schon in ähnlichen Formen zum Beispiel aus den diversen "Schlag den…"-Formaten - und der Final-Ballon hatte seinen letzten Auftritt erst vor zwei Wochen bei "Teamwork". Es ist eben nur so mittelspannend, Menschen dabei zuzusehen, wie sie mit einem Hammer Nüsse zertrümmern sollen, die aus einer schrägen Röhre herabkullern.

Am besten funktionierten die Runden, die den Teams viel Spielraum für eigene Ideen boten. Etwa das Erklärspiel, bei dem sie Begriffe umschreiben und dabei jedem gebrauchten Wort einen bestimmten Konsonanten voranstellen mussten. "Mo maufst mu men Mammer?" wiederholte Gottschalk immer wieder, "Baumarkt" erklärend, oder umschrieb "Hupe" minimalistisch mit "Mauto, mmm!", während Liefers sich bei "Kartoffelgratin" zu "Sid Säse! Sanzösisch!" hinreißen ließ. Klingt albern, war es auch, aber mit etwas gutem Willen beim Zuschauer auch tatsächlich unterhaltsam.

Halbstündiges Finale ist mutwillig piesackerisch

Neben echter Spontaneität wünschte man dem vierstündigen Abend vor allem deutliche Straffung. "Wir sollten etwas Tempo in die Sache bringen", mahnte Jauch schon im ersten Spiel, die epische Vorschau auf den Restabend vor jeder Werbepause ließ einen regelmäßig den Mut verlieren. Und nach dreieinhalb Stunden Sendung am Ende noch ein mehr als halbstündiges Finalspiel aufzusatteln, ist dramaturgisch einfach nur mutwillig piesackerisch. "Beim nächsten Mal hau ich's rein, ich kann nicht mehr", ächzte Gottschalk, als der Ballon auch beim x-ten Stangenpiekser nicht platzte. Er hat noch ein paar Chancen: "Denn sie wissen nicht, was passiert" läuft bis zum 7. September noch drei Mal.

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