Gottschalk in der Krise: Tempo, Thommy!

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Die Quoten sind eine Katastrophe, die ARD-Granden in Sorge - doch Thomas Gottschalk ist fest entschlossen, seine Vorabend-Show zu retten. Als Moderator glänzt er wieder. Jetzt braucht er nur noch Zeit, um das Publikum zu überzeugen. Doch gerade die wird er nicht bekommen.

"Gottschalk Live": Kampf ums Überleben Fotos
DPA

Doch, es klappt noch. Sogar gleich beim ersten Versuch.

Thomas Gottschalk tritt aus dem Gebäude, in dem er gerade seine Sendung "Gottschalk Live" moderiert hat, die Mitarbeiter sind alle schon im Wochenende, Gottschalk hat sich selbst abgeschminkt, noch schnell ein buntes Tuch aus seiner ganz in der Nähe befindlichen Wohnung geholt und um den Hals gebunden, jetzt tritt er auf die Behrenstraße in Berlin-Mitte und winkt einen Wagen heran, eine schwarze Audi-Limousine. Er ist jetzt zum Essen verabredet.

Zunächst meint man, der Fahrer, ein nicht mehr ganz junger Herr im Anzug, sei Gottschalks Chauffeur, aber dann stellt sich heraus: Er wird erst in dieser Sekunde von Gottschalk zum Chauffeur gemacht: "Nehmen Sie mich mit?" Etwas verdutzt blickt der Mann am Steuer, aber durchaus freudig überrascht, und selbstverständlich nehme er ihn gerne mit in Richtung Brandenburger Tor, sagt der Herr im Audi. Eigentlich macht er in Beelitzer Spargel, erzählt er, und: "Mensch, Herr Gottschalk, das passiert einem ja nicht alle Tage."

"Ich verrate Ihnen gerne, was ich morgen Abend vorhabe, dann können Sie mich da wieder abholen", antwortet Gottschalk, und dass der Beelitzer ihm doch seine Nummer geben soll - wenn seine Frau Geburtstag hat, rufe er gerne an. Nach der Fahrt bedankt er sich freundlich, dann gibt's noch ein gemeinsames Foto, und man könnte das alles für sehr routiniert und auch ziemlich dreist halten, aber so wirkt es in der direkten Anschauung überhaupt nicht. Es wirkt eher so: Thomas Gottschalk mag die Menschen. Und die mögen ihn. Immer noch. Obwohl sie kaum einschalten, wenn er auf Sendung ist.

Viel wird gerade geschrieben über die Absetzung der "Harald Schmidt Show" und ob deren Ende auch das baldige Aus für "Gottschalk Live" bedeuten könnte, weil sich jene Teile der ARD-Spitze, die Thomas Gottschalk nicht mehr (oder wohl eher: noch nie) wohlgesonnen sind und waren, denken könnten: Die Institution Schmidt haben die Sat.1-Kollegen abgesetzt, ohne dafür von der Öffentlichkeit geschlachtet zu werden, interessant! Da wird man uns auch die Gottschalk-Absetzung durchgehen lassen.

Das Fernsehhandwerk neu erlernen

Das ist zwar naheliegend, aber nur auf den ersten Blick. Tatsächlich haben Harald Schmidt und Thomas Gottschalk, abgesehen von ihrer Prominenz als deutsche TV-Ikonen, nur eines gemeinsam: Dass sie aus den Werbeeinnahmen ihrer jeweiligen Sender bezahlt werden. Ansonsten könnten sie unterschiedlicher kaum sein, in Arbeit und Wesen: Harald Schmidts Sendung hat sich, vergleicht man seine erste Ausgabe aus dem Jahr 1995 und die Shows der vergangenen Tage, praktisch nicht verändert. Und man tritt ihm wohl kaum zu nahe, wenn man behauptet: Schmidt verachtet sie alle, sein Publikum, seine Gäste, seine Sender. Er steht über den Dingen.

Thomas Gottschalk hingegen, der Mann mit dem Schloss am Rhein und dem Anwesen in Malibu, ist fast schon irritierend volksnah und seinem Publikum herzlich zugetan. Gerade kann man ihn dabei beobachten, wie er nach 24 Jahren der Moderation von "Wetten, dass..?", der Show, die ihn zum erfolgreichsten deutschen Familien-Entertainer gemacht hat, versucht, den nicht zu Unrecht als "Todeszone" bekannten Sendeplatz vor der ARD-"Tagesschau" neu zu erfinden. Dass er zu diesem Zweck auch sich selbst wieder finden und das Fernsehhandwerk quasi neu erlernen muss, hat wohl kaum jemand erwartet, am wenigsten er selbst.

Gottschalk steht heute mit der Sendung "Gottschalk Live" dort, wo er eigentlich gerne nach der zweiten Sendung gestanden hätte: Er hat nach den katastrophalen ersten Wochen wieder zu seiner alten Souveränität gefunden, und die Show hat endlich Fahrt aufgenommen. Das mag auch am Publikum liegen, das jetzt in Hundertschaft ins Studio gesetzt wird.

Nach den anfänglichen Social-Media-Wirren ist daraus eine solide Talk-Sendung geworden, mit lichten und witzigen Momenten: Wenn Gregor Gysi erklärt, der gescheiterte Staat DDR habe immerhin gebracht, dass man an seinem Beispiel darüber nachdenken könne, wie man soziale Gerechtigkeit herstellen kann, ohne dabei eine Diktatur zuzulassen. Wenn Gottschalk, Peter Maffay sitzt schon da, den deutschen Johnny-Cash-Darsteller Gunter Gabriel anmoderiert: "Jetzt kommt der Mann, der 'Tabaluga' für einen Kräuterschnaps hält."

Was aber immer noch fehlt, ist ein wenig mehr Mut. Gottschalk zitiert eine Umfrage über den schwindenden Rückhalt in der Bevölkerung für die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan, und Gabriel meint dazu: "Kein Mensch weiß, warum wir überhaupt dort sind." Da wüsste man ja schon gerne, was Gottschalk denkt über den Afghanistan-Einsatz, aber der weicht aus und beendet das Thema sofort.

Die neue Strategie: Keine Experimente

Es ist offenbar die Strategie des neuen Redaktionsleiters Markus Peichl, jetzt erst mal keine Experimente zu wagen, weder politische noch inhaltliche. Auch die zwischenzeitlich erwogene Installation einer Co-Moderatorin ist offenbar vom Tisch. Klare Strukturen sind jetzt gefragt, damit das Publikum weiß, was es erwarten kann, wenn es "Gottschalk Live" einschaltet.

Ab kommendem Montag sieht das dann so aus: Gottschalk spricht einen Monolog über aktuelle Themen, dann kommen zwei Gäste. Ein Prominenter, der seinen neuen Film, ein Buch oder was auch immer vorzustellen hat, und dazu ein Unbekannter wie der Taxifahrer von Joachim Gauck. Weil ein neues Grafik-System zum Einsatz kommen soll, wird die Sendung bis Ostern aus Gründen der Produktionssicherheit vorübergehend nicht live ausgestrahlt. Erst wenn sich die neue Basis etabliert hat, kann man wieder darüber nachdenken, das Format mit neuen Elementen zu bestücken.

Fragt sich nur, ob dafür noch die Zeit bleibt. Die Einschaltquote am Donnerstag war die schlechteste nach Start der Sendung, nur 920.000 Zuschauer wollten Gottschalk mit Sonya Kraus und Erol Sander sehen. Das waren nur 3,7 Prozent Marktanteil - und der ist weit entfernt von den zehn Prozent, die Gottschalk holen sollte, um die Diskussion über die Absetzung seiner Show zu beenden.

Längst scheint sich die Debatte um die Sendung nicht mehr allein um Qualität und Quote von Gottschalks Auftritten zu drehen - sie ist zum Schlachtfeld eines ARD-internen Machtkampfs geworden. Die Vorabend-Flaute bietet jenen Munition, die am Stuhl der erklärten Gottschalk-Unterstützerin und ARD-Vorsitzenden Monika Piel sägen wollen. Jüngst übte der HR-Funktionär Rolf Müller heftige Kritik an "Gottschalk Live", und von offenbar interessierter Seite wurde bereits in der vergangenen Woche an die Medien durchgestochen, eine deutliche Mehrheit der ARD-Intendanten habe sich für eine Absetzung ausgesprochen. Der Sender dementiert. Noch.

Thomas Gottschalk selbst ist wild entschlossen, die Sendung gegen alle Widrigkeiten zum Erfolg zu führen. Ein Show-Format in der ARD, über das jüngst als "Notfall-Plan" spekuliert wurde, kommt für ihn nicht in Frage. Warum auch hätte er die erfolgreichste Show Europas aufgeben sollen, um dann in einem geklonten, aber kleineren Format aufzutreten? Klar würde Gottschalk der ARD die eine oder andere Gala moderieren, wenn sie das will, aber er selbst hat nur ein Ziel: "Gottschalk Live" in einer Qualität zu machen, die ihn selbst zufrieden stellt. Wenn dann die Zuschauer immer noch nicht einschalten wollen, wenn die ARD ihn dann kündigen will, dann sei es eben so.

Aber noch ist es nicht so weit. Thomas Gottschalk wird es weiter versuchen.

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insgesamt 59 Beiträge
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1.
alocasia 30.03.2012
Ich schalte immer panisch weiter bei Volkstümlicher Musik und bei irgendwelchen Talkshows. Ich kann ja verstehen dass die öffentlich rechtlichen sparen müssen und eine Talkshow einfach sehr billig zu produzieren ist. Aber langsam wird es echt zuviel. Gottschalk sollte einfach aufhören der war mal Anfang der 80er witzig und neu, das war es aber dann. Außerdem wirkt es nicht besonders glaubhaft, bei Wetten Dass wegen dem Unfall einen auf Betroffen zu machen aber sofort mit was anderem weiter zu machen.
2.
Sackaboner 30.03.2012
Seit wann hat der Thommy denn Publikum in seiner Sendung? Ohne geht's wohl gar nicht. Den alten Showmaster legt er wohl nicht mehr ab.
3. Du meine Güte...
juergw. 30.03.2012
Zitat von sysopDie Quoten sind eine Katastrophe, die ARD-Granden in Sorge - doch Thomas Gottschalk ist fest entschlossen, seine Vorabend-Show zu retten. Als Moderator glänzt er wieder. Jetzt braucht er nur noch Zeit, um das Publikum zu überzeugen. Doch gerade die wird er nicht bekommen. Gottschalk in der Krise: Tempo, Tommy! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,824813,00.html)
der Mann hat doch seine Millionen verdient-soll er sich doch in den USA zur Ruhe setzen.Das einige nicht aufhören können.In manchen ARD und ZDF Produktionen sieht man eh schon immer die selben alten Gesichter. Da ist scheinbar 70 Jahre und älter das ideale Alter für die Besetzung.Bei manchen wundert man sich ,das selbige noch am Leben sind....!
4.
grglmhmpf 30.03.2012
Zitat von sysopDie Quoten sind eine Katastrophe, die ARD-Granden in Sorge - doch Thomas Gottschalk ist fest entschlossen, seine Vorabend-Show zu retten. Als Moderator glänzt er wieder. Jetzt braucht er nur noch Zeit, um das Publikum zu überzeugen. Doch gerade die wird er nicht bekommen. Gottschalk in der Krise: Tempo, Tommy! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,824813,00.html)
Als Gäste Sonya Kraus und Erol Sander, klar, die ziehen Zuschauer ohne Ende... Von der ARD WEG... Gottschalk Late Night hat schon vor Jahren nicht funktioniert, und besser als Harald Schmidt (bei dem das auch nicht mehr funktioniert) kann Gottschalk das außerdem nun wirklich nicht.
5. Grace Under Pressure
rudolf_mendt 30.03.2012
Boah, ey, das fand ich soo gut, ey! Steigt einfach zu irgendjemandem ins Auto. Echt cool! Total volksnah! Endlich mal etwas, wo der kleine Mann auch mal zu Wort kommt. Ist halt doch einer von uns, der Tommy.
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