Samstagabend-Shows im TV Furzwettbewerb auf dem Familiensofa

Vier große Shows auf vier Sendern - das klingt wie der ultimative Showdown der Samstagabendunterhaltung. Fühlt sich aber an wie der Besuch der buckligen Verwandtschaft.

Comedy-Zauberer bei "Supertalent" auf RTL
MG RTL D/ Morris Mac Matz

Comedy-Zauberer bei "Supertalent" auf RTL

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Doch, ja, bei aller zynischen Abgezocktheit muss man das zugeben: Am Samstagabend zu Hause auf dem Sofa eine Samstagabendshow anschauen, das fühlt sich zumindest in Schwundstufen immer noch ein bisschen familiär an, wenn man das einmal im Quartal tatsächlich noch macht - die eingefrästen Kindheitserinnerungen sind auch nach drei Jahrzehnten anderer Fernsehgewohnheiten immer noch nicht ganz verwittert.

Wenn man allerdings vier Samstagabendshows auf vier Sendern gleichzeitig anschaut, fühlt sich das an wie ein komplett aus dem Ruder gelaufenes Familientreffen: Der ungelenke Onkel zwickt einen schon wieder in die Wange und fragt, ob man schon Erdkäs-Hausaufgabe gemacht hat. Die geschwätzige Tante will angeblich wissen, wie es einem so geht, um dann langstrecken-schnatternd nur von sich zu erzählen. Der alberne Schwager fragt schon wieder, wann endlich der Furzwettbewerb losgeht. Und der zappelige Cousin, der unbedingt einen doppelten Flicflac vormachen wollte, während er dabei das Goldfischglas auf dem Kopf balanciert, hat bei der unsachgemäßen Landung den Fliesentisch zerdeppert und die Gardinen versengt.

In einer seltenen Konstellation der Programmplanungs-Astronomie sendeten gestern Abend tatsächlich das Erste, ZDF, RTL und Pro7 eine eigene Show - und zwar jeweils ein Format, das archetypisch für das generelle Showverständnis des jeweiligen Senders stehen kann, mit den dazugehörigen, Kanal-repräsentativen Moderationskräften.

Eine hübsche Versuchsanordnung also für die Frage: Kitzelt diese TV-traditionelle Institution eigentlich heute noch irgendwas, abgesehen von atavistischen Badewanne-Frotteeschlafanzug-Reflexen? Kann man sich das heute noch ernsthaft anschauen? Und wenn ja, in welcher Sender-Interpretation?

ARD: Bootcamp im Discokürbis

ARD/ Thomas Leidig/ BrandNewMedi

Fangen wir an beim Onkel, der einen dauernd Latein-Vokabeln abfragen will: Das Erste, "Ich weiß alles", moderiert von Jörg Pilawa. Das orangefarbene Studio sieht aus, als sei man im Inneren eines Discokürbisses gefangen, aber die alberne Atmosphäre täuscht: Das hier ist nicht weniger als ein Bootcamp des Geistes. Bei der ersten Ausgabe der Sendung vor ein paar Wochen habe man keinen Gewinner ermitteln können, sagt Pilawa. Weil es kein Kandidat ins Finale schaffte. Aber schließlich sei das hier auch "das schwerste Quiz Europas".

Man überlegt noch, welche schikanöse Zusatzleistung man wohl bei einer offenbar also noch anspruchsvolleren Quizsendung in den USA erbringen muss (alle Antworten in Duhudefu-Geheimsprache geben? Nach der finalen Frage noch ein bodennaher Limbotanz?), da geht es schon los mit einem jugendlichen Schniegelkandidaten, der zuerst in der Kategorie "Romy Schneider" gegen Expertin Alice Schwarzer antreten muss.

Es läuft dynamisch gemeinte Hintergrundmusik jener Art, zu der man in Retroclips auf YouTube grimassierende Hippies expressiv in Gummianzügen tanzen sieht. Der Schniegelkandidat hat angeblich noch nie einen Sissi-Film gesehen, weiß aber, dass Sissi gerade angelt, als sie zum ersten Mal Kaiser Franz begegnet. Toll. Danach muss er gegen das Publikum antreten: "Was ist der Plural von Plural?", fragt Pilawa mit Fuchslächeln und will anschließend dann noch wissen, bei welchen Gelegenheiten Idefix in den "Asterix"-Bänden regelmäßig in Tränen ausbricht. Er habe nie "Asterix" gelesen, sagt da Günther Jauch. "Lupo, Goofy, das war meine Welt!" Und nie spürte man mehr aufrichtige Sympathie mit diesem Mann. Schnell umschalten also.

ZDF: Gottschalks erotische Jugendfantasien

Thomas Gottschalk mit Inka Bause, Claudia Roth, Uschi Glas und Andreas Gabalier
ZDF/ Uwe Ernst

Thomas Gottschalk mit Inka Bause, Claudia Roth, Uschi Glas und Andreas Gabalier

Weiter zur geschwätzigen Tante. Im ZDF läuft "Gottschalks große 68er-Show". Als man rüberzappt, schnuppert er gerade an einem alten Versandkatalog und fantasiert von den hautfarbenen Unterwäschemodellen darin als erotisierendes Erregungsmaterial seiner Jugend. "Heute bestellen sie Sushi", prangert er die Snackgewohnheiten der heutigen Jungen an. Wenn früher einer gesagt habe, er sei Veganer, hätte man gesagt, geh doch zum Arzt. Dabei sitzt Gottschalk inmitten eines bizarren 68er-Panels fraglicher Qualifikation:

  • Uschi Glas, "Schätzchen"-diplomiert
  • Claudia Roth, damals 13, aber im Besitz eines knallgelben Minikleids
  • Inka Bause, 1968 geboren
  • völlig bizarr: Andreas Gabalier, geboren 1984.

Früher sei Musik noch melodisch gewesen, schwadroniert Gottschalk: "Von der aktuellen Musik kann ich mir kaum was merken. Bei Techno denke ich immer, das ist ein Lied, das vier Stunden geht."

Dringend zum nächsten Sender hüpfen, bevor jemand "affengeil" sagt.

RTL: "Oh my God"

Kindertänzer bei RTL
MG RTL D/ Stefan Gregorow

Kindertänzer bei RTL

Bei RTLs "Supertalent" - dem Schwager mit dem Furzwettbewerb - tanzt eine Schar Kinder gerade konzentriert eine Choreografie zu einem Backstreet-Boys-Medley. Es ist sehr unangenehm. Die Menschen im Publikum rasten aus, stehen auf, Bruce Darnell verliert die Nerven: "Oh my God, das war so schön! Kinder, toll, super!" Dann muss er ein bisschen weinen. "Ich habe noch nie achtjährige Kinder auf Backstreet Boys tanzen sehen", bafft Sylvie Meis, und man wünscht ihr noch viele derartige Erweckungserlebnisse. "Der Spaßfaktor war bei euch wahnsinnig", sagt Dieter Bohlen, "die Musik von den Backstreet Boys war damals ja auch irgendwie geil."

Man wähnt sich schon in der geistigen Talsohle, also irgendwie auch in Sicherheit, blöder wird es wohl nicht mehr werden. Da kommt eine nicht mal entfernt nach Angela Merkel aussehende Angela-Merkel-Doppelgängerin auf die Bühne, hält mit starkem polnischen Akzent eine Rede und ernennt Bohlen zum "Bundesjuror der Casting-Nation auf Lebenszeit".

Es ist sehr belastend, man wünscht sich zurück ins Erste, wo jetzt wahrscheinlich gerade Ulrich Wickert einen Kandidaten in der "Paris"-Themenrunde in Grund und Boden schmunzelt. Aber zuerst muss man sich beim RTL noch einen denkwürdigen Dialog anhören.

Dieter Bohlen: Aber Frau Merkel ist viel kleiner als Sie.

Double: Ich bin nur ein Double.

Dann kommt ein Mann auf die Bühne, der angeblich aussieht wie Donald Trump, in Wahrheit aber einfach nur eine Scheißfrisur hat, und tanzt zu "I'm sexy and I know it". Weiter, nur weiter.

Pro7: Ist das Schinken an Palinas Handgelenk?

Palina Rojinski
imago/ Stefan Zeitz

Palina Rojinski

Bei Pro7 - dem zappeligen Cousin - sucht Joko Winterscheidt für "Gewinner gegen Beginner" gerade einen Publikumsmenschen, der gegen einen gigantischen Muskelmann antreten und um die Wette einen Truck ziehen will. Auf einer Couch sitzen Matthias Opdenhövel und Palina Rojinski. Deren Outfit sieht von Weitem aus, als habe sie sich je einen glasierten Schinken um die Handgelenke geschnallt, was unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen scheint. Als schließlich noch Evil Jared erscheint, der dem Kandidaten behilflich sein soll, ist das klassische Pro7-Showensemble komplett. Selten hielt man die Theorie, es gebe auf der Welt in Wahrheit nur 20 Menschen, für plausibler als in diesem Moment.

Okay, noch mal einen Schnelldurchlauf

Es fällt schwer, sich an diesem Abend für einen Lieblingsverwandten zu entscheiden. Oder, ehrlicher: Für den, der am wenigsten nervt.

Noch eine Schnellzapperrunde!

Im Ersten wird geklärt, warum Romulus den Remus erschlug, und dass es auf der Erde über 20.000 Apfelsorten gibt. "Nein, das kann doch nicht wahr sein!", ruft Alice Schwarzer.

Beim "Supertalent" nimmt eine Frau eine Vogelspinne in den Mund. "Ich bin sprachlos", sagt Sylvie Meis. "Und jetzt schlucken", sagt Bohlen. Auf Pro7 köpfen zwei Männer einen Ball über eine Tischtennisplatte, anscheinend ist es gerade sehr spannend.

Hundetanz bei RTL-"Supertalent"
MG RTL D/ Stefan Gregorow

Hundetanz bei RTL-"Supertalent"

Bei der 68er-Nostalgie im ZDF wird es politisch: "Wie kommt es, dass wir damals das Gefühl hatten, die Politiker wissen, was sie tun?", fragt Gottschalk. "Heute hat man das Gefühl, die stochern im Nebel und reagieren eher." Das Publikum tost. Na ja, sagt Claudia Roth, die Politik sei damals aber ziemlich mackerhaft gewesen. "Andreas, können wir mit dem neuen Frauenbild von heute leben?", fragt Gottschalk. "Ja, absolut absolut", sagt Gabalier grienend. Und dann setzt Gottschalk zu einer Erzählung an, wie er damals immer kotzen musste, wenn es zum Familienurlaub über den Brenner ging.

War es das jetzt?

Am Ende kann das Erste am längsten. Alle anderen Shows sind schon verstummt, als im Finale ein Schweizer um 100.000 Euro spielt. Dazu muss er sich in eine sogenannte "Finalkapsel" setzen, die von der Bühnendecke schwebt: Eine Mischung aus der Kandidatenkugel, die es beim "Großen Preis" gab, und einem futuristischen Klo. Dazu läuft Musik aus "Captain Future".

"Was bedeutet der Name Sibirien?", will Pilawa wissen. Der Kandidat entscheidet sich für "das Land, das schläft". Dann starren alle auf den Leuchtbuchstaben "S" am Ende des Schriftzugs von "Ich weiß alles!" Denn wenn die Antwort stimmt, wird er flackern. Alberner geht es wirklich nicht, kurz vor Mitternacht. Das "S" flackert. "Was für ein teuflischer Stress", sagt die Schwarzer. Im Hintergrund setzt "An Tagen wie dieser" ein.

Wahrscheinlich war es das jetzt dann also wirklich mit diesen Samstagabendshows. Für immer vorbei, denkt man sich - und scrollt zum Runterkommen noch ein bisschen durch Instagram. Es gibt ein neues Filmchen von Heidi Klum und Tom Kaulitz mit Hundefilter, in dem sie mit Hechelzungen nach dem Betrachter schlecken. Unruhige Träume.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
jujo 07.10.2018
1. ....
Habe keine der Sendungen gesehen. Schon bei der Sichtung der Gästelisten bekam ich das Gruseln. Man sollte meinen das mit jetzt 74 Jahren mir die Nostalgie Tränen kommen würden und ich begeistert Gottschalk genießen würde aber nein, ich bin wohl noch nicht senil genug?
Newspeak 07.10.2018
2. ....
Als Studenten haben wir mal durchs Programm gezappt. Einzige Bedingung: Nach jedem vollständigen Satz wird weitergezappt. Das, was dabei herauskommt, ist pure Poesie ;).
lutfikus 07.10.2018
3. Unterhaltsamer
als die Samstagabendshows war dieser Artikel bestimmt. Danke dafür!
n.wemhoener 07.10.2018
4.
Ganz gegen meine Gewohnheit, am Samstagabend den Fernseher nicht mehr einzuschalten, habe ich mir gestern Gottschalks "große 68er Show" angesehen, besser gesagt zugemutet. Mit dem Ergebnis, dass nach etwa 45 Minuten die Müdigkeit so groß wurde, dass mir die Augen zufielen. Wenn endlich erkennen die Verantwortlichen des öffentlich rechtlichen Fernsehens, dass Thomas Gottschalk es einfach nicht kann ? Alle seine Wiederbelebungsversuche nach "Wetten das" sind grandios gescheitert.
chiefseattle 07.10.2018
5. Sa-Abend
Schon wieder Demografie: Programme für die +65 jährigen auf vier Kanälen. Auf weiteren 20 Kanälen gibt es Comedy (whateverthatis) oder gefährliche Männer und Frauen, die sich umbringen.
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