ZDFneo-Reihe "Herr Eppert sucht...": Knallharter Softie

Von Jonas Leppin

Für "Herr Eppert sucht..." hängt sich Thorsten Eppert auf ZDFneo an unterschiedliche Menschen - und taucht durch höfliches Nachfragen tief in ihre Persönlichkeit ein. Wenn es sein muss, hockt er sich auch mit einer Sex-Aktrice vor die Glotze und studiert deren Oeuvre.

ZDFneo-Reportagen: Herr Eppert auf Sendung Fotos
ZDF

Herr Eppert ist sofort der Thorsten. Er kommt zu Fuß in das Hamburger Café, bestellt Kaffee und Apfelschorle, trägt Kinnbart und über dem T-Shirt ein Hemd. Er wirkt harmlos, irgendwie möchte man sofort nett zu ihm sein. So funktioniert das bei ihm.

In einer neuen Folge seiner Reportagereihe "Herr Eppert sucht...", die ab Donnerstag wieder regelmäßig auf dem Digitalsender ZDFneo zu sehen ist, zeigt sich seine höfliche Ehrlichkeit zum Beispiel an der Szene mit einem neureichen Fitnessstudiobesitzer. Geduldig lässt sich Eppert zunächst die Jugendstilvilla des Mannes zeigen und fragt ihn dann beiläufig, warum er denn überall Porträts von sich aufhängt. "Findest du dich so geil?", will Eppert wissen und schaut schüchtern auf den Boden. Der Eigentümer ist um eine souveräne Antwort bemüht.

Solche Momente zu schaffen - das ist die Stärke von Thorsten Eppert. Stets interessiert und freundlich, dazu wachsam, begleitet er Menschen, die ihm ungewöhnliche Geschichten zu großen Themen wie Glück, Liebe oder Tod erzählen. Immer drei Protagonisten in dreißig Minuten, stets eine neue Perspektive, dazu Eppert im Bild und seine Gedanken im Off-Ton. Das ist sein Konzept.

Dabei steht Eppert für die ruhige und unaufgeregte Seite des Nischensenders ZDFneo. Im Vergleich zu den Late-Night-Chaoten Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt, der ewig gehetzten Sarah Kuttner oder dem immer etwas zu hippen "Wild Germany"-Reporter Manuel Möglich ist Herr Eppert die erwachsene Stimme auf dem Junge-Leute-Sender - und außerdem am besten ausgebildet.

Ein Gespür für gute Protagonisten

Seine "Herr Eppert sucht..."-Reihe fand bisher etwas abseits der bekannten Reportagen statt. Das ZDF versteckte die Sendung auf dem Nischensender ein bisschen zu sehr, und Eppert selbst ist eben kein medialer Krachmacher. Doch das ist nicht unbedingt schlecht für ihn, so hatte er in den vergangenen zwei Jahren die Zeit, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Für die neuen Folgen trifft Eppert Geldfälscher, Tagelöhner oder Christen. Meistens findet er Menschen, die zu Themen, über die eigentlich schon alles erzählt wurde, einen weiteren Denkanstoß liefern. Es geht ihm aber nicht um ein endgültiges Fazit: "Man wird in dieser Sendung nicht das Glück oder die Liebe finden, aber dafür einige Antworten, die ein Stück weiterbringen", sagt er.

Wenn er jetzt wieder Gott, Geld oder das Gute sucht, dann sollten ihn weder Protagonisten noch Zuschauer dabei unterschätzen. Denn selbst wenn Eppert so aussieht, als könnte er problemlos die Jugendfreizeit der evangelischen Kirche betreuen, steckt in ihm in erster Linie ein guter Journalist.

Eppert ist 40 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder. Sein Zivildienst im Rettungsdienst brachte ihn zunächst auf die Idee, Medizin zu studieren, dann VWL in München und schließlich Politikwissenschaft an der London School of Economics. Er lebte einige Zeit im Ausland, lernte seine Frau kennen und schrieb für einen Online-Reiseführer. Er arbeitete als Redakteur beim ZDF, war Reporter im In- und Ausland, kündigte, gründete eine Produktionsfirma in Hamburg und dachte sich schließlich mit einem Redakteur von ZDFneo "Herr Eppert sucht..." aus. Er würde aber auch wieder andere Filme machen, sagt er.

Eppert interviewt nicht, Eppert führt Gespräche

Genau wie sich Inspektor Columbo an Verdächtige herantastet, hängt sich Eppert in seiner Sendung an die Protagonisten und begleitet sie im Alltag. Auf diese Art entstehen eher Gespräche als Interviews. Mit seinen vielen Fragen schafft er es, den Leuten nah zu kommen. Eppert fragt wirklich so penetrant, aber höflich nach, bis er und die Zuschauer zufrieden sein können. "Ich bringe Zeit mit und versuche, niemanden zu überrumpeln", sagt er. "Aber auch wenn es mal nicht so aussieht, weiß ich genau, was ich da tue."

Eppert interessiert sich für die Menschen. "Es gibt so wahnsinnig tolle Geschichten, und ich habe noch aus jedem Dreh etwas für mich mitgenommen", sagt er. Und wenn er dann erzählt, dass er sich nach einer Folge über ein Öko-Dorf zu Hause einen Rohkostsalat gemacht hat, dann klingt das nicht einmal zynisch.

Für die Folge "Herr Eppert sucht...Streit" war er zwei Tage zu Gast bei der Stuttgarter Burschenschaft Hilaritas und hat dort das Mitglied Gernot Knittel begleitet. "Gernot ist ein gutes Beispiel", sagt Eppert im Café. Er begegne den Menschen stets auf Augenhöhe, egal, wie unterschiedlich ihre Lebensentwürfe seien. "Wer bin ich denn, dass ich irgendwo hinfahre, um Leuten verbal eine zu scheuern?", sagt Eppert. Entweder er traue sich, die Dinge vor Ort anzusprechen, oder sie fänden in der Sendung nicht statt.

Auch Burschenschafter Knittel bescheinigt der Sendung Authentizität: "Es war so, wie es zu sehen ist: offen und ehrlich", sagt Knittel. Nichts wurde für die Kamera wiederholt, es hätte kein Nachtreten im Off-Ton gegeben. "Mir war klar, dass ich ihn von Burschenschaften nicht überzeugt kriege", sagt er. "Das war ihm zu viel Deutschland, zu viele Fahnen, aber das hat er auch offen angesprochen."

Mit der Erotikdarstellerin vor dem Fernseher

Eppert hat sich bewusst dafür entschieden, Geschichten auf eine etwas unperfekte Art zu erzählen, mit zögerlichen Nachfragen und langen Pausen, in die Menschen oft viel mehr hineinerzählen, als würden sie unter Druck gesetzt. "Herr Eppert ist nicht der allwissende Journalist. Er soll Fragen stellen, die man sich sonst nicht traut", sagt Eppert über Eppert.

"Oft wissen wir vorher selbst nicht, wie die Geschichten ausgehen." Gedreht wird nur mit einem Kameramann, ohne künstliches Licht. Und wenn Fehler oder Schwierigkeiten bei der Recherche auftreten, dann wird das meist direkt in der Sendung angesprochen.

Und so entstehen Momente wie bei der Suche nach "Heimat", als Eppert es kaum übers Herz bringt, der schönen Volksmusikantin zu sagen, wie schrecklich er ihre Musik findet, oder als er mit einer Erotik-Darstellerin und ihrem Mann einen Sexfilm kommentieren muss. Häufig sind es auch ganz einfache Geschichten, wie die von einem Ehepaar, das seit 60 Jahren verheiratet ist. Jedem Protagonisten könne er mit gutem Gewissen die fertigen Filme zeigen, sagt Eppert.

Diese könnten mit der dritten Staffel nun auch bei einem größeren Publikum bekannt werden. Wie sollte es weitergehen? Eine Sendung im Hauptprogramm? Ach, sagt Eppert, er schätze den Freiraum und dass nicht nach jeder Sendung jemand anruft, um über die Einschaltquoten zu sprechen. Er sei gerade glücklich mit der Situation. So soll es weitergehen. Die Zufriedenheit hat Herr Eppert also schon mal gefunden.


Die neue Staffel "Herr Eppert sucht...", ab Donnerstag, 23.00 Uhr, ZDFneo

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
moebern 22.11.2012
Klingt wie eine deutsche Version von Louis Theroux, also möglicherweise sehenswert. Wobei mir bisher die ruhige, zurückhaltende Columbo Art so gar nicht mit der eher direkten, konfrontativen deutschen Mentalität vereinbar schien.
2. Weiter so, Herr Eppert
balkanfuzzi 22.11.2012
Eine wirklich tolle, einfühlsame Reihe. Macht einfach nur Freude und teilweise neugierig auf andere Lebensentwürfe. Danke für Ihre Arbeit.
3.
neuroheaven 22.11.2012
toller typ, tolles format. verfolge ich seit beginn. weiter so eppert!!!
4. Von Anfang an dabei!
hyperlord1337 22.11.2012
Ich bin das erste Mal beim Zappen über "Herr Eppert sucht ..." gestolpert und habe die Sendung dann jede Woche angesehen. Herr Eppert's Stil gefällt mir sehr gut und langweilig ist es nie, kommt auch im SPON Artikel gut rüber ... Wers nicht kennt, umbedingt Mal anschauen!!
5.
SpeedyGTD 22.11.2012
Tolle Reihe, ich hab zwar leider noch nicht alle Sendungen gesehen, aber die, die ich gesehen habe waren einfach nur toll und ehrlich, genau wie im SpOn-Artikel beschrieben. Weiter so. Hoffentlich gehen ihm nicht die Ideen aus und es wird noch viele Sendungen geben.
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