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Geheimdienst-Film: "Wir haben Israel zum Stasi-Land gemacht"

Von Ulrike Putz, Tel Aviv

NDR-Doku "Töte zuerst": Aufrüttelndes von Ex-Geheimdienstlern Fotos
NDR

Sie reden über Folter, über das bewusste Töten von Wehrlosen und vergleichen Israels Armee mit der Wehrmacht: In dem Oscar-nominierten Film "Töte zuerst" stellen sich die Ex-Chefs des Geheimdienstes Schin Bet gegen die Politik ihres Staates. Jetzt läuft die spektakuläre Doku im deutschen TV.

"Wenn dieser Film nicht dazu führt, dass sich die Dinge ändern, gibt es keine Hoffnung für Israel": An Selbst- und Sendungsbewusstsein mangelt es dem israelischen Filmemacher Dror Moreh nicht. Er gab dieses Statement anlässlich der US-Premiere von "Töte zuerst" ab. Doch tatsächlich hat er mit seinem Dokumentarfilm eine historische Leistung erbracht. Er hat es geschafft, alle sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet vor die Kamera zu bekommen. Und das ist längst nicht alles.

Denn was die zuvor noch nie interviewten Geheimdienstler in dem Film, der vom NDR koproduziert wurde und für einen Oscar als beste Dokumentation nominiert war, zu sagen haben, ist unerhört. Die Besatzung der palästinensischen Gebiete nach 1967 aufrechtzuerhalten, sei der Kardinalsfehler, an dem Israel sich aufreiben werde. Der einzige Weg, den Konflikt mit den Palästinensern zu lösen, sei, mit ihnen zu reden. Ja, auch mit der Hamas und dem islamischen Dschihad.

"Wir haben das Leben der Palästinenser unerträglich und Israel zu einem Stasi-Land gemacht", sagt etwa Avraham Schalom, der dem Schin Bet von 1980 bis 1986 vorstand: "Was macht das mit uns, wie verändert das den israelischen Charakter?" Schalom geht sogar so weit, die israelische Armee mit der Wehrmacht zu vergleichen, die eroberte Gebiete besetzte. Wenn man nicht wüsste, wer da redet, müsste man glauben, es mit Israelis am äußersten Rand des linken Spektrums zu tun zu haben. Doch diese Männer sind Säulen des Jerusalemer Polit-Establishments - und gehen just mit diesem knallhart ins Gericht.

"Präsident Obama, sehen Sie diesen Film!"

Es sei die Schuld der Politik, dass Israel am Rande des Abgrunds stehe, postulieren die "Torwächter", wie der Film im Hebräischen heißt. "Alles ist Taktik, es gibt keine Strategie", sagt Schalom. "Wir gewinnen alle Schlachten. Aber wir verlieren den Krieg", sagt Ami Ajalon, der nach der Ermordung Jizchak Rabins durch einen jüdischen Extremisten den Schin Bet übernahm.

Ajalon erzählt von einer glücklichen Kindheit in einem Kibbuz am Ufer des Sees Genezareth. Wie er davon überzeugt war, dass dort in Jerusalem, im Büro des Ministerpräsidenten, ein Mann sitzt, der über das Wohl des Volkes nachdenkt. Später, als Geheimdienstchef, muss er erkennen, dass es den weisen Landesvater seiner Kindheitsträume nicht gibt. Stattdessen habe die Politik den jüdischen Terrorismus groß werden lassen, der Rabin das Leben gekostet hat.

Moreh, der den Interviews bislang nie gezeigtes Filmmaterial von Geheimdienst-Operationen zur Seite stellt, lotet mit seinen Gesprächspartnern auch die dunklen Seiten des Geschäfts aus: Sie erzählen von Folter. Davon, wie sie wehrlose Gefangene haben totschlagen lassen. Von der Ein-Tonnen-Bombe, die, auf ein Haus im Gaza-Streifen geworfen, versehentlich eine ganze Familie ausgelöscht hat.

"Diese Momente graben sich tief in einen hinein. Und wenn man dann pensioniert wird, wird man zu einer Art Linken" sagt Jaakov Peri, der dem Dienst vom 1988 bis 1994 vorstand. Und Juval Diskin, Chef von 2005 bis 2011, beschreibt, wie er im Laufe der Zeit sich immer besser in die palästinensische Sichtweise des Konflikts hineindenken konnte. "Eines Mannes Terrorist ist des anderen Mannes Freiheitskämpfer", sagt er.

Entsprechend begeistert nahm die israelische Linke den Film auf. Israels liberale Tageszeitung "Haaretz" drängte US-Präsident Barack Obama, sich "Töte zuerst" vor seinem Besuch in Israel und Palästina in zwei Wochen anzusehen - und zwar "auf der größten Leinwand, die Sie haben." Die israelische Rechte beschwieg den Film dagegen: Angesichts der ehemaligen Funktion der Protagonisten kann sie deren Thesen schlecht anfechten.

Dror Moreh selbst war überrascht, dass sich alle Ex-Kommandeure des Schin Bet sich bereit erklärten, vor die Kamera zu treten. Sie taten es aus politischer Überzeugung, aus Patriotismus, wie sie sagen. "Nur Gewalt, nur Kampf, nur Betrug wird nicht zum Frieden zwischen den Völkern führen", sagte Peri. Wenn man im Herzen des Konflikts stehe, im Herzen des Kampfs gegen den Terror, beginne man verstärkt darüber nachzudenken, wie man den Konflikt lösen könne. Die Ansichten der üblicherweise im Geheimen operierenden Männer publik zu machen, könne dazu beitragen, etwas zu ändern - so wie es sich auch Regisseur Moreh wünscht.


"Töte zuerst": Dienstag, 20.15 Uhr, Arte; Mittwoch, 22.45, ARD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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1.
ApuMichael 05.03.2013
Das beweist doch erstens, dass Israel als Demokratie alter Schule funktioniert und Dinge erlaubt - solche Dokumentarfilme, den öffentlichen Auftritt von höchst 'erfolgreichen' Geheimdienstlern - die anderswo und auch bei uns schon seit längerem verhindert würden. Zum anderen ist ja doch wohl einiges an der Kritik dran, die vor ein paar Wochen zu den unglückseligen Wortmeldungen des Wiesenthalzentrums führten. - Warten wir mal, was der Großpublizist Broder zu der Sache zu sagen hat.
2.
Qual 05.03.2013
Ich bin gespannt.
3. Typisch...
agammi 05.03.2013
...dieser reißerische deutsche Titel. Aber wenn es um den israelischen Geheimdienst geht, muss es schon im Vorfeld nach Mord und Blut riechen. Also genau das, was die sechs Protagonisten im Film anprangern. In der Tat ist beeindruckend, dass ein Land im Kriegszustand, in dem immerhin noch eine Militärzensur exisitert, ein solcher Film nicht nur zugelassen sondern unterstützt wird - unter der rechtesten Regierung, die Israel jemals hatte.
4.
totalmayhem 05.03.2013
Das bemerkenswerteste an dem Film ist die Tatsache, dass Dror Moreh 6 Shabak-Bosse vor der Kamera zum Reden gebracht hat. Wie man jedoch The Gatekeepers, wie diese Leute mehr oder weniger respektvoll genannt werden, mit Toete Zuerst uebersetzen kann erschliesst sich mir nicht sich so ganz. Vielleicht erschien den Verantwortlichen ja die offizielle - wenn in diesem Fall auch unzutreffende - deutsche Uebersetzung (Die Pfoertner) zu profan. ;)
5. Balsam für die dt. Seele?
rademenes, 05.03.2013
Ich will die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und hier so halb öffentlich mal Fragen: warum dieser seltsame Titel der deutschen Fassung? Was sprach gegen eine Übersetzung der "Gatekeepers"? Klang es zu positiv? Insinuierte es nicht genug üble Intentionen des Israelis? Einmal dache ich, das die diversen Untersuchungen zur - vorsichtig gesagt - "gefärbten" Rhetorik wenn es um Berichterstattung oder den Umgang mit Israel, übertreiben. Leider fällt es einem zusehends auf, dass es nicht so ist. Der Selbstmordattentäter bleibt bis auf weiteres in den deutschen Medien ein "Freiheitskämpfer" und jene die von Israel und den Israelis Unbill abwenden wollen, geraten ins Blickfeld erst wenn Sie sich selbst geißeln. Ich weiß wohl um die kritische Haltung des Films selbst - geschenkt! Musste es aber so ein Titel werden? Ging es nicht zurückhaltender, wie im Original? Ich weiss nicht, ob es meiner involvierten Perspektive geschuldet ist, aber mir scheint die zweierlei Handhabung der Opponenten in Israel so augenfällig. Ebenso, wie die Etikettierungen immerzu unmerklich sich verschieben und es keine israelischen Siedlungen und Städte usw. sind sondern - welch Unfug - jüdische usw.
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Geschichte Israels

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Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel

Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.

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