90 Minuten mit Tom Bartels "Robbäään! Robbääääähn!"

Man hat's nicht leicht als WM-Kommentator: Emotional soll man sein, aber nicht parteiisch; schweigen muss man können, darf aber nicht langweilen. Viel Dresche gab es gegen ARD-Mann Tom Bartels - der kommentiert bald das Finale. Kann der das überhaupt?

Fußball-Reporter Tom Bartels (Archiv): "Gegen Spanien, wer spielt da fehlerlos?"
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Fußball-Reporter Tom Bartels (Archiv): "Gegen Spanien, wer spielt da fehlerlos?"


Tom Bartels hat sicher, wovon die Profis bei der WM nur träumen: Er steht schon jetzt im Finale. Doch nach dem Spiel der Deutschen gegen Ghana prasselte viel Kritik auf ihn ein: zu emotionslos, zu redselig. Taugt der Mann überhaupt als Endspiel-Kommentator? Wir haben beim Spiel Niederlande gegen Chile den Check gemacht.

11. Minute: Patzer in der niederländischen Abwehr. Bartels verweist darauf, dass diese schon öfter Schwierigkeiten in diesem Turnier gehabt habe: "Aber klar, gegen Spanien, wer spielt da fehlerlos?" Ja, gegen Spanien!

Was wären die Alternativen zu Bartels als Endspiel-Kommentator? Steffen Simon? Der ist nach seinem "Iraner gleich Südländer"-Bonmot untendurch. Ohnehin liegt er in der Beliebtheitsskala noch ein paar Plätze hinter Bartels, was an sich schon schwierig ist. Gerd Gottlob ist ein weiterer ARD-Mann vor Ort - im ersten Spiel der Deutschen gegen Portugal landete er allerdings schnell beim "wir", womit er noch parteiischer war als Bartels gegen Ghana. Schwierige Sache also.

23. Minute: Flache Ecke der Chilenen, der Schuss geht vorbei. Bartels überschlägt sich am Mikro und feiert diese Variante als das nächste große Ding, das nächste Tiki-Taka, die nächste falsche Neun.

Für TV-Kommentatoren ist ein WM-Endspiel der Ritterschlag. Zuletzt durfte Béla Réthy 2010 bei Spanien gegen die Niederlande ran, damals erreichte die Tiki-Taka-Glorifizierung ihren Höhepunkt. Er feierte Iniesta nach jedem Zwei-Meter-Pass, als wäre der Spanier gerade übers Wasser gegangen. Bei 70 Prozent Ballbesitz für den späteren Weltmeister hieß das viel Bohei am Mikrofon. Manchmal wünschte man sich, Nigel de Jong hätte Réthy und nicht die Spanier abgegrätscht.

32. Minute: Bartels bezichtigt den Niederländer Daley Blind des überharten Einsteigens im Strafraum. Nach Ansicht der Zeitlupe wiegelt er aber ab: War alles in Ordnung. "Der Schiri muss das genauso bewerten, wie das die Zeitlupe hinterher aussagt."

Bei der WM in Deutschland 2006 war es Reinhold Beckmann, der das Finale kommentierte. Jener Beckmann, der degradiert wurde und in Brasilien meist erst nach Mitternacht auf dem Bildschirm erscheint. Vielleicht ist einem das Finale von damals deshalb nicht mehr so präsent. 2002 bei Deutschland gegen Brasilien: wieder Réthy.

40. Minute: Robben ist offensichtlich Bartels' Lieblingsspieler, jeder Ballkontakt treibt seine Stimme in ungeahnte Höhen und Dezibelbereiche: "Robbääään! Robbääääähn!" Nach einem Faller des Bayern-Stars hat Bartels auch die Entschuldigung parat: "Theatralik gehört heutzutage einfach zur Weltklasse dazu." Halbzeit.

Gerade einmal 16 Jahre ist es her, da saß bei einem WM-Finale tatsächlich Heribert Faßbender am Mikrofon, 1998 bei Frankreich gegen Brasilien. Gottseidank hat da das Gedächtnis einen Riegel vorgeschoben, so dass man sich nur an die beiden Kopfballtore von Zidane erinnert. Wie's geht, zeigte Marcel Reif 1994, als er das Taktikgeschiebe zwischen Italien und Brasilien beim Namen nannte. Aber Reif kommentiert jetzt bei Sky, und mindestens 50 Prozent aller Zuschauer können auch ihn nicht leiden.

46. Minute: Bartels sagt, Chile müsse ein Tor machen, die Niederlande seien ja schon weiter. Die Chilenen etwa nicht?

52. Minute: Bartels legt das Spiel Deutschland gegen Chile aus dem März dieses Jahres in das Jahr 2013. Schwamm drüber.

63. Minute: "So sieht ein Fußballspiel aus, wenn sich zwei Mannschaften neutralisieren." Die Niederlande stünden "kompakter". "Kompakt" ist ein schönes Wort für Reporter, es suggeriert Ahnung, weil es so viel bedeuten kann.

77. Minute: "Tooooooor für die Niederlande!"

81. Minute: Handspiel eines Niederländers. Bartels: "Niemals Handspiel!"

92. Minute: Noch ein Tor für die Niederlande. Robben ist beteiligt, Bartels begeistert. Zu Recht, war ein schöner Treffer.

Emotionen sollen ja dazugehören bei einem Fußball-Kommentator. Sonst könnte ja gleich wieder Ernst Huberty ans Mikrofon und Spielernamen aufzählen. Aber bitte nicht zu viel davon, oder gar parteiisch sein. Nicht zu viel reden, sonst ist man der Sabbelheini. Aber auch nicht zu wenig, sonst schlafen die Zuschauer ein. Es ist ein Dilemma, aus dem ein Kommentator nur schwer einen Ausweg findet.

Bei Bartels ist es ein wenig so wie bei der deutschen Nationalmannschaft: Der letzte Auftritt war nicht ideal, aber es gibt Hoffnung, dass es wieder besser wird. Immerhin war es Bartels, der vor zwei Jahren bei der EM einfach mal minutenlang schwieg, als die irischen Fans ein Loblied auf ihre Mannschaft sangen.

Die eine oder andere längere Sprechpause hätte auch heute gutgetan, ebenso ein Blick aufs Spiel, der nicht ganz so oranje ausfällt. Bartels' taktische Einordnungen sind und bleiben vage, stattdessen tischt er gern Tatsachen auf wie jene, dass die Niederlande seit 221 Partien zum ersten Mal ohne einen "van Irgendwas" in der Startelf gespielt haben.

Fürs Finale gesetzt ist er sowieso, also bleibt dem TV-Zuschauer nicht viel mehr als die Hoffnung auf Besserung. Und darauf, dass es Deutschland und die Niederlande ins Endspiel schaffen. Könnte sein, dass das ein kleines Dilemma für Bartels wäre.



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Seite 1
nemensis_01 23.06.2014
1. Das Geschwafel
der aktuellen Reportergilde ist in keinem Fall von Fachkenntnis getrübt. Insofern ist es eig. egal, wer da vor dem Mikro sitzt. Ich denke die meisten werden inzwischen wie ich eh auf Alternativen ausweichen. Gottseidank werden die Spiele inzwischen manigfaltig weltweit übertragen. Damit ein schlechtes Spiel wenigstens nicht auch noch durch einen noch schlechteren Reporter verschlimmert wird. Leute wie Rethy, Bartels usw. dürften bei anderen Fernsehanstalten noch nicht einmal Maulwurfkegeln kommentieren, nur bei Ard und Zdf sitzten sie in der ersten Reihe. Mein Mitleid gilt denen, die sich die Übertragung der öffentlich- rechtlichen Antun müssen.
jujo 23.06.2014
2. ...
Zitat von sysopDPAMan hat's nicht leicht als WM-Kommentator: Emotional soll man sein, aber nicht parteiisch; schweigen muss man können, darf aber nicht langweilen. Viel Dresche gab es gegen ARD-Mann Tom Bartels - der kommentiert bald das Finale. Kann der das überhaupt? http://www.spiegel.de/kultur/tv/tom-bartels-ard-kommentator-im-check-bei-der-wm-a-977008.html
Das ist mir sowas von egal wer die Spiele kommentiert. Fünf Min. vor Anpfiff Gerät einschalten, nach Anpfiff Ton aus. In der Halbzeit wieder an, im Ersten, dann wieder aus. Im Zweiten bleibt der Ton die gaze Zeit aus. Bei anderen Sportarten halte ich es ähnlich!
skiski-bowski 23.06.2014
3.
Der einzig sinnvolle Vorschlag wurde hier schon häufiger gepostet. Zweikanalton (wurde schon erfunden, liebe öffentlich-rechtliche), und der Sabbelheini ist Geschichte. Wer sich das wirklich antun will, darf gern dabei bleiben, für alle anderen reichen die Außenmikrophone.
crazy_swayze 23.06.2014
4. Deutsche Kommentatoren sind schlecht, aber...
Wissen sie, was noch langweiliger ist, als ein schlechter Kommentator? Die Nacherzählung der Floskeln eines solchen.
studiumgenerale 23.06.2014
5.
Man kann auch viel unnützige Sachen schreiben, um etwas geschrieben zu haben!! Wer kommentiert, nach Meinung des Autors, "gut"?
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