Jubiläumsshow für Frank Elstner Der TV-Urknaller

Frank Elstner war die größte Ideenmaschine des Achtzigerjahre-Fernsehens. Jetzt ehrt die ARD den Moderator mit einer (sehr langen) Gala zum 75. Geburtstag.

NDR/ Thorsten Jander

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Vermutlich muss man jungen Menschen erst erklären, wie bedeutend Frank Elstner einmal war: ungefähr so wie heute Apple. Wenn Elstner in den Achtzigerjahren eine neue, von ihm erfundene Show ankündigte, war das ähnlich spektakulär, wie wenn ein neues iPhone oder iSonstwas auf den Markt kommt. Also zumindest in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Einige von Elstners Shows brauchte man so dringend wie die Apple-Uhr iWatch, also eher nicht. Dazu zählt das aus einem in der Luft befindlichen Airbus gesendete "Flieg mit Air-TL", das nach drei Ausgaben eingestellt wurde. Weil zwar gottlob nicht die Maschine, jedoch die Einschaltquote abgestürzt war.

Viele seiner Sendungen aber wurden Hits, der größte hieß "Wetten, dass..?" und war eine Art Urknall. So Achtziger wie diese Show war sonst nichts im Fernsehen der Achtziger. Leider war sie das auch später noch, was ihr letztlich zum Verhängnis wurde.

All das muss man jungen Leuten deshalb erklären, weil sie an diesem Samstagabend beim Zappen in eine ARD-Gala hineingeraten könnten, in der ein korrekt gescheitelter weißhaariger Herr mit Brille anlässlich seines bevorstehenden 75. Geburtstags gewürdigt wird. Die von Kai Pflaume moderierte Show wurde am Dienstag in Berlin aufgezeichnet, in der nachgebauten "Wetten, dass..?"-Kulisse der Anfangszeit.

Verstören könnte Menschen unter 20, dass dieser Frank Elstner sich weder durch überbordenden Witz auszeichnet, noch singt oder tanzt er. Er ist von einer anrührend altmodischen Höflichkeit und benutzt Formulierungen wie "liebe Fernsehzuschauer zu Hause". Bei der Aufzeichnung am Dienstag grüßt Elstner den Bergsteiger Reinhold Messner für den Fall, dass der daheim in Südtirol zuschaut. Er sagt etwas Freundliches über die "wunderbare" Moderatorin Carolin Reiber, die im Publikum sitzt. Und über den verstorbenen Kurt Felix, von wo aus er auch zusehen möge.

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Frank Elstner wird 75: Bilder einer TV-Karriere

So geht Frank-Elstner-Fernsehen. Seine eigenen Fähigkeiten klug einschätzend, ließ er in seinen Sendungen andere glänzen, anstatt sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Bei "Wetten, dass..?", aber auch bei "Nase vorn" waren es unbekannte Menschen, denen er für kurze Zeit Berühmtheit verschaffte. Jeder konnte Programm machen. Im Grunde nahm Elstner damit das Internet vorweg.

Frank Elstner hat schon zu Beginn des Abends feuchte Augen

Elstner ist der Bob Dylan des deutschen TV. Schöpfer großer Werke, Gottvater seiner Zunft, jedoch mit dem Makel behaftet, dass andere mit manchen seiner Ideen mehr glänzten als er selbst. "Knockin' on Heaven's Door" ist nun mal am bekanntesten in der Version von Guns'n Roses, und Spätgeborene denken bei "Wetten, dass..?" immer nur an Thomas Gottschalk. Dabei war der wohl größte Moment in der Sendungsgeschichte, als Elstner Aktivisten, die Ordner zuvor rüde rausbugsiert hatten, zurück ins Studio holte. Ihr Protest richtete sich gegen ein geplantes Kraftwerk in den Donau-Auen, Adressat war der österreichische Bundeskanzler, einer der Wettpaten. Elstner ließ die Luft raus, indem er ein Gespräch nach der Show versprach.

Überraschungsgast in der Geburtstagsshow ist Alain Delon, 81, der zu Elstners Zeiten einmal Wettpate war. Die beiden küssen und umarmen sich, halten einander fest. Deutsch-französische Altmännerfreundschaft. Delon erzählt, er hätte "Wetten, dass..?" damals gern ins französische Fernsehen geholt, weil er so angetan war vom Konzept, aber irgendwie kam es nicht dazu. Er sagt zu Elstner, man könne es ja noch mal versuchen: "Komm vorbei, Frank." Wer den rastlosen Elstner kennt, verwettet alles darauf, dass er für einen Moment ernsthaft über das Angebot nachdenkt.

In der ARD-Show sind auch Ausschnitte aus "Wetten, dass..?" zu sehen. Das lässt Sehnsucht aufkommen nach großer Fernsehunterhaltung, wie es sie heute nicht mehr gibt. Spätestens als alte Wetten nachgespielt werden, mal mit, mal ohne Bagger, alle mit den Kandidaten von damals, weiß man, warum: Es ist der länglichste Teil der sehr langen Show. "Wetten, dass..?" taugt heute höchstens noch fürs TV-Museum.

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"Wetten, dass..?"-Historie: Von Frank Elstner bis Markus Lanz

Weil sie eine Wette verloren haben, singen Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Barbara Schöneberger und Michelle Hunziker für Elstner ein Ständchen, verkleidet als Abba - eine Einlage, die eher nach Pfarrgemeindehaus anmutet als nach großem Samstagabend. Dieter Hallervorden ist auch da, singt zum Glück aber nicht.

Elstner hat schon zu Beginn des Abends feuchte Augen. Zweimal gerät er - für seine Verhältnisse - in Ekstase. Das äußert sich darin, dass er seine Krawatte ablegt. Und Günther Jauch das Du anbietet. Ansonsten tut er alles, um sich nicht zu sehr feiern zu lassen. Wird er gelobt, kontert er mit einem noch größeren Kompliment. Immer wieder reißt er die Moderation an sich, führt auch Interviews mit Wettkandidaten. Als Alain Delon zwischen Hauptbühne und Ausgang umherirrt, weil er nicht weiß, ob sein Auftritt schon zu Ende ist, springt Elstner ihm bei und geleitet ihn zur Sitzgruppe.

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Frank Elstners Geburtstagsgala: Ekstase! Er legt seine Krawatte ab!

Auch des jungen Kollegen Joko Winterscheidt nimmt er sich väterlich an, nachdem der sich bei einer Eier-Pust-Wette verausgabt hat. Elstner holt ihm einen Stuhl. Als Winterscheidt ihn nicht mehr benötigt, trägt Elstner, akkurat wie er ist, den Stuhl wieder von der Bühne.

Er trägt ihn nicht nur aus dem Sichtfeld der Kamera, sondern ans Ende der Kulisse. Einen Augenblick fürchtet man, Elstner komme vielleicht nicht mehr auf die Bühne zurück.


"Top, die Wette gilt!" - 75 Jahre Frank Elstner, Samstag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 18 Beiträge
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e.pudles 08.04.2017
1. Elstner
hat eine Show verdient. Aber nicht mit diesem Kai Pflaume als Moderator. Die Pharma Industrie hat mit mir einen guten Kunden von Schlafmitteln verloren seit dieser Mann von den Privaten zu den ÖR gewechselt hat. Fehlende Spontaneität, Witz, und Langweiligkeit prägen diesen Mann. Er sollte sich mal ein paar Sendungen mit F. Elstner ansehen und dabei etwas lernen. Elstner ein Mann, welcher trotz aller seiner Erfolge auf dem Boden der Realität geblieben ist und nicht wie die meisten anderen Show - Master abheben und das Gefühl haben, ohne sie sei die Welt nicht lebenswert. Ein Hoch auf Elstner. Die ARD wird heute Abend auf meine Teilnahme verzichten müssen.
madcostelloartist 08.04.2017
2. Ein wundervoller Mensch
Wenn alle Deutschen ein wenig mehr wären wie die Fernsehfigur Frank Elstner, würde es überall etwas gelassener zugehen. "Altmodische Höflichkeit" trifft es sehr gut. Etikette und Gentlemankodex kennen heute nur noch wenige. Ohne dabei zu steif, überkorrekt und bieder zu wirken. Mir gelingt es ja auch nicht immer, dieses Ideal aufrechtzuerhalten. Und Elstner abseits der Kamera, womöglich, auch nicht.
Stäffelesrutscher 08.04.2017
3.
»Frank Elstner hat zahlreiche Fernsehshows moderiert und entwickelt, darunter das "Spiel ohne Grenzen", "Die Montagsmaler" oder "Nase vorn".« Eine etwas unglückliche Formulierung. »Spiel ohne Grenzen« hat er nicht entwickelt, sondern war einer der Moderatoren. Hätte man nicht ein best-of senden können, anstatt eine vermutlich ebenso peinliche Show draus zu machen wie bei Udo Jürgens oder Otto?
dechi1961 08.04.2017
4. radio
habe als Kind Frank Elstner im Radio bei RTL erlebt. er könnte jede Musik promoten. egal ob die sch...... War oder nicht.cooler Typ. gluewunsch
krypton8310 08.04.2017
5.
Zitat von madcostelloartistWenn alle Deutschen ein wenig mehr wären wie die Fernsehfigur Frank Elstner, würde es überall etwas gelassener zugehen. "Altmodische Höflichkeit" trifft es sehr gut. Etikette und Gentlemankodex kennen heute nur noch wenige. Ohne dabei zu steif, überkorrekt und bieder zu wirken. Mir gelingt es ja auch nicht immer, dieses Ideal aufrechtzuerhalten. Und Elstner abseits der Kamera, womöglich, auch nicht.
Ob Elstner ein wundervoller Mensch ist, kann ich nicht beurteilen, da ich ihn nicht kenne. Eines aber kann ich schon sagen: Auf mich wirkte er steif, überkorrekt und bieder. Darüber hinaus profillos und aalglatt. Ich konnte nie nachvollziehen wie er vor der Kamera so viel Erfolg haben konnte. So unterschiedlich kann man Menschen wahrnehmen... Ich wünsche Ihnen viel Spaß heute Abend ;-)
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