"Topmodel"-Finale: Plastikgeschmack im Mund

Von Daniela Zinser

So überzuckert, dass selbst der Werbeblock realistisch wirkt: Beim Finale von "Germany's Next Topmodel" bot Heidi Klum viel heiße Luft und eine stoffgewordene Sehstörung als Kostüm. Stargast Lady Gaga zeigte, welche Welten zwischen den ProSieben-Models und echtem Glamour liegen.

"Germany's Next Topmodel": Beeindruckender Rülpser Fotos
dapd

Irgendwann stellt sich das Gefühl ein, man habe anderthalb Stunden lang auf einem Barbiepuppen-Bein herumgekaut. Der Plastikgeschmack im Mund lässt erst nach, als Lady Gaga auftritt. Da würde man am liebsten selbst so laut aufkreischen wie die 15.000 Zuschauer beim Finale der sechsten Staffel von "Germany's Next Topmodel" ("GNTM") am Donnerstagabend in der ausverkauften Kölner Lanxess-Arena. Denn kreischen, das hat man inzwischen begriffen, bringt die Freude am deutlichsten rüber.

Lady Gaga, die Kunstfigur des Pop, wirkt um ein Vielfaches normaler und authentischer als alles, was die drei Juroren - Heidi Klum, Thomas Rath und Thomas Hayo - und die drei Finalistinnen - Jana, Rebecca, Amelie - bis dahin gesagt oder getan haben. Unendlich viel Raum scheint da zu füllen zu sein in den unendlichen Weiten der Arena. Es gibt nicht viel mehr als Lichteffekte, heiße Luft und ein Set von etwa 20 Wörtern, mit dem man spielend durch den Abend kommt.

Zu Beginn muss AC/DC herhalten: Die beiden Thomas-Juroren schreiten zu "T.N.T." auf den Laufsteg, aus dem Off wird noch mal die Relevanz erläutert: "18.000 Mädchen, 18.000 große Träume. Die Suche nach der Schönsten der Schönen, der Königin der Catwalks." Die ist aber natürlich in allererster Linie Heidi Klum, die sich an diesem Abend für eine stoffgewordene Sehstörung entschieden hat. Ihr enger Hosenanzug hat Anleihen bei Schlangen, Schotten, Malkasten und Borussia Dortmund genommen. Ihr Gesichtsausdruck wird sich den Abend über nicht verändern. Sie entsteigt einer Art schockgefrosteten Riesenartischocke, tanzt den Laufsteg entlang und versichert Thomas & Thomas ihre nie endende Liebe, was mit einem Einspieler der schönsten Juryszenen mit obligatorischem Schwulenwitz untermauert wird.

Alle Variationen vom doppelten Super

Thomas Rath, der international unglaublich erfolgreiche Designer, und Thomas Hayo, der Creative Director, beide nur bedingt fürs Fernsehen geboren, teilen sich mit Heidi Klum die Superlative: megatoll, phantastisch, wunderschön, unglaublich. Wobei Heidi Klum sich auf alle Variationen mit doppeltem "Super" konzentriert. Endlich dann: die "Mädchen". Sie schweben in riesigen Kugeln aus Glühbirnen herein. "Diese drei Mädels hatten einen Trumpf im Ärmel, sie waren besser als die anderen", erläutert Heidi. "Drei Engel für Thomas", sagt ein Thomas. Davon würden dereinst noch ihre Enkel reden, behauptet Heidi: "Boah ey Oma, hast du da toll abgerockt in Köln."

Von den Finalistinnen bekommt man durch mehrmaliges Einspielen der besten Szenen der Staffel ein umfassendes Bild: Da ist Jana, 20, das Mauerblümchen mit der Mundfalte, das seine Chance genutzt, eine Riesenentwicklung gemacht hat, voller Lebensfreude ist und laufen kann wie Naomi Campbell. Außerdem hat sie ganz schön viele Kampagnen abgegriffen. Powerfrau Rebecca, 19, strahlt und quiekt gerne, ist ein "Hingucker" und könnte auch einen Kartoffelsack tragen, sagt Thomas Rath, der sie gerne als Muse hätte. Amelie, 16, rülpst beeindruckend, will sich doch keine Glatze schneiden lassen, trinkt keinen Kaffee und ist viel reifer geworden. Eine von ihnen wird "Germany's Next Topmodel", kreisch, macht Werbekampagnen im Wert von 300.000 Euro, kommt auf den Titel der "Cosmopolitan", kriegt ein Auto und 100.000 Euro in bar, die Rebecca für "Shoppen und Schokolade" ausgeben würde.

Doch vorher müssen sie alle laufen, mehrmals. In wechselnden Kreationen aus Verpackungsfolie, bonbonfarbenen Stofffahnen, roten Roben. Das machen sie natürlich supersupertoll. "Meine Herrschaftszeiten", lobt Heidi ihre "drei Göttinnen". International seien sie absolut konkurrenzfähig, loben die Thomase. Überhaupt wird nur gelobt an diesem Abend, was die Show so langweilig und so überzuckert macht, dass einem die reichhaltige Werbung alle 15 Minuten schon realistischer vorkommt. Vor und nach den Werbeunterbrechungen kündigt Heidi "Lady Gaaagaaahh" an, den, "Superspitzenmegaact, der aufregendste Popstar unserer Tage, eine Stilikone, ihre neue CD hat sich schon fünf Millionen Mal verkauft, sie ist in 27 Ländern auf Platz eins".

Die Weltkarriere endet oft schon in München

Bis zu ihrem Auftritt wird Lady Gaga gehuldigt: Keri Hilson singt "Pretty Girl Rock" ganz im Gaga-Stil, die besten Teilnehmerinnen schreiten den "Top 20 Walk" zu Lady Gagas "Judas", und Laufstegtrainer Jorge zeigt, dass auch er in überhohen Schuhen ohne Absätze laufen kann. "Unsere ganz persönliche Lady Gaga", preist Heidi ihn, und er wiederum preist die Zusammenarbeit mit den "Chicas", gemeint sind die Mädchen.

In manchem ist Lady Gaga als "GNTM"-Vorbild ideal: Mach dich selbst zum Event, sei diszipliniert und ehrgeizig, produziere Bilder, sei immer verfügbar, optimiere dich stets, lass dich nie unterkriegen und trage hohe Schuhe. Aber die 25-jährige New Yorkerin ist nicht von ungefähr eine Lady, noch dazu eine, die mit Gendergrenzen spielt, und kein Mädchen. Sie ist selbstbestimmt, wo Heidis Models sich ganz Klums dominahaftem Diktat fügen. Für "den Kunden" müssen sie wandlungsfähig, anpassungsfähig, leidensfähig sein - und möglichst natürlich, was immer das heißen mag.

Lady Gaga, die allen gängigen Schönheitsidealen trotzt und der Natürlichkeit erst recht, die alledem Persönlichkeit entgegensetzt, macht es mit ihrem Auftritt klar. "Born This Way" singt sie, den Titel trägt auch ihre neue CD: Ich bin so, und das ist gut so. Schönheit ist eben nicht eindeutig definierbar. "Ihr seid alle Superstars", ruft sie ihren Fans zu. "Nur eine kann 'Germany's Next Topmodel' werden", sagt Heidi Klum. Mit ihrer Vorliebe für Designer Thierry Mugler und den Anleihen an Grace Jones ist Lady Gaga ganz ein Kind der "Leistung muss sich wieder lohnen"-Achtziger. Heidi Klums Nullerjahre-Mädchen dagegen müssen lernen, dass Leistung zwar erwartet wird, sich daraus aber bestenfalls 15 Minuten Ruhm ergeben. Die internationale Karriere endet oft schon in München. Am Ende, in der Finalshow, darf das letzte Topmodel hinter den Kulissen mitmoderieren.

Mit so viel Ironie kommt Heidi nicht klar

Mode und Showbusiness, sie brauchen auch Ironie. Lady Gaga, ein schwarzer Victoria's-Secret-Engel mit grünblondem Bob, tanzt in der Lanxess-Arena um drei Guillotinen auf dem Laufsteg herum. Geldscheine flattern durch die Luft, Männer mit nacktem Oberkörper räkeln sich am Boden. Die Guillotinen tragen Labels: Sex, Money, Vanity. Lady Gagas Kommentar zur Show, in der die Mädchen auf Zuruf sexy sein sollen, ihnen ständig erzählt wird, wie viel Geld sie gewinnen können. Und in den Zusammenschnitten der Staffel brüsten sich die Mädchen damit, auf jeden Fall die Schönste und so viel ausdrucksstärker zu sein als die anderen. Lady Gaga singt "Born This Way", "Edge of Glory" und "Scheiße", am Ende hat sie sich symbolisch selbst geköpft. Mit so viel Ironie und Reflektion kommt Heidi nicht klar.

Ob sie eigentlich "Frau Gaga" oder "Fräulein Gaga" sagen müsse, fragt sie auf dem Sofa - sie entscheidet sich für Fräulein und erzählt, dass sie Fan war von Nena und Wham!. Lady Gaga sagt, sie sei Fan ihrer Mutter. Auf ihr "Ich würde töten für Mode" fällt Heidi Klum nur ein "supercoole Frau, supercool" ein. Die Show muss ja eh weitergehen. Amelie, das Küken, fliegt raus. Weil "keine die Schlechteste, aber eine die Beste ist", sagt die Jury. Doppelkreisch.

Jana und Rebecca, Lippenfalte gegen Kämpferin, müssen nun noch mit einem Stofftrapez durch die Luft schweben und sich dort oben räkeln, Caro Emerald singt, und dann kommt Heidis "Gretchenfrage: Wer hat es besser gemacht?" Jana. Sie ist auf dem Titel der "Cosmopolitan". Sie gewinnt. Wegen des "Gesamtpakets" und ihrer Natürlichkeit. Fortdauerndes Kreischen. "Meine absolute persönliche Lieblingsshow", kreischt Heidi Klum, und der Plastikgeschmack im Mund kommt mit voller Wucht zurück. Während die Topmodels sich selbst feiern, kümmert Lady Gaga sich um ihre "kleinen Monster", die Fans. Hoffentlich erkennen die präpubertierenden Zuschauer spätestens da: Nur gaga zu sein, reicht nicht.

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1. Untergang
südd. 10.06.2011
Zitat von sysopSo überzuckert, dass selbst der Werbeblock realistisch wirkt:*Beim Finale von "Germany's next Topmodel" bot*Heidi Klum viel heiße Luft und eine stoffgewordene Sehstörung als Kostüm. Stargast Lady Gaga zeigte, welche Welten zwischen den ProSieben-Models und*echtem Glamour liegen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,767803,00.html
Im Endeffekt besteht kein großer Unterschied, sie mag natürlich etwas professioneller sein. Die gleiche Luftnummer die sich heute Glamour nennt. Die eigentliche Schande ist, dass ich die Namen langsam kenne und ihnen Gesichter zuordnen kann.
2. Sagt Lady Gaga...
jabor 10.06.2011
nicht auch nach ihrer Köpfung "beauty is a lie"? Mehr gibts dann wohl nicht mehr zu sagen zu diesem Klum-Mist.
3. Beccy
HuFu 10.06.2011
Zitat von sysopSo überzuckert, dass selbst der Werbeblock realistisch wirkt:*Beim Finale von "Germany's next Topmodel" bot*Heidi Klum viel heiße Luft und eine stoffgewordene Sehstörung als Kostüm. Stargast Lady Gaga zeigte, welche Welten zwischen den ProSieben-Models und*echtem Glamour liegen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,767803,00.html
Für mich war Rebecca die Gewinnerin der diesjährigen Staffel. Wie eben auch es viele Andere in der weiten Internetwelt sehen. So wurde es (nur) der 2. Platz. Ob man als Siegerin mit den Klumschen Verträgen besser bedient ist, das wissen nur die Gewinnerinnen der and. Staffeln.
4. Lady Gaga der Höhepunkt des Abends?
Klippschliefer 10.06.2011
Wohl kaum - die Dame bot stromlinienförmigsten Mainstream-Pop ohne neue Ideen und wirkte (auch später bei Red) irgendwie weggetreten. Vermutlich wusste sie gar nicht genau, in welchem Land sie gerade unterwegs war. Ok - das macht Heidis Show auch nicht besser - und Heidis 80er-Jahre Karnevals-Kostüm, das sie möglicherweise damals von Gottschalk bekommen hatte, weil es ihm zu klein war, auch nicht.
5. re
bodenheim111, 10.06.2011
Zitat von sysopSo überzuckert, dass selbst der Werbeblock realistisch wirkt:*Beim Finale von "Germany's next Topmodel" bot*Heidi Klum viel heiße Luft und eine stoffgewordene Sehstörung als Kostüm. Stargast Lady Gaga zeigte, welche Welten zwischen den ProSieben-Models und*echtem Glamour liegen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,767803,00.html
diese Sendung bringt in etwa soviele Topmodels hervor, wie DSDS Superstars hervorbringt. Topmodels kommen eben nicht von der Stange. Man kann nur immer wieder sagen, dass der Zuschauer/ Kunde schuld ist, dass dieser Unsinn so erfolgreich ist. Das ist alles unterstes Niveau. Hatte eigentlich Seal wieder Auftritte..? Klasse Artikel übrigens, wirklich sehr gut geschrieben.
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