Netflix-Serie über Teenager-Suizid "Das könnte wirklich gefährlich werden"

Die neue US-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" packt das Tabuthema Suizid unter Teenagern an. Doch Schulexperten und Psychologen warnen: Die dramaturgische Darstellung schade den Gefährdeten mehr, als dass sie helfe.

Netflix

Von , New York


Suizid ist die zweithäufigste Todesursache unter Teenagern. In den USA sterben mehr Kinder und Jugendliche durch eigene Hand als durch Mord, Totschlag oder Krankheit. In Deutschland sind die Statistiken ähnlich. Trotzdem bleibt es ein Tabuthema, über das keiner richtig zu reden weiß.

Die amerikanische Netflix-Serie "13 Reasons Why" ("Tote Mädchen lügen nicht", so der etwas reißerische deutsche Titel) nähert sich dem Problem nun filmisch, doch sie hat, trotz guten Willens, heftige Gegenreaktionen provoziert. Für Kritik sorgt vor allem die schonungslose Darstellung eines Suizids: Die Szene verherrliche eine solche Verzweiflungstat, protestieren Psychologen, und könnte zu Nachahmungstaten führen. Schon warnen auch Schulen - doch die massive Aufmerksamkeit ist schon da: Die Serie generierte mehr Tweets als jede andere in diesem Jahr.

Denn auf den ersten Blick ist "13 Reasons Why" ein brilliant konstruierter Thriller. Basierend auf Jay Ashers gleichnamigem Bestseller von 2007 erzählt die Netflix-Produktion die - fiktive - Geschichte der 17-jährigen Hannah Baker, die sich das Leben nimmt. Auf Kassetten protokolliert sie zuvor "13 Gründe" dafür und hinterlässt diese Aufzeichnungen für die 13 Personen, die sie mitverantwortlich macht - die meisten davon Mitschüler an ihrer Highschool.

Die Handlung beginnt zwei Wochen nach Hannahs Tod: Hannahs Freund Clay bekommt die Kassetten anonym zugestellt und hört sie mit wachsender Panik heimlich an. Jede Kassette handelt von einem weiteren Vorfall, deren Verkettung Hannah - die das Geschehen aus dem Jenseits kommentiert -, schließlich zum Suizid treibt. "Ich kam zu dem Schluss, dass das Leben aller anderen ohne mich besser wäre", sagt sie in einer späten Episode lakonisch.

Mikrokosmos einer Gesellschaft

Von Hannahs Worten gesteuert, begibt sich Clay auf eine Schnitzeljagd nach den Hintergründen ihres Suizids, die Folge für Folge in Rückblenden aufgerollt werden. Die immer neuen Enthüllungen stürzen ihn und die anderen Schüler, aber auch Lehrer und Eltern in ihre eigenen Existenzkrisen.

Drehbuchautor Brian Yorkey, der für das Musical "Next to Normal" den Pulitzerpreis gewann, beleuchtet damit die komplexen Kräftespiele an Schulen, potenziert von der Macht der sozialen Medien: Mobbing, Cyber-Bullying, Stalking, Date Rape. Zugleich vermeidet er klare Trennlinien zwischen Tätern, Opfern, Komplizen und Mitläufern, indem er die Situationen nicht allein aus Hannahs Sicht zeigt, sondern auch aus der Sicht der Mitschüler, die Hannah schikanieren - ob aus Angst, Arroganz oder Ignoranz.

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Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht": Teenager-Ängste, Elternsorgen

Die Highschool wird so zum Mikrokosmos einer Gesellschaft, die an alten Rollenbildern festhält, mit schlimmen Folgen für die, die da nicht reinpassen. Die Klischee-Rituale des Schuljahres - Halloween-Partys, Footballspiele, Abschlussbälle - verschärfen diesen Kontrast nur. Krass auch das Verhalten der Erwachsenen, die Hannahs Leid nicht erkennen und dann mit Plattitüden auf ihren Tod reagieren - oder, im Fall ihrer Eltern, mit verzweifelter, ratlos blinder Trauer.

Die Thematisierung düsterer Realitäten ist verdienstvoll, wird aber überschattet vom Wirbel um dreieinhalb Minuten in der letzten Folge - Hannahs Suizid. Vom letzten Blick in den Spiegel bis zum Moment, als ihre Mutter sie findet, bleibt die Kamera so unbequem nah dran, dass man, obwohl man seit der ersten Episode weiß, was geschehen wird, reflexartig den Blick abwendet.

US-Schulbezirke warnen vor der Serie

Drei Folgen tragen die übliche Warnung vor "Szenen, die Zuschauer verstören könnten". Das reicht Experten freilich nicht. "Von anschaulichen Details über Suizide ist abzuraten", erklärt die Hilfsorganisation Society for the Prevention of Teen Suicide. "Das könnte wirklich gefährlich werden."

"Wir empfehlen nicht, dass verwundbare Jugendliche, insbesondere jene, die auch nur die geringsten Suizidgedanken haben, diese Serie sehen", schreibt auch der US-Schulpsychologenverband NASP. "Ihre eindringliche Erzählkunst könnte beeinflussbare Zuschauer dazu verführen, die Entscheidungen der Charaktere zu verklären oder Rachefantasien zu entwickeln." Die Gruppe verschickte vierseitige, spezifisch auf "13 Reasons" zielende Ratgeber für Lehrer und Schultherapeuten: "Nehmen Sie Suizid-Warnsignale stets ernst."

Andere beanstanden, die Serie vernachlässige die psychologischen Ursachen und konzentriere sich zu sehr auf klassische Highschool-Dynamiken - mit gelegentlichen Anspielungen auf Kinokomödien wie "Clueless". Hinzu kommt das kontroverse Porträt eines an sich sympathischen Vertrauenslehrers, der aber Hannah unbewusst das Gefühl gibt, sie sei selbst Mitschuld an ihrer Lage.

Schulbezirke in mehreren US-Staaten warnen inzwischen vor der Serie und raten zu gemeinsamer Verarbeitung. Doch das war ja auch genau die Absicht der Filmemacher. Denn die Generationen reden - und leben - allzu oft aneinander vorbei. "Erwachsene banalisieren gerne, was für Teenager nicht banal ist", sagt Drehbuchautor Yorkey. "13 Reasons" zeige die Welt aus Sicht der Jugendlichen, wo Aktionen lebenslange Folgen haben könnten. "Wir wollten das auf ehrliche Weise tun und hoffentlich auf eine Weise, die Menschen hilft", fügt Selena Gomez hinzu, die Hannah ursprünglich in einer Kinoversion darstellen sollte und jetzt eine Co-Produzentin der Serie ist.

"Es muss besser werden", resümiert Hannahs Freund Clay zum Schluss etwas platt. Wie weit es bis dahin noch ist, zeigt auch, dass Netflix bereits eine zweite Staffel plant.

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