ARD-Film "Toter Winkel" Wenn die Enkelin "Wacht am Rhein" singt

Ein Familienkonflikt? Ein Asyldrama? Beides und noch mehr steckt in dem außergewöhnlichen ARD-Film "Toter Winkel". Er zeigt, wie rechtsradikales Gedankengut in die kleinste Alltagsnische eindringt.

WDR/ Thomas Kost

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Mitten in der Nacht holen Polizisten die Familie Krasniqi aus dem Bett. Abschiebung, "zurück nach Pristina", sofort. "Das können die doch nicht machen!", so die Tochter Anyá entgeistert. "Doch, das können die", sagt der Vater: "Zieh dich an!" Im letzten Augenblick ergreift das Mädchen die Flucht, und beim Überqueren der Autobahn gerät ihr Verfolger unter einen Lkw.

Nach diesem furiosen Auftakt wird's im ARD-Film "Toter Winkel" (Regie: Stephan Lacant, Buch: Ben Braunlich) bedeutend ruhiger. Und wesentlich unheimlicher.

Karl Holzer ist Friseur in einer westfälischen Kleinstadt und erfährt, dass ein alter Freund seines Sohnes Thomas auf der Autobahn ums Leben gekommen ist. Bald geht das Gerücht um, das LKA ermittele gegen den Toten wegen der Zugehörigkeit zu einem "rechtsextremen Untergrund". Thomas reagiert ausweichend, den Freund habe er schon "seit Jahren" nicht mehr gesehen...

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"Toter Winkel": Schweigen für den Schutz der Familie

Anyá findet unterdessen Unterschlupf bei einem Schulkameraden. In ihrem Versteck auf dem Dachboden bekommt sie WhatsApp-Mitteilungen von ihrer Familie: "Die dürfen uns nicht abschieben. Nicht ohne dich." Und: "Wo bist du?" Unterdessen beginnt Holzer, seinen Sohn mit anderen Augen zu sehen. Er entdeckt Fotos, auf denen der den Hitlergruß zeigt. Und die Enkelin singt "Die Wacht am Rhein", als wär's "Alle meine Entchen". Von seinem Vater zur Rede gestellt, wiegelt Thomas ab: "Faschismus, puh. Is'n dehnbarer Begriff, oder?"

"Toter Winkel" lässt seine Zuschauer lange im Unklaren darüber, worum es eigentlich geht. Einen Familienkonflikt? Ein Asyldrama? Erst nach einer Stunde schockiert dieses Drama mit einer Wendung, die aufmerksame Zuschauer womöglich erahnt haben. Ab diesem Punkt jedenfalls kreist der Film beinahe ausschließlich um Karl Holzer.

Herbert Knaup spielt diesen biederen Bürger unter Aufbietung all seines Könnens. Fragen nach Gewissen, Schuld und Verantwortung spiegeln sich nicht nur in seinem Gesicht, auch in der Körperhaltung. Sein Sohn, das ist klar, ist nicht nur rechtsradikal. Er hat sich womöglich auch zum Komplizen eines Verbrechens gemacht. Wie sehr ist er selbst dafür verantwortlich? Und wie wird er reagieren?

"Nicht nur reden, auch handeln"

Hanno Koffler wiederum spielt diesen Thomas Holzer als einen Sohn, wie ihn der Spießer sich nur wünschen kann. Fleißig und familiär, intelligent und kinderlieb. Dass unter dieser Oberfläche etwas Monströses schlummert, wird beispielsweise im Hasenstall deutlich, als die Tochter nach einem aus der Art geschlagenen Tier fragt: "Musst du den jetzt töten?" - "Ja, das ist wichtig. Sonst ist die Rasse ja nicht mehr rein, und dann kommt die natürliche Ordnung durcheinander. So hat mir das dein Opa auch schon erklärt, als ich so alt war wie du."

Faschismus ist ein dehnbarer Begriff. Und der Enkel beherzigt, was ihm der Opa schon erklärt hat - mit einer Konsequenz, die er von seinem Vater gelernt haben will: "Den Unterschied zu machen. Nicht nur reden, auch zu handeln. Das hast du mir beigebracht, Papa!" Neben der mikrokosmischen Weitergabe faschistischer Kontinuitäten wirkt, auch diesen Aspekt beleuchtet "Toter Winkel", der Staat ebenfalls als eine autoritäre Kraft weiter, der nächtliche Abschiebungen ganzer Familien durchaus zuzutrauen sind.

Sobald der gemeinsame Sonntagsbraten, der Plausch auf dem Marktplatz und der Eigenheim gewordene Wohlstand gefährdet scheint, wird es gefährlich. Mittelschicht erscheint als dünnes Eis, unter dem ein alter Abgrund lauert. So die Botschaft dieses Films, die umso eindringlicher wirkt, als er damit erst sehr spät herausrückt.

Dabei machen psychologische Spannung und schauspielerische Leistungen das Gefühl durchaus wett, mit dem didaktischen Holzhammer bearbeitet zu werden. Schließlich steckt hinter "Toter Winkel" mit Hans W. Geißendörfer kein Unbekannter. Als Produzent nicht nur der "Lindenstraße" sehr um eine gesellschaftliche Wirkung seiner Werke bemüht, wollte er mit diesem Projekt eine "Diskussionsgrundlage" bieten und "mehr als nur gute Unterhaltung". Das ist ihm gelungen.


"Toter Winkel". Mittwoch, 3. Mai 2017, 20.15 Uhr, ARD



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