Kultur

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Trash-TV "Fort Boyard"

Gereizte Brülleulen in Muff

Trash-TV aus den Neunzigern ist zurück. Das könnte eine schöne Reise in eine Zeit werden, als das Genre noch neu und aufregend war. Leider wurde zum Auftakt in erster Linie viel balanciert - und gebrüllt.

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Donnerstag, 06.09.2018   13:54 Uhr

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Eigentlich hat "Fort Boyard" alles, was eine schöne Trash-Sendung braucht.

Prächtige Voraussetzungen also. Leider war die Neuauflage des Formats, die Sat.1 erstmal noch an drei weiteren Mittwochabenden zeigen will, trotzdem eine fade, unangenehm anstrengende Angelegenheit.

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Ständig wurde krakeelt, ständig wurde gerannt, "Was für ein Abenteuer!" beschwor Moderator Matthias Killing im Stil eines Kirmes-Ansagers immer wieder. 18 Einzelspiele mussten in zwei Stunden gequetscht werden, es wurde getaucht, geturnt und über alles balanciert, was irgendwie wackelig sein könnte. So beliebig wirken die Übungen manchmal, als habe man einfach mal eine gemischte Tüte aus dem Baumarkt mitgenommen und irgendwo am Fort verdübelt.

Leider sind genau solche Challenges schon seit Jahren neben der sozialen Konfro eher der langweilige Teil an Dschungelcamp und "Global Gladiators", zudem gibt es genügend Hüpfsendungen wie "Ninja Warrior" oder "Big Bounce", als dass derlei Actionkram alleine noch abendfüllend sein könnte. Schade, dass es als modernisierte Variante nicht mehr Kniffelspiele nach Art eines Escape Rooms gab, bei denen das Promiteam gemeinsam in einer der zahlreichen Fort-Kammern ein vertracktes Rätsel lösen muss - nicht einfach nur eine simple Grundschul-Scherzfrage, wie sie Ross Antony beantworten musste, als er, festgeschnallt in einer Telefonzelle, an zwei Gummiseilen in die Höhe katapultiert wurde.

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Natürlich schrie er wie am Spieß, aber eigentlich schrie er die ganze Sendung über. Auch wenn er nur eine dunkle Kammer betreten oder eine Münze in ein Glas legen musste, aaah-ahhte und huuu-huuute er schon wie eine gereizte Brülleule. Auch die anderen echoten gerne lauthals das Spielgeschehen. Musste an irgendwas gezogen werden, kreischte das Restteam verlässlich "zieh, zieh, zieh", nur zur Sicherheit, verständnishalber. Fast schade, dass man sich die eigentlich angezeigte "spreiz, spreiz, spreiz"-Anfeuerung verkniff, als Sarah Lombardi beim Spiel "Beinspreizer" mit einer Vasallin von Lord Boyard darum wetteiferte, wer seinen Körper tiefer in den Spagat zwingen lassen kann. Wer denkt sich sowas aus?

Das war ein unangenehmer Moment. Und unangenehm ist es auch, wenn die beiden Kleinwüchsigen Passe-Temps und Passe-Partout, festes Inventar seit Beginn des Formats, immer noch als stumme Boten und augenscheinlich grotesk gemeinte Ausstaffierung in ihren Ringelhemden durch die Festungsgänge rennen müssen - gedankenlos und unsensibel, diesen immer schon unmöglichen Part von früher beizubehalten. Dazu die umherschleichenden, echten Tiger, die verquarzten Einspieler des bösen Lords - was wohlig nostalgisch hätte werden können, muffte dann doch einfach nur leicht stockig. Immerhin konnte Sat.1 für die weiteren Folgen einige Granden des Trash-TV gewinnen. Abwarten, ob Thorsten Legat, Carina "Peinlich des Todes" Spack und die große Sarah Knappik das Fort noch retten können.

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