Trash-TV "Fort Boyard" Gereizte Brülleulen in Muff

Trash-TV aus den Neunzigern ist zurück. Das könnte eine schöne Reise in eine Zeit werden, als das Genre noch neu und aufregend war. Leider wurde zum Auftakt in erster Linie viel balanciert - und gebrüllt.

SAT.1/ Willi Weber

Von


Eigentlich hat "Fort Boyard" alles, was eine schöne Trash-Sendung braucht.

  • Erstens eine ausgesucht bekloppte Hintergrundgeschichte: Der ungekämmte Lord Boyard, ganz alter Zauseladel, hat sich mit seinem Schatz in einer Atlantikfestung verschanzt und kindische Aufgaben erdacht, die jene erfüllen müssen, die ihm seine Golddukaten stehlen wollen.
  • Zweitens eine solide Historie: Im Dezember 1990 wurde "Fort Boyard", ein ursprünglich französisches Format, zum ersten Mal in Deutschland ausgestrahlt - wer sich daran noch erinnert, schaut im wohligen Damals!-Flash vielleicht auch die Neuauflage.
  • Drittens durchaus motiviertes Spielpersonal: In der ersten Folge traten unter anderem die tatsächlich sehr tapferen Jochen Schropp, Sarah Lombardi und Ross Antony an.
  • Viertens eine ungewohnte Erzählperspektive: Nach dem Hauen und Stechen im "Sommerhaus der Stars" und dem anstrengenden Taktieren bei " Promi Big Brother" rangeln die Kandidaten hier endlich mal wieder nicht gegeneinander, sondern bilden ein Team, das zusammenarbeitet.

Prächtige Voraussetzungen also. Leider war die Neuauflage des Formats, die Sat.1 erstmal noch an drei weiteren Mittwochabenden zeigen will, trotzdem eine fade, unangenehm anstrengende Angelegenheit.

Fotostrecke

9  Bilder
"Fort Boyard": Zeitreise in die Neunziger

Ständig wurde krakeelt, ständig wurde gerannt, "Was für ein Abenteuer!" beschwor Moderator Matthias Killing im Stil eines Kirmes-Ansagers immer wieder. 18 Einzelspiele mussten in zwei Stunden gequetscht werden, es wurde getaucht, geturnt und über alles balanciert, was irgendwie wackelig sein könnte. So beliebig wirken die Übungen manchmal, als habe man einfach mal eine gemischte Tüte aus dem Baumarkt mitgenommen und irgendwo am Fort verdübelt.

Leider sind genau solche Challenges schon seit Jahren neben der sozialen Konfro eher der langweilige Teil an Dschungelcamp und "Global Gladiators", zudem gibt es genügend Hüpfsendungen wie "Ninja Warrior" oder "Big Bounce", als dass derlei Actionkram alleine noch abendfüllend sein könnte. Schade, dass es als modernisierte Variante nicht mehr Kniffelspiele nach Art eines Escape Rooms gab, bei denen das Promiteam gemeinsam in einer der zahlreichen Fort-Kammern ein vertracktes Rätsel lösen muss - nicht einfach nur eine simple Grundschul-Scherzfrage, wie sie Ross Antony beantworten musste, als er, festgeschnallt in einer Telefonzelle, an zwei Gummiseilen in die Höhe katapultiert wurde.

Natürlich schrie er wie am Spieß, aber eigentlich schrie er die ganze Sendung über. Auch wenn er nur eine dunkle Kammer betreten oder eine Münze in ein Glas legen musste, aaah-ahhte und huuu-huuute er schon wie eine gereizte Brülleule. Auch die anderen echoten gerne lauthals das Spielgeschehen. Musste an irgendwas gezogen werden, kreischte das Restteam verlässlich "zieh, zieh, zieh", nur zur Sicherheit, verständnishalber. Fast schade, dass man sich die eigentlich angezeigte "spreiz, spreiz, spreiz"-Anfeuerung verkniff, als Sarah Lombardi beim Spiel "Beinspreizer" mit einer Vasallin von Lord Boyard darum wetteiferte, wer seinen Körper tiefer in den Spagat zwingen lassen kann. Wer denkt sich sowas aus?

Das war ein unangenehmer Moment. Und unangenehm ist es auch, wenn die beiden Kleinwüchsigen Passe-Temps und Passe-Partout, festes Inventar seit Beginn des Formats, immer noch als stumme Boten und augenscheinlich grotesk gemeinte Ausstaffierung in ihren Ringelhemden durch die Festungsgänge rennen müssen - gedankenlos und unsensibel, diesen immer schon unmöglichen Part von früher beizubehalten. Dazu die umherschleichenden, echten Tiger, die verquarzten Einspieler des bösen Lords - was wohlig nostalgisch hätte werden können, muffte dann doch einfach nur leicht stockig. Immerhin konnte Sat.1 für die weiteren Folgen einige Granden des Trash-TV gewinnen. Abwarten, ob Thorsten Legat, Carina "Peinlich des Todes" Spack und die große Sarah Knappik das Fort noch retten können.

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 06.09.2018
1. Ich will nur Legat und Knappik sehen
Diese erste Folge hätte mich nicht vom Hocker gerissen. Dazu hat man Ross Antony schon zu oft kreischen gehört. Das Format hat mich schon damals nicht angesprochen. Alles wirkt dort so aufgesetzt, die Kulisse zu steril. Die Umgebung und diese C bis F Promis passen nicht zusammen. Interessant wird es nur wenn eine Knappik oder ein Legat dort ihr typisches Fernsehverhalten an den Tag legen. Frau Rützel durfte Fräulein Knappik schon live im Studio zur letzten Dschungel Camp Staffel erleben.
leroyrs 06.09.2018
2.
Die Sendung war schon Anfang der 90er langweilig. Ein Schauspieler, der den Spielleiter gab und mit viel Theatralik Unspektakuläres dramatisierte. Hat sich damals nicht bewährt, und auch mit Promis wird das ein Schuss in den Ofen.
stefanmargraf 06.09.2018
3. Was hat man Ross Anthony in den Alkohol getan?
Oder entäußert der sich immer so euphorisch "ja, ja, jaaaah: ich habe Pipi gemacht. Yeah, geil: eine Werbung im Briefkasten." Apropo Pipi, wie wärs mit neuen Spielen, zB wer kann genau 200ml machen, wer trifft von oben die Knappik im Meer, wer kann am weitesten, von wem ist das Pipi (Nein, das war nicht Legat, das war ein Pferd) usw.. Dabei immer viel Bier trinken.
Alexis_Saint-Craque 06.09.2018
4. Ganz die Alte
Die zur Zeit inflationäre AR Berichterstattung weist erheblichen wear-out auf oder will sich die Verfasserin als lame duck gar neu erfinden? Die Chance, endlich mal wieder ganz die Alte zu sein.
hman2 06.09.2018
5. Es war vor allem schlecht, wenn man...
...das französische Original kennt. Das läuft auch noch, kriegt man hier aber nur selten zu Gesicht. Das ist irgendwie... phantasievoller. Nicht ganz so auf Krawall gebürstet. Da sind die Challenges nicht so spektakulär, dafür besser in einen Spannungsbogen integriert. Es ist mehr auf "wir erkunden gemeinsam ein verwunschenen Ort" gemacht, und setzt fast gar kein Hightech ein. Finde ich irgendwie passender zu so einem alten Fort (das Fort ist ja echt, und hat eine eigene Geschichte). Aber das französische Fort Boyard arbeitet (zumindest in den wenigen Folgen, die ich in den letzten Jahren sehen konnte) auch nicht mit Promis, sondern mit Teams von "Normalos" die sich von außerhalb des Spiels schon kennen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.