Trauma-"Tatort" aus München: Schlaf schön, Leitmayr

Sie sind das "Tatort"-Traumpaar: Kommissar Leitmayr erschießt einen Amokläufer, droht daran zu zerbrechen - zum Glück gibt es Kollegen Batic, der ihm die Wunden salbt, Rotwein reicht, zum Einschlafen Märchen erzählt. Ein Kuschelkrimi ist die neue Münchner Folge aber nicht, eher ein Trauma-Thriller.

München-"Tatort": Die Stille nach dem Schreckschuss Fotos
BR

Kollege, Coach, Krankenschwester: Die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr spielen all diese Rollen füreinander durch. Und das mit größter Hingabe. Mal abgesehen von wechselnden weiblichen Sidekicks und immer rarer werdenden Affären gibt es für Frauen keinen Platz in ihrer Welt; seit über 20 Jahren müssen die beiden für den jeweils anderen jene Maßnahmen einleiten, für die der normale Hetero-Cop sonst ein weibliches Wesen in sein eintöniges Männerdasein lässt: Trost spenden, Wunden salben, ins Leben zurückholen.

Eine ganz normale Pärchendynamik - die bei den Münchner Ermittlern, den dienstältesten Männern des "Tatort", in Ausnahmesituationen schon mal ins Monströse geht. "Wir sind die Guten", schrie Leitmayr (Udo Wachtveitl) seinen Kollegen Batic (Miroslav Nemec) vor zwei Jahren in der furiosen Episode mit gleichem Titel immer wieder ins Gesicht, weil der bei einem Einsatz das Gedächtnis verloren hatte und nicht mehr wusste, auf welcher Seite des Gesetztes er steht. Spätestens seit diesem Amnesie-Krimi, in dem der eine für den anderen an die Grenze des Zumutbaren ging, wusste man: Batic ist Leitmayrs große Liebe.

Umgekehrt gilt das natürlich auch - wie sich jetzt im neuen Münchner "Tatort" zeigt: In der Episode "Der traurige König", für die das "Wir sind die Guten"-Autoren-Team Magnus Vattrodt und Jobst Christian Oetzmann ein weiteres Mal das Buch lieferte, muss nun Leitmayr von Batic ins Leben zurückgeholt werden. Bei einem Einsatz erschoss er einen Mann, der ihn mit einer Schreckschusspistole bedroht hatte. Sein Selbstbild als Profi gerät ins Wanken, der Kollege gibt ihm Beistand. Damit der Kollege einschlafen kann, erzählt Batic ihm sogar ein Märchen. Das funktioniert. Naja, vielleicht tun die zwei Flaschen Rotwein ihr übriges dazu.

Dein Tod, mein Trauma

Dieser rührenden Szene zum Trotz: Regisseur Thomas Stiller ("Sie hat es verdient") findet für seinen Trauma-Thriller die richtigen Bilder und Tonlagen, um die emotionale Achterbahn seines Cop-Helden in Szene zu setzen: die Anspannung, als er ganz unerwartet einem aufgebrachten Amokläufer gegenüber steht, den Adrenalinschub kurz nach dem tödlichen Schuss, der schleichende Zerfall des Selbstbildes, nachdem offenbar wurde, dass Leitmayrs Gegenüber nur mit einer harmlosen Replica auf ihn feuerte.

Die Stille nach dem Schreckschuss: So wie Batic in "Wir sind die Guten" steht nun Leitmayr vor dem völligen Zerfall - psychologisch und moralisch. Die Drehbuchautoren ziehen die Schlinge um seinen Hals noch enger, indem sie das Opfer aus seiner Nachbarschaft stammen lassen: Es ist der Sohn des netten alten Ehepaars (grandios: Elisabeth Orth und Wolfgang Hübsch), das den immer schlechter laufenden Eisenwarenladen gegenüber seiner Wohnung betreibt.

So wird die Cop-Tragödie perfide mit einem Mittelstandsdrama verwoben. Die Lebenslügen der Schraubenverkäufer und die Notlügen des Kommissars, der sich ihnen nicht als Todesvollstrecker an ihrem Sohn präsentieren mag - sie drohen sich hier zu einem unauflöslichen Schuldgeflecht zu verdichten.

Da braucht Leitmayr schon seinen Batic, der in der moralischen Nebelzone den Kurs vorgibt. Diesmal schreit er: Wir sind die Guten!


"Tatort: Der traurige König", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Dauerbrenner Sonntagskrimis - wie fanden Sie die aktuelle Folge?
insgesamt 379 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Armes Deutschland
auswandererusa 12.02.2012
Kann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
2.
Karl_Lauer 12.02.2012
Zitat von auswandererusaKann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
tl;dr Gegenfrage: Warum den Tatort als Referenz für den gesamten Kulturbetrieb des Landes heranziehen? 16-jährige Gedichtvorträge und live Jazz gibt es auch in Köln, wenn man weiß wo. Es könnte sicher noch viel viel mehr geben, aber das es garnichts abseits des staatlich gefördert und Verordneten gibt ist auch nicht wahr.
3. wieso nicht?
PrettyHateMachine 12.02.2012
Einen Tatort mit den "Bremern" habe ich noch nie gesehen, bin gespannt. "Bizarres Szenario"? Immer gerne, Haupsache, es endet nicht wie "Das Dorf" Tatort: Das Dorf (http://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Das_Dorf) damit konnte ich mich so gar nicht anfreunden. Ab und an ein schöner, grade durcherzählter Krimi ist schon was schönes am Sonntagabend ;-) @ auswandererusa yep, ich bin vollkommen kulturell verarmt, danke für Ihre Anteilnahme
4. Warum nicht ?
Skeptisch 12.02.2012
Zitat von sysopDer ARD-"Tatort" erzielt nach wie vor Spitzenquoten, die Fälle und Ideen scheinen den Machern einfach nicht auszugehen. Aber jeden Sonntag steht die Reihe wieder auf Prüfstand, denn die Erwartungen sind immer hoch. Ihr Urteil: Wie steht's aktuell um dem "Tatort"? Gediegen und spannend oder eher Durchschnitt?
Ich (Jahrgang 1946) sehe mir den Tatort regelmäßig an. Eigentlich "schon immer". Es gibt Gute und weniger Gute. Klar. Ist wohl auch Geschmackssache. Im Vergleich zu den amerikanischen Krimiserien der Privatsender , wo hauptsächlich action, bum-bum, viel Blut und Leichen und natürlich Sex vorherrschen, eine gute Alternative, wenn man Krimis mag. Den heutigen werde ich mir nicht anschauen, die Besprechung darüber hat mir gereicht. Denn ein Krimi sollte schon ein Krimi bleiben und nicht in ein Psycho-Drama ausarten. Obwohl ich dieses Tatort-Duo ansonsten mag, vor allem Lürsen.
5. zzzzZZZzzzz
interference 12.02.2012
Das beste am TATORT ist bekanntlich der skandinavische Krimi irgendwann danach …
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Im Fadenkreuz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -22-

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.