Aus für "The Get Down" und "Sense8" Abkehr von der Serienvielfalt?

Lange Zeit hat Netflix kaum eine Serie abgesetzt. Nun wurden sowohl "The Get Down" als auch "Sense8" gestrichen. Dahinter scheint eine Trendwende zu stecken - bei Netflix und in der gesamten Branche.

The Get Down

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Erst vergangene Woche verkündete der Streamingdienst Netflix, Baz Luhrmanns Hip-Hop-Serie "The Get Down" nach einer Staffel abzusetzen. Nun folgt das nächste Prestigeprojekt: Auch "Sense8" von den Wachowski-Schwestern Lana und Lilly wird nicht fortgesetzt.

Von "Sense8" war Anfang Mai die zweite Staffel angelaufen. In der Serie finden acht Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Ethnien und Schichten sowie mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten und Orientierungen heraus, dass sie mental und emotional miteinander verbunden sind - sie sogenannte sensates sind.

"Noch nie hat es eine derartig weltumfassende Show gegeben", so Netflix' stellvertretende Programmchefin Cindy Holland in der Mitteilung zum Serienende, "mit gleichzeitig so diversen und internationalen Ensembles und Crews. Das spiegelte sich auch in der eng verknüpften Fangemeinde, die sich über die ganze Welt spannte."

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"Sense8": Comeback der Wachowskis

Warum der Streamingdienst angesichts so viel Lobs die Serie trotzdem streicht, ist nicht bekannt. Netflix nennt prinzipiell keine Zahlen zum Sehverhalten bei einzelnen Shows und begründet seine Entscheidungen für oder gegen eine Produktion nicht. Wahrscheinlich waren bei "Sense8" und "The Get Down" finanzielle Gründe ausschlaggebend: "The Get Down" war mit einem Budget von 120 Millionen Dollar für seine erste und nun auch einzige Staffel eine der teuersten Serienproduktionen überhaupt.

Auch "Sense8" wird mit seinen vielen Außendrehs und zahlreichen Spielorten deutlich teurer als viele andere Netflix-Serien gewesen sein. Gleichzeitig generierten beide Shows kein nennenswertes Echo bei den wichtigsten TV-Preisen, allein "The Get Down" konnte zuletzt einige positive Kritiken verbuchen.

Einzeln und rein ökonomisch betrachtet, erscheint die Absetzung der beiden Serien also sinnvoll. Aber ist sie womöglich Teil eines allgemeineren Trends? Im Branchendienst "Variety" zeigte sich die TV-Kritikerin Maureen Ryan besorgt darüber, wie viele Serien mit vielfältiger Besetzung oder Macherinnen und Machern, die keine weißen Männer sind, zurzeit abgesetzt werden.

Die Serienzukunft ist wieder weiß

Dazu gehören neben den Netflix-Serien noch das Sklaverei-Drama "Underground" (WGN America) und die Hulu-Show "East Los High", bei der ausschließlich Latinos und Latinas mitspielen. Das Ensemble von "The Get Down" besteht hauptsächlich aus Afroamerikanern und Latinos; "Sense8" wird von zwei Transgender-Frauen verantwortet.

Nach Bekanntgabe der Sender, welche Serien sie im Herbst an den Start bringen wollen, war in den Branchendiensten bereits angemerkt worden, dass bemerkenswert wenige Frauen und People of Color sowohl vor als auch hinter der Kamera eingesetzt würden. Von den Hauptrollen würden nur 20 Prozent von nicht-weißen Darstellern gespielt, Frauen kämen auf nur 35 Prozent der Hauptrollen. Von den Showrunnern seien nur 10 Prozent nicht-weiß, der Anteil von Frauen an dieser verantwortungsvollen Position betrage nur 29 Prozent.

Gleichzeitig scheint sich bei Netflix ein Wandel abzuzeichnen, wie die Plattform mit ihren vielen Eigenproduktionen umzugehen gedenkt. Lange Zeit hatte Netflix keine seiner Serien abgesetzt. Damit wollte es einen attraktiven und exklusiven Bestand aufbauen. Außerdem sind Eigenproduktionen wegen ihrer einheitlichen Rechtelage für den Global Player Netflix am einfachsten zu handhaben.

"Ihr müsst mehr verrückte Dinge ausprobieren"

In diesem Jahr häufen sich plötzlich die Streichungen: In den vergangenen Monaten war auch das Ende von "Marco Polo" und "Bloodline" beschlossen worden. Am Mittwoch äußerte sich Netflix-CEO Reed Hastings nun während eines Interviews mit CNBC zu der möglichen Trendwende: "Unser Anteil an Hits ist viel zu hoch. Deshalb haben wir nur sehr wenige Shows gestrichen", sagte Hastings. "Ich bedränge unser Programmteam immer: Wir müssen mehr riskieren, ihr müsst mehr verrückte Dinge ausprobieren. Denn wir sollten an sich eine viel größere Anzahl an Streichungen haben." Laut Hastings sollen so mehr Überraschungshits wie die umstrittene Serie "Tote Mädchen lügen nicht" über den Suizid einer Schülerin möglich werden.

In dem Interview gab Hastings auch zu verstehen, dass die Zuschauerzahlen großen Einfluss darauf hätten, wann eine Serie fortgesetzt würde. Im Gegensatz zu traditionellen Sendern, die ihre Einnahmen über Werbung generieren, braucht sich Netflix allerdings nicht direkt um die Quoten seiner Serien scheren: Der Dienst finanziert sich allein durch die Abo-Zahlungen seiner Nutzerinnen und Nutzer.

Da Netflix dauerhaft auf Expansion ausgelegt ist, muss das Unternehmen aber eine schwierige Balance halten: Einerseits muss es seine bestehenden Abonnenten bei Laune halten und ihre Lieblingsserien fortsetzen. Andererseits kann es neue Abonnenten nur mit neuen Produktionen und der neu geschärften Aufmerksamkeit für Netflix, die durch entsprechenden PR-Wirbel zum Start geschaffen wird, gewinnen. Gut möglich also, dass Netflix in Zukunft genauso häufig das Ende wie den Start einer Serie bekannt gibt.



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