True-Crime-Serie "Mundo" Echt, nicht schlecht

Echte Ermittler in einem echten Mordfall: Die NDR-Produktion "Mundo" sucht einen Doppelmörder. Ohne fiktionale Zutaten kommt der Mehrteiler zwar nicht aus, aber die Spannung steigert er gekonnt.

NDR

Im südfranzösischen Millas stapft ein Mann mit dunkler Sonnenbrille durch ein Feld. Er schaut sich um, prüft die Umgebung. Dann spricht er zu sich selbst. "Ich werde die Leiche hier entlangschleifen. Das ist Gras, hier entstehen keine Spuren." Er dreht sich, wie um zu prüfen, ob er beobachtet wird: "Ich habe hier auch die Möglichkeit, mich nach allen Seiten abzusichern", sagt er.

Der Mann, der da spricht, ist nicht der Täter, sondern der Profiler Stephan Harbort. Er muss sich in den Kopf eines Mörders versetzen. "Jede Entscheidung, die ein Täter trifft, verrät mir etwas über seine Persönlichkeit oder sein Sozialverhalten", erklärt er später aus dem Off. In dem Feld in Millas wurde 2010 die Leiche von Dieter Mundo gefunden, einige Kilometer weiter die seines blinden Sohnes Heiko. Der mutmaßliche Mörder sitzt in Deutschland hinter Schloss und Riegel. Markus Mundo soll seinen Vater und Bruder mit jeweils einem Kopfschuss hingerichtet haben. Doch es gibt Zweifel an seiner Schuld - und Mundo selbst bestreitet die Tat bis heute.

True-Crime-Formate werden immer beliebter: Warum sich Verbrechen ausdenken, wenn echte Fälle genauso spannend sind wie die Fiktion? Weltweiten Erfolg hatte die Netflix-Serie "Making a Murderer" über einen unschuldig eingesperrten Mann in Wisconsin. Auch das Podcast-Format "Serial" erzeugte Spannung durch das Aufrollen eines echten Falles - Folge für Folge konnten die Zuhörer miträtselnIn Deutschland hat Ferdinand von Schirach das Genre großgemacht. Bisher erkannten vor allem Zeitungen und Magazine die Möglichkeiten des Formats. Der Stern bringt seit 2015 ein eigenes "Crime" Magazin heraus.

Mit "Mundo - die Spur des Mörders" wagt sich nun auch der NDR an das Genre. Drei Folgen von je 30 Minuten sind es insgesamt. Am Ende soll eine Antwort auf die Frage stehen, ob Markus Mundo tatsächlich der Mörder seines Vaters und Bruders ist.

Die erste Folge von "Mundo" dient dabei hauptsächlich der Exposition - und zwar in einem geschickten dramaturgischen Kniff getarnt als Uni-Vorlesung des Kriminalisten Harbort.

War er es - oder nicht?

Der Fall verhält sich so: Zwei Tote werden in Südfrankreich gefunden, beide durch Kopfschüsse ermordet, beide eingewickelt in Teppiche und Müllsäcke. Als Täter wird schnell der zweite Sohn der Familie ausgemacht, Markus Mundo. Angeblich tötete er aus Habgier und wollte das Geld seiner Familie für sich. 2013 wird er zu lebenslanger Haft verurteilt. Mundo selbst beteuert seine Unschuld.

War es Mundo oder war er es nicht? Das ist die Frage, an der sich die NDR-Doku entlanghangelt. Oder anders gefragt, mehr der Logik fiktionaler Stoffe folgend: Mögen wir Mundo oder nicht? Denn der angebliche Mörder taucht in der Dokumentation selbst auf. Als Gefangener, der sich nervös die Hände reibt. Als ein von der Gefängniszeit gezeichneter Mann, der mit dem jüngeren Markus von den Familienfotos nur noch wenig gemeinsam hat. Der Zuschauer sieht ihn beim Betrachten dieser Fotos weinen. Aber irgendwie wirkt der Kerl trotzdem komisch.

Im Zentrum der Geschichte steht der Zweifel. Die deutsche Justiz hat Mundo als Mörder verurteilt. Dabei konnte nie ein Tatort ermittelt werden, keine klare Tatzeit, auch eine Tatwaffe wurde nie gefunden. Hinzu kommt: die französische Polizei hat selbst in dem Fall ermittelt und hält das deutsche Urteil für falsch.

Für beide Möglichkeiten werden Protagonisten aufgefahren. Da ist der Ermittler, der Mundo damals über den Mord an seinem Vater und seinem Bruder unterrichtete. Er besucht für die Doku nochmal das Familienhaus, in dem er Mundo die traurige Nachricht überbrachte. Und er erinnert sich, wie Mundo geweint hatte. "Da sind die Kollegin und ich dann gefahren. Und dann haben wir beide uns angeguckt und gesagt: das war gespielt, das ist uns beiden sofort aufgefallen."

Tougher Job

Da ist auch der junge Anwalt mit der locker gebundenen Krawatte, den Mundo engagiert hat, seinen Fall wieder aufzurollen. Ein junger Heißsporn mit in die Haare geschobener Sonnenbrille, der in seinem alten Mercedes durch Berlin fährt. Er spürt die Verantwortung, einen solchen Fall zu übernehmen. "Ich habe mir damals gut überlegt, ob ich die Zusage gebe. Weil es natürlich so ist, dass die Hoffnung von Markus Mundo jetzt an mir hängt."

Dabei werden die Interviewpartner nicht gefilmt wie "Talking Heads", wie sprechende Köpfe in einer herkömmlichen Dokumentation. Sondern wie die Charaktere eines Filmes: Sie bekommen Szenen, in denen sie eingeführt werden, und Szenen, die ihnen den Anschein von Tiefe verleihen sollen. Da kann man den Anwalt auch mal ein paar Einstellungen lang in seinem Büro beim Rauchen zeigen. Tougher Job.

Das ist der eine Kniff, der "Mundo" die Dramaturgie und Dynamik einer Serie verleihen soll - und das auch mit Erfolg tut. Der andere ist die Musik, der Soundtrack. Wir hören "Going out West" von Tom Waits und das Lied "The Angry River" aus dem Soundtrack der ersten Staffel" von "True Detective". Und immer, wenn die Details und Ungereimtheiten der Mundo-Morde erklärt werden, das hintergründige, langsam ansteigende Wummern, das man vom Soundtrack zu David Finchers Crime-Thriller "Gone Girl" kennt.

Der dokumentarische Ansatz wird versehen mit den Codes und Signalen der Fiktion. Das ist nicht schlimm, jedes True-Crime-Format tut das, "Mundo" macht das sogar sehr gut. Manchmal wirkt alles zwar zu sehr abgeguckt von den großen amerikanischen (fiktionalen) Vorbildern - ein deutscher Anwalt in Berlin ist eben kein junger Strafverteidiger aus New York - aber der Fall ist spannend und der angebliche Mörder so ambivalent, dass man zur nächsten Folge auf jeden Fall wieder einschalten will.

Zweifel erfolgreich gesät.

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