US-Serie "True Detective" Bösartiges Meisterwerk

"True Detective" ist selbst für US-Serien der neuesten Generation ungewöhnlich. Zwei Hollywood-Stars in den Hauptrollen, nur ein Autor, ein Regisseur, nach acht Folgen ist mit der Story Schluss. Herausgekommen ist ein Meisterwerk.

Von

HBO

"An meinen freien Tagen", sagt Rust Cohle zu den Polizisten, die ihn befragen, "fange ich mittags an zu trinken. Ihr werdet das nicht unterbrechen." Er steckt sich - in einem Polizeirevier im Jahr 2012! - die nächste Zigarette an und wartet, bis ein Sechserpack Lone-Star-Bier vor ihm steht. Den wird er im Verlauf des Nachmittags methodisch vernichten, angereichert mit Schlucken aus seinem Flachmann. Die Dosen zerschneidet er mit seinem Klappmesser und baut kleine Blech-Totems daraus. Dabei spricht er Sätze wie: "Heute denke ich eher darüber nach, was meiner Tochter erspart geblieben ist. Manchmal bin ich dankbar. Der Arzt hat gesagt, sie ist sofort ins Koma gefallen. Hat nichts gespürt."

So kaputt wie Rust Cohle war schon lange kein Fernsehpolizist mehr. Der Unfalltod seines zweijährigen Kindes, eine gescheiterte Ehe und Jahre als Undercover-Polizist im Drogensumpf haben einen mageren Nihilisten aus ihm gemacht, ständig unter Spannung, nur um nicht zusammenzubrechen. Und dann kommt dieser Fall mit dem Hirschgeweih.

Ein Monolith, sprachlich, schauspielerisch und visuell

Für "Dallas Buyer's Club" hat der einstige Komödienschönling Matthew McConaughey den Hauptrollen-Oscar bekommen. Spätestens diese Rolle als Cohle in der Krimi-Serie "True Detective" (Sky, ab 17. April) aber sichert ihm einen Platz im Schauspieler-Olymp, neben Marlon Brando oder Paul Newman.

Nicht viele seiner Kollegen hätten die bleischweren Monologe, die Serienschöpfer Nic Pizzolatto da aufgeschrieben hat, glaubhaft vortragen können. McConaughey aber nimmt man den genialischen, seine Depression mit Verachtung strafenden Eremiten nicht nur ab, er zieht einen völlig in seinen Bann. Selbst mit Sätzen wie: "Ehrenhaft wäre es, wenn unsere Spezies sich ihrer Programmierung widersetzen, mit der Fortpflanzung aufhören, Hand in Hand in die Auslöschung gehen würde."

"True Detective" ist ein Monolith, sprachlich, schauspielerisch und visuell. Louisiana sieht darin aus wie auf einem verblichenen Foto, mit weiten, grasbewachsenen Ebenen, verlorenen Flachdachbauten und Raffinerietürmen am Horizont. 1995 wirkt wie 1975, weit weg und heruntergekommen. Überall wird geraucht, nirgends ist ein Handy zu sehen.

Eigentlich eine Ansammlung von Klischees

Ein Mord passiert und wird scheinbar aufgeklärt. 17 Jahre später wird der Fall neu aufgerollt, den Cohle und sein Partner Marty Hart 1995 angeblich gelöst haben. Woody Harrelson spielt Hart als sündigen Konservativen, als aufrechten Langweiler mit Hang zum Selbstbetrug. In Vor- und Rückblenden wird nicht nur die Geschichte der Ermittlungen erzählt, nebst dunkler Polizistengeheimnisse, sondern auch die Geschichte der Beziehungen zwischen Cohle, Hart und dessen Frau Maggie (Michelle Monaghan).

Die beiden Männer sind 1995 erst seit kurzem ein Team, ein ziemlich dysfunktionales. Sie werden zu einer nackten Frauenleiche gerufen, der Körper in Opferhaltung unter einem Baum arrangiert, mit rätselhaften Zeichnungen auf der Haut und einem Geweih auf dem Kopf. Das Rituelle kommt einem bekannt vor, ebenso wie viele weitere Zutaten des Plots: Der besessene Polizist, der, anders als seine Kollegen, an einen Serientäter glaubt. Der Partner mit Alkoholproblem und außerehelichen Hobbys. Der psychopathische Mörder, der eine Spur von seltsamen Basteleien hinterlässt. Die korrupten Mächtigen im Hintergrund. Der wummernde Soundtrack.

Eigentlich ist "True Detective" eine Ansammlung von Klischees, unterbrochen von handwerklichen Kunststücken wie einer sechs Minuten langen Steadycam-Actionsequenz mit Dutzenden Statisten, ohne einen einzigen Schnitt, die Filmschüler noch jahrelang beschäftigen wird.

Am Ende fast so etwas wie Erlösung

Pizzolatto aber macht aus den an sich wenig originellen Zutaten und dem Talent seines Regisseurs Cary Fukunaga ("Sin Nombre", "Jane Eyre") ein Transportmittel für eine sehr grundlegende Geschichte über zwei Männer und eine Frau. "Genre ist für mich ein Marketing-Werkzeug", hat er der "New York Times" gesagt.

In Wahrheit handelt "True Detective" von existentieller Einsamkeit und dem Versuch, sie zu überwinden. Und wenn sich das fürchterlich anhört, dann mit Recht. Die Serie ist oft nah an der Schmerzgrenze dessen, was man noch als Fernsehunterhaltung zu akzeptieren bereit ist. Gerade deshalb ist sie einzigartig. Und das obwohl, oder gerade weil Pizzolatto und Fukunaga ihren Protagonisten am Ende fast so etwas wie Erlösung gönnen.

Pizolattos Dialoge seien "auf die schlimmste Art schriftstellerisch", mäkelte die "New York Times". Tatsächlich aber ist die Kompromisslosigkeit des Teams ein Glücksfall. Regisseur Fukunaga zeichnet für alle acht Folgen verantwortlich. Es gab keinen "Writers' Room", keine Plotverdünnungen, um eine weitere Staffel zu ermöglichen. "True Detective" ist ein Gesamtkunstwerk.

Es wird eine zweite Staffel von Pizzolatto und Fukunaga geben, mit einer neuen Geschichte und diesmal zusätzlichen Regisseuren. Und einem neuen Ensemble - was ein bisschen schade ist. Dem Duo Harrelson/McConaughey hätte man gern noch häufiger zugesehen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hvq 16.04.2014
1. Phänomenal
True Detective ist wirklich phänomenal. Dialoge, Setting, Schauspieler etc... In einer Folge wurde eine Actionszene, die etwa 6 min. ging, ohne Cut produziert. Die Kameraführung war wirklich beeindruckend. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Einfach nur sehenswert!
Anonym. 16.04.2014
2. Geniale Serie
Ich kann jedem nur die Originalversion ans Herz legen. Der Südstaatenakzent ist einfach nicht übersetzbar und trägt sehr zur Atmosphäre bei. Die Serie ist wie ein perfekter Crime Thriller über 8 Episoden. Sehr gelungen!
quape 16.04.2014
3. wo?
Kann man die Serie außer auf Sky noch woanders sehen?
schelmig13 16.04.2014
4. die erste Episode ...
war so gut, daß ich mich sofort entschloss die erste Staffel auf Blue Ray oder DVD zu kaufen leider gibts im Handel noch nix. Erinnert leicht an die Serie Hannibal, diese absurden Morde und die finsteren Abgründe der Ermittler, aber noch großartiger gespielt von diesen Schauspielern.
miamisue 16.04.2014
5. Ich habe True Detective
auch im Original gesehen. Obwohl ich mittlerweile den Südstaaten Dialekt besser verstehe, war es sehr sehr schwer, aber jede Minute sehenswert. Auch ich denke, das es in reinem Hochdeutsch sehr verliert, wie viele englisch englische Serien auch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.