Dritte Staffel "True Detective" Willkommen zurück!

Die Pleite mit der zweiten Staffel ist vergessen: Mit der dritten Ausgabe findet "True Detective" mit einem spannenden Fall und einem brillanten Hauptdarsteller zu alter Stärke zurück. Nein, zu neuer.

HBO/ Sky

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Bevor Kommissar Wayne Hays (Mahershala Ali) den frisch entdeckten Tatort verlässt, um seine Kollegen zu holen, gibt er der grotesk arrangierten Kinderleiche noch einen beruhigenden Klaps. Als wollte er dem toten Jungen sagen, dass das Schlimmste nun vorbei sei. Der Einzige, den Hays beruhigen könnte, ist er selbst. Doch wahrscheinlich ahnt er schon, dass auch das vergebens sein und ihn der Fall des toten Jungen bis ans Ende seines Lebens verfolgen wird.

Das Erste, was sich im Verlauf der dritten Staffel von "True Detective" (Deutschlandstart: 14. Januar auf Sky) klärt, ist der Titel der Serie. Ein "true detective", echter Kommissar, ist anscheinend jemand, der sich bereits mit einigem psychologischen Gepäck durch seine Arbeit schleppt, bevor ihn der Fall, der in der jeweiligen Staffel gezeigt wird, vollends aus der Bahn wirft.

Wie in der ersten Staffel, die den phänomenalen Ruf der Serie begründet hat, zeigen sich die Auswirkungen des Falls durch das Einziehen mehrerer Zeitebenen. 1980 wird die Leiche des zwölfjährigen Will entdeckt und seine zehnjährige Schwester Julie als vermisst gemeldet. 1990 wird der Fall durch eine spektakuläre Wende neu aufgerollt, 2015 führt schließlich ein Interview für eine TV-Doku (augenzwinkernd "True Criminal" genannt) dazu, dass ein zunehmend von Demenz geplagter Hays ein letztes Mal mit dem Fall konfrontiert ist. Auf allen drei Ebenen stellt sich die Frage, was mit den Kindern passierte und wer dafür verantwortlich ist - jeweils anders, aber mit derselben Dringlichkeit.

Ein Mann der nicht gelebten Potenziale

Das Zweite, was sich im Verlauf der neuen Staffel klärt, ist die Frage, ob die Serie nach der legendär missratenen, viel zu schnell nachgeschobenen zweiten Staffel zu alter Stärke zurückfindet. Mehr als drei Jahre hat sich Serienschöpfer Nic Pizzolatto Zeit gelassen bzw. hat ihm HBO Zeit gegeben, um einen weiteren Schnellschuss zu vermeiden und wieder die Balance zwischen spannendem Kriminalfall, komplexer Figurenpsychologie und stimmungsvoller Cinematografie zu treffen.

Spätestens bei der zweiten Folge zeigt sich: Ja, es passt wieder. Oder besser: Es passt, nur jetzt anders.

Die größte Veränderung innerhalb des "True Detective"-Kosmos ist die Fokussierung auf eine Hauptfigur: Oscar-Preisträger Mahershala Ali ("Moonlight") spielt Wayne Hays - über 35 Jahre und diverse Gemütszustände hinweg. Wir lernen ihn 1980 als ambitionierten Jung-Kommissar kennen, den der Vietnamkrieg abgehärtet hat, 1990 treffen wir ihn als verbitterten Beamten mit Schreibtischjob wieder. 2015 blicken wir schließlich ähnlich erschüttert wie er auf sein Leben zurück und fragen uns, was mit ihm und mit seiner Familie passiert ist.

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"True Detective" Staffel 3: Was passierte mit den Kindern?

Ali deckt dieses Spektrum mit einer solchen Maßhaltung ab, dass man fast übersehen könnte, wie brillant er spielt. Seinen Charme, mit dem er "Moonlight" zum Strahlen brachte, setzt er hier so reduziert ein, dass Hays zu einem Mann der nicht gelebten Potenziale wird. Seine Ehe (wunderbar zwiespältig: Carmen Ejogo als Ehefrau Amelia), seine Karriere - was wäre wohl daraus geworden, wenn er mehr Zugriff auf seine Gefühle und Bedürfnisse gehabt hätte?

Und was, wenn er nicht schwarz gewesen wäre?

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Laut Ali musste er Pizzolatto erst bedrängen, die Hauptrolle mit ihm und damit einem Afroamerikaner zu besetzen. Wie gut, dass Pizzolatto auf Ali hörte, denn nicht nur konnte er so einen herausragenden Schauspieler besetzen. Auch die Geschichte wird durch den Umstand dichter, dass mit Hays ein Schwarzer ermittelt. Im Arkansas der Achtziger begegnen ihm die Weißen mit kaum verhohlener Ablehnung, die Schwarzen dagegen mit Skepsis: Im Dienste welcher Gerechtigkeit glaubt er eigentlich zu stehen?

Sein weißer Partner Roland West (Stephen Dorff, dessen abgelebten Promi-Status die Serie geschickt nutzt) schert sich nicht um Hays' Hautfarbe. Für ihn zählt, dass sie sich aufeinander verlassen können und sich einig sind, wann man einen Verdächtigen auch mal richtig hart angehen kann. Doch ihre Vorgesetzten scheinen ein Problem mit einem Schwarzen in ihren Reihen zu haben, und so verkompliziert institutioneller Rassismus die Ermittlungen und die Dynamik im Team.

Im Video: Der Trailer zu "True Detective Staffel 3"

Das alles geht jedoch nicht auf Kosten des Kriminalfalls, sondern koppelt ihn vielmehr an zusätzliche Erfahrungswelten an. Fühlten sich die vorhergehenden Staffel immer wieder wie Vorzeigeprojekte an, die sich zu sehr mit der eigenen Brillanz beschäftigten, findet "True Detective" hier zu einer produktiven Welthaltigkeit. Wenn es dafür drei Jahre Entwicklungszeit (und eine Intervention Mahershala Alis) brauchte - dann hat es sich gelohnt.


"True Detective" Staffel 3 ist ab dem 14. Januar auf Sky Atlantic verfügbar. Ab dem 15. Januar steht die Serie episodenweise und im Wochenrhythmus immer dienstags als digitaler Download, wahlweise in deutscher oder englischer Sprache, auf Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox bereit.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
iwolgin 03.01.2019
1. Legendär missraten?
Komisch, dass die "legendär missratene zweite Staffel" unter dem Link im Spiegel von derselben Autorin positiv besprochen und als "richtig guter Krimi" bezeichnet wurde. Ich fand sie auch ausgesprochen gut, wenn auch nicht so (bis auf das missglückte Finale) herausragend wie die erste.
reinplat 03.01.2019
2. "Legendär missratene zweite Staffel"
Die zweite Staffel steht bei Rotten Tomatoes auf 63%, verglichen mit 87% für die erste Staffel. Das ist für eine Zweitstaffel immer noch ein ziemlich gutes Ergebnis. "Legendär missraten" ist lediglich die Wortwahl der Rezensentin.
warhol66 03.01.2019
3. Nervig
Ich kann mich den beiden Vorkommentatoren nur anschließen: Die Mär von der missratenen zweite "True Detective"-Staffel wird gerne unreflektiert herausgeholt. Im Vergleich mit etlichen der hunderten Serien der letzten zehn, fünfzehn Jahre darf auch die zweite Staffel sicherlich zu den schauspielerisch und inszenatorisch ambitioniertesten und sehenswertesten gezählt werden. Die Figur von Vince Vaughn war sicher etwas platt und leider auch schauspielerisch schwach, aber Colin Farrell und allen voran Rachel McAdams waren hervorragend interpretiert, die Handlungsorte und die Region bei Los Angeles war thematisch und visuell wunderbar in die Geschichte integriert und klug erzählt, und die ganze Geschichte war thematisch reizvoll und spannend. Wie viele ähnliche Geschichten wurden schon um einiges missratener, plumper und langweiliger erzählt?
nixus_minimax 03.01.2019
4. Eine Frage der Fallhöhe
Die erste Staffel spielt m.E. im Serien Olymp mit und dort ist es sehr häufig die erste Staffel die wirklich großartig ist siehe Fargo, Luther, Broadchurch und all die andern die ich grad nicht parat habe. An und für sich ist die zweite Staffel Treu Detective eine klasse Serie und deutlich besser als der übliche Einheitsbrei. Im Vergleich zur ersten exquisiten Staffel, fällt Sie dagegen ab
permissiveactionlink 03.01.2019
5. Zugegeben,
die zweite Staffel war spürbar schwächer als die erste. Für legendär missraten halte ich sie dennoch nicht, wenngleich sie auch atmosphärisch weniger hergibt und das Spannungsfeld zwischen den Hauptfiguren sich kaum entwickelt. Etwas Vergleichbares wie der Showdown in Carcoosa fehlt der zweiten Staffel völlig, und die Dialoge in der ersten Staffel sind so durchdacht, man spürt wie lange daran gearbeitet wurde. An dem Beitrag heute wundert mich ganz besonders, wie man eine Serie zunächst als guten Krimi weiterempfehlen, später dann aber als legedär misslungen einstufen kann. Das ist keine 180°- Wendung mehr, das ist schon ein dreifacher Toeloop auf ganz dünnem Eis ! Sowas geht gar nicht.
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