Tsunami-Drama mit Veronica Ferres Die Flut war schnell, die Seele braucht Zeit

Gelungene Aufarbeitung: Der ZDF-Film "Tsunami - das Leben danach" basiert auf einer wahren Geschichte und schildert den schweren Weg aus Trauma und Trauer. Veronica Ferres mimt eine Katastrophen-Überlebende, die den Tod ihrer Familie verarbeiten muss.

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


Hochglanzbilder, eine Spitzenbesetzung und eine professionell kalkulierte Flut aus Trauer und Tränen - da wird es der Zuschauer schwer haben, auf dem "Tatort"-Trockenen zu bleiben: Im ZDF wird am Sonntagabend das Urlauberleid nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 rekonstruiert.

Das ZDF-Melodram "Tsunami - Das Leben danach" fängt an, wie man es erwartet. Buch (Natalie Scharf) und Regie (Christine Hartmann) bemühen sich erst gar nicht, einen originellen Einstieg zu finden. Warum auch? Der Schrecken begann schrecklich banal.

Wir sehen eine schöne junge Frau und Mutter (Veronica Ferres), die keine Lust auf heimisches Weihnachten hat. Wir sehen den jungen knuddelbärigen Vater Burkhard Cramer (Roeland Wiesnekker), der schnell verwindet, dass es nicht auf die Seychellen, sondern ins thailändische Phuket geht, Hauptsache Sonne. Und die Kinder, Henry und Mika, sind sowieso begeistert.

Dann kommt er, der schreckliche 26. Dezember. Ein Erdstoß erschüttert das schöne Hotel - na und? Papa mit Videokamera und die beiden Kinder gehen an den sonnigen Strand, die Mutter duscht noch mal eben, dann rollt die Wasserwand heran. Die Musik (Siggi Müller) hat das Unheil mit tiefem Bassbeben als erste angekündigt.

Die quälende Allmählichkeit

Wenn das Angstgeschrei beginnt, die Menschen in die Wasserstrudel geraten, die Panik im Hotel ausbricht, dann wehrt sich das Zuschauergemüt. Muss ich noch einmal in nachgestellten Bildern mit ansehen, was sich vor sieben Jahren mit erschütternden Videoaufnahmen in das kollektive Gedächtnis gebrannt hat?

Ja, lautet die Antwort. Es ist etwas anderes, Aufnahmen von sterbenden Unbekannten zu sehen, als einer Person im Film in die Katastrophe zu folgen. Was einem als Begleiter der Suche der überlebenden Mutter Billi Cramer am Bildschirm klar wird, ist die quälende Allmählichkeit, mit der einer Betroffenen das Schreckliche bewusst wird. Die Flut war rasend schnell, die Seele braucht ihre eigene Zeit.

Ramponiert und müde, verschwitzt und schockiert stolpert Billi durch das allgemeine Chaos. Aber die Angst, dass ihre Familie vielleicht getötet wurde, lässt die junge Frau zunächst nicht an sich heran. Sie irrt umher, prüft auf Aushängen die Listen gefundener Toter, spürt Erleichterung, wenn in Säcke gehüllte Opfer nicht ihre Angehörigen sind. Die Kamera (Alexander Fischerkoesen) spielt nicht Schicksalsprophetin und blendet die gewinnende Exotik Thailands nicht aus. Niemand wird von der Kamera angeklagt, keine Einstellung erhebt sich über die Einheimischen. Der Film hat Respekt vor den Helfern, der Freundlichkeit des Landes und der buddhistischen Religion, die Trost spendet mit ihrer selbstverständlichen Gelassenheit. Mönche überreichen Billi ein Kästchen, als symbolisches Gefäß für Erinnerung, aber für Trost ist es viel zu früh.

Mann, Tochter und Sohn liegen in flirrender Helligkeit und in weiße Planen gewickelt vor der jungen Frau, ein aus Deutschland eingeflogener Familienfreund muss die Identifizierung vornehmen. Das ergibt eine harte und erschütternd eindringliche Fernsehszene. Ein Film bleibt einfach, wo er ästhetisch hätte geschwätzig werden können.

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Den Szenen der Suche in Thailand folgt der im Titel angedeutete, ebenso wichtige zweite Teil des Films: "Das Leben danach." Wir sind in Deutschland an der Seite der Frau, die ihre Familie verloren hat, und die nicht weiß, wie und ob sie je in ein irgendwie lebbares Leben zurückfinden kann. Aus den Bildern weicht die Helligkeit, aus den Räumen jede Fülle. Was kann leerer sein als das moderne Haus der Cramers, was trostloser als die herumliegenden Weihnachtspakete, mit denen man sich nach der Rückkehr beschenken wollte. Billi riecht an den Kinderklamotten, als gäbe es noch letzte sinnliche Brücken zu den Ertrunkenen. Nur Beruhigungsmittel schützen die traumatisierte Frau davor, wahnsinnig zu werden.

Die Thematik des Lebens nach schweren seelischen Verletzungen ist eine Fernsehmode geworden. Besonders TV-Krimi-Drehbuchautoren verpassen ihren Helden gern posttraumatische Störungen, um die Dramaturgie zu beleben. Die Figuren müssen sich im Jetzt bewähren, dann werden die Gespenster des Gestern schon verschwinden, lautet die Formel, Vergangenheitsüberwindung als eine Art Leistungssport. Der 90-Minuten Trailer zu einer möglichen Serie "Hannah Mangold & Lucy Palm" spielte unlängst diese Traumakarte (und brachte ebenso wenig Quote ein wie der nach ähnlichem Rezept gestaltete Versuch, "Wolffs Revier" wieder aufleben zu lassen - leider).

In "Tsunami" aber wird Traumabewältigung nicht benutzt, sie wird in den Mittelpunkt gestellt. Eine solche Geschichte kann man sich nicht völlig ausdenken. Die Autorin und Produzentin Natalie Scharf las 2005 eine Todesanzeige und wurde auf das Schicksal Billi Cramers und Michael Schäffers aufmerksam. Zusammen mit Martina Nothorn, der Autorin der anschließenden Dokumentation zu Thema (um 21.50 Uhr), lernten die Filmemacherinnen eine ungewöhnliche Liebesgeschichte kennen. Über den Hinweis eines Trauerpsychologen hatte Cramer einen Mann - Michael Schäffer wird von Hans-Werner Meyer gespielt - kennen und lieben gelernt, der ebenfalls seine Familie verloren hatte. Aus den Gesprächen mit ihnen ergab sich die Vorlage für den Film.

Glück und Trauer

Die Abenteuer der seelisch schwerverletzten Reisenden erlebt der Zuschauer vor allem am Schicksal der Frau. Sie muss Zustände von Todessehnsucht - einmal legt sie sich zum Erfrieren in den Schnee vor ihrem Haus - überwinden. Sie muss stets mit dem Hereinbrechen überwältigender Erinnerungsschübe leben. Sie muss begreifen, dass sie keine Schuld hatte, dass sie von den Toten nicht böswillig verlassen wurde, sondern mit der Erinnerung an sie weiterleben.

Der Film bleibt zum Glück bei seiner Linie, den Gefühlsstress nicht ästhetisch zu verstärken. Wenn es so etwas wie Trauerarbeit in Würde gibt, dann achten Drehbuch und Regie diese Grenzen. Ebenso wird die zögerlich beginnende Liebesgeschichte voller Zurückhaltung geschildert, die Krisenanfälligkeit einer solchen Beziehung liegt schließlich auf der Hand.

Auch wenn es Bösmeinende vielleicht gerne anders gesehen hätten, Veronica Ferres leistet überzeugende schauspielerische Arbeit. Sie ist keine Meisterin der mimischen Distanz, sie fühlt sich - besonders nach Gesprächen mit dem realen Vorbild - bedingungslos in die Rolle ein. Es gibt keine Alternative zu dieser schauspielerischen Strategie. Ferres erstarrt, sie weint, sie wirkt aufgelöst, sie trotzt fast mädchenhaft dem Verlust, sie macht alles richtig: Mit so einer schicksalsgeschlagenen Frau wie Billi Cramer spielt man nicht, wenn man sie spielt.

Wenn der Film mit der Glücksnachricht zu Ende geht, dass die 45-jährige Billi schwanger geworden ist und sich das Leben des Paares im selbstgewählten Exil an der Côte d'Azur verändern wird, deckt die Happy-Enditis des üblichen TV-Movies nicht zu, was vorher zu erleben war. Mit Trauer im Herzen werden die Akteure immer leben, auch wenn sie glücklich sind.


"Tsunami - Das Leben danach", Sonntag, 5. Februar, 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
niska 04.02.2012
1.
Zitat von sysopGelungene Aufarbeitung: Der ZDF-Film "Tsunami - das Leben danach" basiert auf einer wahren Geschichte und schildert den schweren Weg aus Trauma und Trauer. Veronica Ferres mimt*eine Katastrophen-Überlebende, die den Tod ihrer Familie verarbeiten muss. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,813205,00.html
Gelungene Aufarbeitung? So müsste es heissen: Veronica Ferres mimt Veronica Ferres die versucht eine Katastrophen-Überlebende zu mimen. Haben wir keine halbwegs glaubhaften Schauspieler in D? Scheinbar reicht ausgiebiges Maschmeiern um dauerhaft an die Tröge der GEZ zu kommen.
nureinbuerger 04.02.2012
2. Ich finde...
Es schön, das der Tod und seine Verarbeitung mal ohne Pathos und Kitsch thematisiert wird, aber warum nur ist mal wieder ne Liebesgeschichte involviert. Klar... ist ne wahre Begebenheit... aber muss es immer dieses fast klischeehafte Happy Ending mit ner Liebesgeschichte geben? Meine Geschichte ist nicht weniger traurig, meine große Liebe ist nach 25 Jahren recht jung an Krebs verreckt, und ich hab sie bis zum letzten Atemzug begleitet... Die Begegnung mit dem Tod verändert einen. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, dann finden die wenigsten Menschen nach einem solchen Trauma so schnell wieder einen Partner oder eine Partnerin... Der Tod macht die Welt oberflächlich, der Tod macht auch einsam, einem Stigma gleichsam, weil niemand in unserer Spaß und Konsumgesellschaft gerne damit konfrontiert werden möchte. Der Tod ist ein Tabu, und ich selbst habe mir durch meine öffentlich verarbeitete Trauer viele Vorwürfe anhören müssen. Nach einer extrem harten Zeit, bin ich zwar wieder mitten im Leben, aber ne Liebesgeschichte hat es - trotz aller Offenheit und Bereitschaft - auch nach 5 Jahren bisher in meinem persönlichen Film nicht gegeben... dafür muss ich dann wohl ins Kino gehen, oder Fernweh gucken ;-) Trotzdem: Guter Film.
drkirsch 04.02.2012
3. Visuelle Identifikation
Zitat von sysopGelungene Aufarbeitung: Der ZDF-Film "Tsunami - das Leben danach" basiert auf einer wahren Geschichte und schildert den schweren Weg aus Trauma und Trauer. Veronica Ferres mimt*eine Katastrophen-Überlebende, die den Tod ihrer Familie verarbeiten muss. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,813205,00.html
"ein aus Deutschland eingeflogener Familienfreund muss die Identifizierung vornehmen" Die visuelle Identifizierung, wie in Filmen oft und falsch gezeigt, ist keine international anerkannte Identifikationsmethode und war auch vor dem ID Board in Phuket nicht zulässig. Die Realität sieht völlig anders aus und ist einem Fernsehzuschauer kaum zuzumuten.
axelkli 04.02.2012
4.
ich werde mir den Film nicht ansehen, der Grund heißt VF. Ich kann diese gestellt gefühlsduselige Möchtegernschauspielerin nicht mehr sehen. Was heißt "nicht mehr sehen".? Seit Schtonk habe ich konsequent Filme mit ihr gemieden. Es gibt so viele gute und glaubwürdige Schauspielerinnen in Deutschland, warum wird immer die F genommen? Soll sie doch dem Maschmeyer die Hemden bügeln.
CarlitoJ 04.02.2012
5. Gelungen / Ferres
Sie wollten schon immer einmal wissen, was eine contradictio in adiecto ist? Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Kombination der Begriffe "gelungene Aufarbeitung" und "Veronica Ferres".
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