ARD-Doku "Nervenkrieg in Nordkorea" Bombe aus dem Baumarkt

Bluff oder Bedrohung? Die TV-Doku "Nervenkrieg um Nordkorea" beschreibt die Aufrüstungsversuche Kim Jong Uns - die Spuren führen bis in die Botschaft in Berlin.

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Glaubt man seinem Lehrer, dann war Pak Un ein unauffälliger Junge. Als Sohn eines koreanischen Diplomaten habe er leidlich Deutsch gesprochen, gerne Trainingsanzüge von Adidas getragen und nur die teuersten Sneaker von Nike. Er spielte gerne Basketball und gehörte zu den ersten Schülern, die einen iPod besaßen. Viel mehr kann der Lehrer über seinen unter falschem Namen auftretenden Schüler von damals nicht berichten. Aber das Wenige gehört zu den wenigen privaten Einblicken, die man in das Leben von Kim Jong Un hat.

Diese Details aus der Schulzeit des nordkoreanischen Diktators in der Schweiz sind bekannt. Für seine Dokumentation über den "Nervenkrieg um Nordkorea" lässt sie NDR-Reporter Klaus Scherer nun aber erstmals einen Lehrer vor der Kamera ausbreiten. Im Kern von Scherers filmischen Essay über Wesen und Wirken des abgeschotteten "Schurkenstaates" geht es um das Raketenprogramm des "Raketenmannes", wie Donald Trump ihn nennt - und was von diesem Programm zu halten ist.

Erzählt wird das über Strecken, als wär es ein Thriller von Robert Ludlum oder Frederick Forsyth. Es treten Diplomaten auf, hoffnungsvolle aus Japan und Südkorea, skeptische aus den Vereinigten Staaten. Es werden Satellitenbilder gesichtet von Dandong, der Grenze zu China, und Analysen über die Konvois angestellt, die dort nach Nordkorea rollen. Es werden Streifzüge unternommen auf eine ehemalige sowjetische Militärbasis bei Odessa, wo baugleiche Raketen im hohen Gras verrotten.

"Schaut aus wie auf dem Baumarkt"

Ausgiebig zu Wort kommt beispielsweise Professor Robert Schmucker von der TU München. Der ehemalige Uno-Waffeninspekteur erklärt anhand von Triebwerken und Turbopumpen, dass es mit diesem Programm nicht weit her sei. Unmöglich könnten die Nordkoreaner eigene Raketen entwickeln, weil das eben Raketentechnik und so aufwendig wie komplex ist. Sie seien nicht einmal im Besitz von Plänen für die Geschosse, die auf Militärparaden gezeigt werden.

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ARD-Doku: Aufrüstung mit allen Mitteln

"Schaut aus wie auf dem Baumarkt", sagt Schmucker über die teilweise aus Dutzenden von Bauteilen aus zahlreichen Ländern bestehenden Flugkörper. Womit Kim droht, das sei eher "ein Gemischtwarenladen" mit dem einzigen Zweck, zu zeigen: "Ich hab' viel!" Sein Arsenal bestehe nicht notwendigerweise aus Attrappen. Es ist aber, wie Bilder zeigen, "so schlecht gemacht, dass man wirklich Mitleid hat". Etwa, wenn Komponenten mit falschen Steckern, Kreuzschlitzschrauben oder Bastelkleber miteinander verbunden sind. Alles Bluff?

Je näher die Gefahr, desto weniger sind die Experten bereit, dieser Auslegung zu folgen. Es gibt Raketen, die fliegen. Und es gibt Atombomben, die explodieren. Ob es sich um eine Serienproduktion aus eigener Kraft oder um klandestin zusammengeraffte Waffen handelt, spielt in Seoul, Tokio oder New York keine Rolle. Gefahr bleibt Gefahr, und die wird immer größer.

Kim Jong Un kaum aufzuhalten

Umso mehr Mühe machen sich Klaus Scherer und sein Team, nordkoreanische Propaganda von der faktischen Bedrohung zu unterscheiden. Chung In Moon, Präsidentenberater in Südkorea, warnt davor, die Provokationen aus Pjöngjang für bare Münze zu nehmen - das täten noch nicht einmal seine nordkoreanischen Gesprächspartner. Alarmierter gibt sich der ehemalige Uno-Ermittler Katsuhira Furukawa: "Ich habe nur Schlupflöcher gesehen. Wo sind eigentlich die Sanktionen?"

Denn das Vertragswerk zur Abschottung von Nordkorea sei dermaßen komplex, dass wohl nicht einmal das chinesische Außenministerium es verstehe. Das Land exportiere und importiere nach wie vor so gut wie alle von der Resolution betroffenen Güter. Ähnlich sieht das eine US-Staatssekretärin. Kim sei kaum aufzuhalten, an diplomatischen Lösungen führe aber dennoch kein Weg vorbei.

Wie schwierig sich schon das Verhandeln gestaltet, erzählt der Grüne Ludger Volmer, seinerzeit Staatsminister im Auswärtigen Amt. Als "Zeichen der Freundschaft", erinnert sich Volmer, erwartete eine nordkoreanische Delegation damals, ein von Thyssen stillgelegtes Stahlwerk geschenkt zu bekommen.

Womit diese Dokumentation bei ihrer kreisenden Recherche dann in Berlin gelandet ist. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, kann auf Nachfrage nicht ausschließen, dass auch die nordkoreanische Botschaft in Berlin in der Beschaffung waffenfähiger Technik engagiert ist. Man unterbinde das zwar, wo man es bemerke. Abzustellen sei es aber kaum.

Schwerer noch als dieses Eingeständnis wiegt der Vorwurf eines UN-Ermittlers, dass Deutschland auf Nachfragen, was genau Nordkorea sich hierzulande gerne an Schaltern und Hebeln und Dichtungsringen besorgen wolle, Antworten gerne schuldig bleibe. Maaßen gibt sich reserviert. Dergleichen betreffe das Auswärtige Amt, er selbst habe zu diesem konkreten Vorgang "keine Erkenntnis". Er sieht darin auch keinen "ernsten Vorwurf". Ein Dementi klingt anders.

Wenn auch die Nachfrage beim Auswärtigen Amt ausbleibt, so stößt "Nervenkrieg um Nordkorea" doch eine Debatte darüber an, was deutsche Dienste zur Verbesserung oder Verschlechterung der Lage auf der koreanischen Halbinsel beitragen - und zeigt nebenbei, wozu öffentlich-rechtlicher Rundfunk in der Lage ist.


"Nervenkrieg um Nordkorea", Montag, 22.45 Uhr, ARD

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bmvjr 06.02.2018
1. Die Finger
hat der eine oder andere Betrieb in unserem exportorientierten Land schon immer in zweifelhaften Lieferungen zweifelhafter Produkte an ebenso zweifelhafte Kunden im Ausland gehabt. Manche sind dabei voellig unwissend, manche schauen geflissentlich in die andere Richtung und manche wissen genau, was sie tun. Wer sich im Exportgeschaeft etwas auskennt, weiss, was moeglich ist, auf welchem Umweg, mit welchen Deklarationen. Da kann dann nur noch das Gewissen aufhalten, nicht aber die existente, lasche oder inkompetente Buerokratie.
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