TV-Doku über Andreas Baader: Luxuskind mit soldatischen Tugenden

Von Christoph Twickel

Schlechter Vater, übler Macho, verwöhnt und herrisch: In Klaus Sterns Andreas-Baader-Dokumentation zeichnen Zeitzeugen kein schmeichelhaftes Bild des RAF-Anführers. Doch der Film erzählt auch von einem Mann, dessen Wirkung sich niemand entziehen konnte.

Andreas Baader: "Der hatte überhaupt keine Skrupel" Fotos
NDR/ BKA

Es ist der 1. Juni 1972, nach einem stundenlangen Schusswechsel gelingt es der Frankfurter Polizei, Andreas Baader zusammen mit den RAF-Mitgliedern Holger Meins und Jan-Carl Raspe festzunehmen. Vielleicht sind wir heute, wenn wir die verwaschenen Fernsehbilder sehen, schon zu vorgeprägt vom Kanon der Baader-Aufarbeitung: Der RAF-Boss als Liebhaber schneller Autos und großkalibriger Waffen, als Macho und Posterboy des bewaffneten Kampfes. Doch wie er sich da auf der Bahre windet und mit schmerzverzerrtem Gesicht an sich herunterblickt, sieht Andreas Baader tatsächlich aus wie ein gestürzter Popstar.

Mit bloßem Oberkörper, die Arme über dem Kopf, an Handschellen gefesselt, mit breiten Koteletten, einem Karusselbremser-Bart und üppigem Brusthaar liegt er im Krankenwagen. Schemenhaft erfasst die Kamera durch die spiegelnden Fenster seine dunklen Augen, die ruhig die Situation zu ermessen scheinen, und den spöttischen Zug um seine vollen Lippen.

In Klaus Sterns Dokumentation - eine Kurzfassung war bereits 2003 zu sehen - werden dieses Gesicht, diese Attitüde zu einem Rätsel, an dem sich eine ganze Gesellschaft abgearbeitet hat. Neue Erkenntnisse zur RAF gibt es nicht - aber es gelingt Stern zu zeigen, wie das Charisma und das radikale Leben Baaders ein ganzes Jahrzehnt prägen konnten.

Anderhalb Dutzend Menschen erinnern sich an den Baader den sie kannten. Oder glaubten, gekannt zu haben. Die Aussagen sind widersprüchlich, ernüchternd und gleichzeitig irritierend. "Ich habe ihn nicht als politisch gesehen", sagt etwa sein Jugendfreund, der Werber Holm von Czettritz, der ihn auf einer Party im bohemistischen Schwabing der Sechziger kennengelernt hat. "Der hatte doch mit Sozialismus nichts am Hut", sagt sein Onkel Michael Kröcher, Schauspieler und Tänzer und eine wichtige Bezugsperson für Baader, der seinen Vater früh verloren hatte. Das Schulzeugnis des Jahres 1957 behauptet, Baader mache "den Eindruck eines hoffnungslos verwöhnten Kindes", und seine Lebensgefährtin Ello Michel, die 1965 die gemeinsame Tochter Suse zur Welt bringt, bestätigt den Eindruck: "Die Hemden mussten immer gebügelt sein, der war ein richtiges Luxuskind."

Mafiaboss und Schinderhannes

Aus dem verhätschelten Nonkonformisten wird im Berlin der späten Sechziger ein Spaßguerillero, der ziellos herumjobbt, erst gegen Mittag aufsteht und bei den Aktionen der Apo kompromissloser und furchtloser als andere agiert. "Sein Gesamtauftritt war dickbräsig" kommentiert Czettritz. Altkommunarde Rainer Langhans erklärt: "Der hatte eben überhaupt keine Skrupel, der hatte eine diebische Freude daran, böse Sachen zu machen."

Nein, Sterns Dokumentation widerspricht den gängigen Klischees vom verächtlichen, skrupellosen Draufgänger nicht. Je mehr O-Töne die Dokumentation über Baader sammelt, desto egozentrischer und zynischer erscheint Baaders Sozialverhalten: Da ist der Vater, der sich nicht für seine Tochter interessiert und ihre Mutter misshandelt. Da ist der Politaktivist, der gegenüber jugendlichen Heimbewohnern in einer "Mischung zwischen Mafiaboss und Schinderhannes" agiert, wie sein damaliger Genosse Luis Tratter kommentiert, und mit ihnen in nächtlichen Spritztouren Autos "zerschrotet". Da ist der RAF-Boss, der seine Mithäftlinge zum Hungerstreik antreibt und sich derweil von seinem Anwalt gebratene Hähnchen in den Knast schmuggeln lässt.

Doch eben das ist das Faszinosum, das die Dokumentation zeigt: Gerade das vielstimmige Klagen und Kopfschütteln über Baaders verächtlich-arrogante Art und sein herrisches Gebahren lassen ahnen, wie anziehend und überzeugend er auch gewesen sein muss. Kettenrauchend und den Tränen nahe liest seine ehemalige Lebensgefährtin Ello Michel aus den Briefen vor, die ihr Baader aus dem Gefängnis geschrieben hat und die in ihrer Mischung aus Runterputzen und poetischer Ansprache längst verschüttete Gefühle hochkommen lassen.

Auch der Stammheim-Richter Theodor Prinzing, der nach knapp zwei Jahren Prozess gegen die RAF wegen Befangenheit abgelöst wurde, konnte sich dem Charisma des pöbelnden Angeklagten offensichtlich nicht entziehen. "Der frühe Tod seines Vaters hat mich bewogen, ihm einiges nachzusehen", sagt Prinzing, während er in dem Hochsicherheits-Verhandlungssaal von Stammheim steht. Man sieht ihm an, dass die Erinnerungen an den Prozess "doch nicht sehr froh bestimmend" sind, wie er schwäbelnd-umständlich formuliert.

"Viele brauchten diese Ikone."

So erzählt "Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes" zwar wenig bis gar nichts über die Staatsfeindschaft, die ihn zum bewaffneten Kampf gebracht hat. Auch Baaders Aufstieg zum politischen Strategen, der ihn gemeinsam mit Gudrun Ensslin zum Anführer der RAF und zur Autorität der militanten Linken der Siebziger machte, wirkt hier ein wenig wie eine unerklärliche Melange aus Hochstapelei und Hysterie.

Dennoch ist die Dokumentation sehenswert. Denn in ihren Gesichtern, in der Art wie sie über Baader sprechen, zeigt sich die unentrinnbare Herausforderung, die dieses Ekel für seine Genossen wie für seine Feinde war. Die Bilder machen nachvollziehbar, wie unerträglich und unverschämt überzeugend Baader in seiner Zeit gewesen sein muss: Ein Mann, der radikaler als alle anderen das Gegenmodell zur Elterngeneration mit ihren Wehrmachtstugenden lebte. "Viele brauchten diese Ikone, die Verkörperung des radikalen, anderen Lebens", wie Armin Golzem es ausdrückt, einer der vielen Anwälte, die das kurze Leben des Andreas Baader begleiteten.

Gleichzeitig nötigte Baader eben dieser Kriegsgeneration in seiner Kompromisslosigkeit Respekt ab. "Was fällt denn dem Lümmel ein, uns da eine Kriegserklärung zu schicken", so habe man seinerzeit auf Baader reagiert, erinnert sich der BKA-Beamte Schleicher.

Nach fünf Bombenanschlägen, vier Toten und Dutzenden von Verletzten, nach mehreren Banküberfällen, nach zwei Jahren Stammheim-Prozess inklusive stundenlangen Prozesserklärungen, Hungerstreiks und Beschimpfungen spricht keiner mehr vom "Lümmel". Im Rückblick resümiert Theodor Prinzing: "Wenn er in meiner Generation geboren wäre, in die Disziplin und die Gehorsamspflichten, wie sie in der Wehrmacht gefordert wurden", so der Richter, "der wäre als Soldat ein brauchbarer Mann gewesen."

Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes: Dienstag 25. Januar, 23:45 Uhr, NDR

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