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ZDF-Drama "München 72": Als der Terror den Lachdackel vertrieb

Von Nikolaus von Festenberg

Mit der Bonbonkanone gegen das Böse: Deutschland wollte eine heitere Gastgebernation sein, doch das "Kommando Schwarzer September" machte aus den Olympischen Spielen einen Albtraum. Der ZDF-Film "München 72" beschreibt den Epochenbruch als kluges menschliches Drama.

TV-Drama "München 72": Terror und Naivität Fotos
ZDF

Es war einmal ein Märchen, das Wirklichkeit war. Die Menschen konnten ein Stadion ohne Leibesvisitation betreten. Sie konnten mit Handgepäck undurchleuchtet zu einem Flugzeug gelangen, wenn der Zoll nichts dagegen hatte. Sicherheitskräfte wandelten ohne Schusswaffe in modischem Outfit durchs Gelände. Wenn auf einer Planungssitzung ein Polizeipsychologe vor den Gefahren des Terrorismus warnte, machte ihn der Chef lächerlich. Etwaige studentische Vietnam-Demonstranten wollte man allen Ernstes mit einem ferngesteuerten Dackel namens Waldi zum Lachen bringen und mit einer Bonbon-Kanone und Netzen in die Schranken weisen.

Die Deutschen wollten sich drei Jahrzehnte nach Auschwitz und Hitler vor den Augen der Welt als friedfertig und heiter inszenieren. Zumindest während der Olympischen Spiele in München 1972, den als heiter ausgegebenen Spielen, die dann aber von einem tödlichen Gewaltexzess verdunkelt wurden. Die Fehlgeburtsstunde deutscher Fröhlichkeit wurde so zur Geburtsstunde neudeutscher Wehrhaftigkeit.

Das ist der dramatische Bogen der handwerklich perfekten Tragödie "München 72 - Das Attentat". Er führt aus einer herbei geträumten Sanftheit zum Sturz in die Katastrophe und dann zum illusionsfreieren Leben in einer stets bedrohten Welt. Natürlich gibt es Alternativen zur Fiktion. Dokumentationen dürfen spekulieren wie die im Anschluss an den Attentatsfilm im ZDF zu sehende Dokumentation von Uli Weidenbach, in der es um politische Hintergründe geht. Oder die auf Sky am 7. Juli vorgesehene Interviewsammlung mit Zeitzeugen auf dem Historiensender Bio.

Der Traum war nicht nur lächerlich

Das ZDF und die Produzenten Nico Hofmann und Ariane Krampe zeigen das, was historisch gesichert ist. Nicht nur das Ensemble mit Felix Klare, Heino Ferch, Bernadette Heerwagen, Pasquale Aleardi, Esther Zimmerling und Stephan Grossmann, auch Drehbuch und Regie tragen zum Erfolg bei.

Der in Tel Aviv geborene Regisseur Dror Zahavi hat schon mit "Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki" gezeigt, dass er historische Stoffe faktentreu und sinnlich inszenieren kann. Der Autor Martin Rauhaus, der als Erfinder von "Dr. Molly & Karl" gilt, einer der originellsten Ärzteserien des Privatfernsehens, versteht sich auf die Balance zwischen Ironie und Ernst. Das ist wichtig. Die Gefahr ist nämlich groß, dass die deutsche Traumidee von den heiteren Spielen gleich zu Anfang ironisch verätzt wird. Die im Film wieder auflebenden waffenlosen "Olytessen" mit ihren Topfhütchen haben etwas ebenso Lächerliches wie Heino Ferchs Machogebaren in der Rolle des Polizeichefs, welcher - den Befehl zur Heiterkeit im Kopf - Terrorismusgefahren verharmlost.

Als das achtköpfige palästinensische "Kommando Schwarzer September" im olympischen Dorf die israelische Mannschaft überfällt und einen ersten Mann ermordet, weiß der Zuschauer, dass das Thema Heiterkeit abgeschlossen ist - aber er weiß auch, dass es nicht nur lächerlich war.

Möchtegernerpresser gegen Bruder Hilflos

Das Pokerspiel zwischen Geiselnehmern und Behörden zeigt, dass keine Partei einen Bluff in der Hand hat. Möchtegernerpresser spielt gegen Bruder Hilflos. Die Terroristen präsentieren lange Listen von Gesinnungsgenossen, deren Freipressung vollkommen unrealistisch ist - darunter Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Die deutschen Behörden spielen auf Zeit, ohne ein Ziel zu kennen. Ein ungeschickter Polizeibeamter vereitelt einen möglichen Zugriff. Die Polizisten, die das Geiselgebäude übers Dach entern wollen, agieren wie eine lächerliche Laienspielerschar.

Dann betritt der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher die Szene - und das Behördendeutschland bekommt ein Gesicht. Wie Stephan Grossmann die Genscher-Rolle spielt, ist meisterlich. Ein langer, leicht gebeugter Mensch, ein nachdenklicher, sensibler Verantwortungsträger, schüchtern und würdig zugleich. Er verkörpert die moralische Instanz, bietet sich vergeblich als Geisel an. Nichts klappt. Unzureichende Bewaffnung, im Verkehr steckenbleibende Panzerfahrzeuge, Konzeptionslosigkeit auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck, von dem aus die Terroristen mit ihren Geiseln nach Ägypten fliegen wollen, obwohl Kairo die Landung verweigert. Das muss schrecklich enden. Das endet schrecklich. Alle Geiseln sterben. Die Regie hat längst die Hoffnung aufgegeben. Die Kamera (Gero Steffen, Chris Völschow) schwenkt resigniert die Todgeweihten ab.

Am Ende, wenn die Sicherheitsverantwortlichen die anfänglichen und irrtümlichen Siegesmeldungen über den Ausgang der Aktion in Fürstenfeldbruck korrigieren müssen, stehen sie belämmert vor uns Zuschauern. Wie in einer psychologischen Familienaufstellung. Wer war schuld? Gibt es Schuld?

Wer persönliche Erinnerungen an diese Olympischen Spiele hat, vermisst im Film die Frage, die damals die Menschen umtrieb: Hätten die Spiele nicht abgebrochen werden müssen? War es nicht Borniertheit, als der damalige IOC-Präsident Brundage sein unbarmherziges "The games must go on!" dekretierte? Heute weiß man, dass die olympische Idee längst zerbrochen war. Dass eine sportliche Feier den Gang der Weltgeschichte unterbrechen kann, erwies sich als Illusion. Dass ein Akt der Trauer die Politik betroffen macht, ein Köhlerglaube. Sport ist Sport ist Sport.

Der Verlust der Heiterkeitsillusion bereitete nur kurz Schmerzen. Schon wenige Tage nach der Trauerfeier jubelten die Menschen wieder, als Heide Rosendahl Staffelgold holte - und zwar gegen das favorisierte DDR-Quartett.

Attentat? Ach ja, da war doch was!


"München '72 - Das Attentat", Montag, 20.15 Uhr, ZDF (im Anschluss folgt eine Doku)

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Textes stand, dass Hans-Dietrich Genscher zur damaligen Zeit Bundesaußenminister war. Richtig ist, dass er Innenminister war. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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1. Nicht Jutta
erikadorf 19.03.2012
Zitat von sysopZDFMit der Bonbonkanone gegen das Böse: Deutschland wollte eine heitere Gastgebernation sein, doch das "Kommando Schwarzer September" machte aus den Olympischen Spielen einen Albtraum. Der ZDF-Film "München 72" beschreibt den Epochenbruch als kluges menschliches Drama. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821818,00.html
Es war Renate Stecher im 4x100m-Endlauf.
2. Mal schauen
earl grey 19.03.2012
Zitat von sysopZDFMit der Bonbonkanone gegen das Böse: Deutschland wollte eine heitere Gastgebernation sein, doch das "Kommando Schwarzer September" machte aus den Olympischen Spielen einen Albtraum. Der ZDF-Film "München 72" beschreibt den Epochenbruch als kluges menschliches Drama. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821818,00.html
Werde ich mir auf alle Fälle ansehen. Ich kannte mal einen der beteiligten Polizisten, kannte - weil er schon vor längerer Zeit an Krebs gestorben ist. Der hatte nach 1972 den Dienst quittiert und war bis zu seinem Tod ein psychisches Wrack. Er hatte nie viel von dem Einsatz erzählt, aber eins vergesse ich nie: die ganzen Beamten, die bis zuletzt auf dem Flugfeld waren, hatten Todesangst und haben wahllos auf alles geschossen, was sie sahen. Es gab viele Opfer durch dieses "friendly fire", aber es waren auch normale Streifenpolizisten ohne besondere Ausbildung, die da ins Feuer geschickt wurden. Muss wirklich hart gewesen sein, mein Bekannter hat nie viel darüber erzählen können, auch wenn er gewollt hätte, da war eine Blockade. Aber alleine die paar Erzählungen in stillen Stunden, wenn es einfach mal raus musste, die machten schon betroffen. Mal schauen, was der Film davon gemacht hat.
3. .....Müchen 72.. Lachdakel usw..
Mcglagan 19.03.2012
Das ist leider nicht ganz richtig. Deutschland hatte sich sehrwohl etwas in der Hinterhand gehalten.Die BRD hatte nach dem Krieg Mitglieder einer paramilitärischen Geheimeinheit (nicht Polizei) die bei dem damaligen Bundesnachrichtendienst aufgehangen war. Die Männer waren mehr als gut ausgebildet, es waren absolute Profis. Die Einheit hätte damals einiges verhindern können. Sie waren und sind immer noch geführt als sogenannte Stay behind Organisation. Sattdessen übergab man, dass Kommando eingen Schutzpolizisten.
4.
Sankari66 19.03.2012
1. Wie oft muss das denn noch von den ÖR verfilmt werden? 2. Wie kann man einen Bluff in der Hand halten?
5.
olaf313 19.03.2012
Da steht der heutige IOC Präsident in guter alter Tradition mit seinen Vorgängern. Nichts darf Olympia stören oder gar unterbrechen, schliesslich gilt es eine Menge Kohle damit zu machen.
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