TV-Ereignis "Laconia" Der Feind, mein Retter

Sehen so Helden aus? Der ARD-Zweiteiler "Laconia" erzählt von einem deutschen U-Boot-Kapitän, der im Zweiten Weltkrieg einen Truppentransporter versenkt und die Schiffbrüchigen rettet. Die deutsch-britische Co-Produktion ist ein mitreißender Film - würde Großadmiral Dönitz nicht zum Ritter verklärt.

ARD Degeto/ SWR

Von Nikolaus von Festenberg


Darf deutsches Fernsehen von moralischen Heldentaten deutscher Soldaten in Hitlers Armee erzählen? Trägt man damit zum Relativieren deutscher Schuld, zum Ablenken von Auschwitz bei?

Solche Fragen entstammen einer gefühlt längst vergangenen Zeit. Krieg und Holocaust werden seit Jahren im Kino und im Fernsehen als Stoff für die Projektionen der Heutigen verwertet. Nach den deutschen Schurken sind auch die deutschen Helden auf Leinwand oder Bildschirm geholt worden: Oskar Schindler, die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer und all die anständigen kleinen Leute des NS-Alltags, von denen Ralph Giordano ("Die Bertinis") oder Michael Degen ("Nicht alle waren Mörder") erzählt haben.

Die deutsch-britische Co-Produktion "Laconia", am Mittwoch und Donnerstag in der ARD zu sehen und gewiss eines der Fernsehereignisse des Jahres, erzählt mutig und selbstbewusst von deutschem Heldentum. Es geht um das Leben des deutschen U-Boot-Kommandanten Werner Hartenstein, der im September 1942 Hunderte Meilen vor der afrikanischen Westküste den mit rund 2500 Passagieren überfüllten englischen Truppentransporter "Laconia" erst mit Torpedos zum Sinken brachte und dann 1150 Schiffbrüchige rettete.

Schrecken und Schmelz zugleich

Der mörderische Jäger wandelte sich hier überraschend zum humanitären Ritter. Ein Läuterungswunder, das man nicht glauben würde, wenn es nicht historisch verbürgt wäre - als hätte die Geschichte selbst die passende Story für den größten Heldenliedsänger der deutschen TV-Landschaft, die Produktionsfirma Teamworx, geschrieben. Teamworx hat Maßstäbe im Genre der gefühlten Geschichte gesetzt. Ob "Dresden" oder die Flucht aus Ostpreußen, ob "Stauffenberg" oder "Dutschke" - immer versuchen die Produzenten um Nico Hofmann, die Distanz zum Gewesenen mit vielen aktuell verständlichen sinnlichen Zeichen zu füllen.

Diese Filme haben trotz allen Schreckens, den sie zeigen, einen bezwingenden Schmelz. Nie verzichten sie wegen historischer und philosophischer Skrupel auf die Ideale der Jetztzeit, auf Schönsein, auf einfach Jungsein, auf Erotik, auf Unverkrampftheit, auf Pathos. Die Generation der heute 40- und 50-Jährigen will sich ästhetisch nicht aufgeben, bloß weil sie in die Geschichte taucht. Revisionistisch handeln die jüngeren TV-Macher darum nicht. Adorno war nicht vergeblich, alle kennen bei allem Überschwang meist die Fallen des Erzählens deutscher Geschichte.

Das Besondere an "Laconia" ist die Begegnung dieser unbefangenen deutschen Fernsehkunst mit der wunderbar routinierten Zurückhaltung der englischen TV-Macher. Da erreicht "Laconia" eine Geschlossenheit, als wären BBC und Teamworx schon immer im Konvoi über die Weltmeere des Fernsehens gefahren.

Ein diskreter Engel in weißer Uniform

Drehbuchautor Alan Bleasdale, 65, der Dickens' "Oliver Twist" als allseits gelobte Serie ins Fernsehen brachte, bekennt sich zum Glück zur britischen Tugend, selbst in höchster Handlungsnot nicht auf Ironie und Schrulligkeit zu verzichten. Bleasdale besitzt die Gabe, prägnante Szenen zu schreiben und in Kürze alles zu sagen, was der Zuschauer über die Figuren wissen muss.

Auf der "Laconia" fährt im Geiste Dickens die englische Lady (Lindsay Duncan) mit, die in der Katastrophe ihren blasierten Leitsinn ablegt und mütterliche Verantwortung übernimmt, ohne je die vornehme Haltung zu verlieren. Zum unverzichtbaren Britenflair gehört auch die Figur des "Laconia"-Kapitäns (Brian Cox), der selbstironisch, stolz und stoisch als letzter Mann auf der Brücke in den Fluten versinkt.

Eine weitere britische "Laconia"-Kreation ist der 3. Offizier Mortimer. Den spielt Andrew Buchen hinreißend knabenhaft. Schüchtern, wenn es um die Liebe geht, herzerschütternd, wenn er vom Bombentod seiner jungen Familie erfährt und die Trauer für sich behalten will - ein diskreter Engel in weißer Uniform, das Drehbuch gibt ihm große Entfaltungsmöglichkeiten.

Plünderung auf dem "Boot" und der "Titanic"

Der Charme der britischen Zurückhaltung färbt sichtbar auf die deutschen Darsteller ab, die allesamt fabelhaft spielen. Ken Duken hat als deutscher Kommandant etwas Verlorenes, etwas von Kleists "Prinz von Homburg". Als würde er seine Wandlung vom Nazi-Krieger zum seemännischen Ritter wie einen Traum erleben. Kein ethischer Diskurs wird hier aufgeführt, alles an Wandel spielt sich in Dukens Bartgesicht ab, in der Kunst der Großaufnahmen, die Regisseur Uwe Janson und sein Kameramann Michael Schreitel perfekt beherrschen. Moral, buchstabiert der Film, ist Haltung. Sie materialisiert sich nicht aus theoretischen Gründen, sondern in konkreten Situationen.

Ähnliches beeindruckt auch an Franka Potente. Sie spielt eine Undercover-Deutsche an Bord des Transporters, die ihren Mann durch Nazi-Terror verloren hat, sich aber fürchtet, ihre Nationalität zu offenbaren, weil sie sonst für eine Spionin gehalten würde. Als Hilda weicht Potente sicheren Schritts, blond und tragisch umflort, männlicher Zuwendung aus, überwindet den Verlust des Babys, aber flieht nicht vor sich selbst. Ihre Figur ist eine gelungene Erfindung aus der Gegenwart, die schöne Beobachterin mit einem Geheimnis.

"Laconia" plündert hemmungslos bekannte Filme. Warum nicht, wenn die sowieso nur schwer zu überbieten sind? Wenn die falsche Engländerin Hilda in Kairo auf der Flucht vor Rommel gegen die Widerstände der Zollbeamten das überfüllte Schiff dennoch entert, weil dem englischen Schiffsoffizier angesichts von Mutter und Baby das Herz schmilzt, fühlt man sich wie im Kultklassiker "Casablanca", wo sich die Guten auf den ersten Blick verstehen. Auf dem Schiff geht es zu wie auf Camerons "Titanic" - vor und nach dem Eisberg. Alle U-156-Männertypen, vom Leitenden Ingenieur (Matthias Koeberlin), dem vaterländisch verführbaren Oberleutnant (Jacob Matschenz) bis zum U-Boot-Neuling Fiedler (Frederick Lau) hätten auch mit Wolfgang Petersens "Boot" auf Kaperfahrt gegangen sein können. Das Neue in "Laconia" ist dann die Begegnung der Unterwasserkameraden mit den Untiefen der Moral.

Hitlers Nachfolger erscheint zu freundlich

Zwei Bedenken bleiben trotzdem. Wie ehrerbietig der Film mit Großadmiral Karl Dönitz (Thomas Kretschmann) umgeht - er erscheint in vielen Szenen wie der edle Oberritter aller U-Bootfahrer -, wirkt nicht überzeugend. Dönitz beerbte Hitler als Staatsoberhaupt, kam in Nürnberg mit zehn Jahren Strafe davon, war aber gehorsam ins NS-System eingebunden. Nach der Hartenstein-"Laconia"-Aktion formulierte Dönitz einen Befehl, der deutschen U-Bootfahrern jede Rettung von Seenotopfern verbot.

Und auch mit den Angehörigen der polnischen Exilarmee auf Seiten der Alliierten macht es sich "Laconia" zu einfach. Sie werden im Film nur als brutale Bewacher italienischer Kriegsgefangener dargestellt. Hier hätten sich ein paar verständnisvollere Szenen finden lassen, die auf die Vernichtungsaktionen Hitlers und die Ermordung polnischer Offiziere durch den sowjetischen Geheimdienst in Katyn hätten hinweisen können.

Traurig und groß zugleich zelebriert der Film seinen Schluss. Immer öfter wandert die Kamera auf die See. Da treiben die Geretteten in Booten, da nehmen von Hartenstein herbeigerufene Schiffe Passagiere auf, da gleiten der deutsche U-Bootkapitän und seine Crew in die Heimat zurück. Der Film strahlt Resignation aus, als wollte er sagen: Die Geschichte vom deutschen Ritter war nur eine Episode im brutalen Meer der Zeit.

Im Abspann wird das beglaubigt: Kein Jahr nach dem Rettungswunder, am 8. März 1943, wurde die U 156 in der Karibik östlich von Barbados von US-Bomben versenkt. Ein von einem Flugboot aus abgeworfenes Rettungsfloß für zwölf Überlebende blieb leer. Alle 53 Mann Besatzung kamen ums Leben.


"Laconia", 2. + 3. November, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
elster2 01.11.2011
1. Gegen Titelzwang
Angenehm, daß Geschichte endlich auch mal objektiv erzählt wird. Bezeichnend, aber, daß diese Objektivität einen englischen Regisseur benötigt. Ein deutscher Regisseur hätte sich wahrscheinlich dazu nicht durchgerungen, zu tief sitzt die verinnerlichte Sicht der Dinge bei den meisten Deutschen. Auch deshalb lesen die meisten lieber Bücher angelsächsischer Historiker, die sind deutlich objektiver. Zu dem SPON-Text: Warum soll die harte Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Polen durch das Katyn-Massaker zu erklären sein? Die Polen wussten schon immer, wer ihre Landsleute massakriert hat.
mactor, 01.11.2011
2. Nun ja-
Filme die pauschal aus allen deutschen Soldaten, Offizieren Nazis machen oder die Regierungsmitglieder lächerlich erscheinen lassen sind ja auch unglaubwürdig. Mag sein das dieser Film Hr. Dönitz zu "nett" erscheinen läßt aber ich sag mal "vielleicht war der so" oder erschien zumindest so nach außen. Extrem clever/klug war er in jedem Fall wie selbst die Alliierten Ihm zuschrieben. Na ja und der Holocaust gehört in diesen Film thematisch vielleicht nicht rein. Er muss ja nicht überall in solchen Filmen thematisiert werden. Aber ich glaube um genauere Sachen darüber zu sagen muss man den Film erst mal sehen.
kimba2010 01.11.2011
3. ...
Zitat von sysopSehen so Helden aus? Der ARD-Zweiteiler "Laconia" erzählt von einem deutschen U-Boot-Kapitän, der im Zweiten Weltkrieg einen Truppentransporter versenkt und die Schiffbrüchigen rettet. Die deutsch-britische Co-Produktion ist ein mitreißender Film - würde Großadmiral Dönitz nicht zum Ritter verklärt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,795066,00.html
Die Filmindustrie hat wohl gemerkt, dass sie den Bogen mit ihrer schwarz-weiss Malerei in den vergangenen Jahren überzogen hat und rudert zurück, bevor sie zu viel Glaubwürdigkeit verliert. Ohne Klischees kommt aber auch diese Produktion natürlich nicht aus.
vincent72 01.11.2011
4. Regie
Zitat von elster2Angenehm, daß Geschichte endlich auch mal objektiv erzählt wird. Bezeichnend, aber, daß diese Objektivität einen englischen Regisseur benötigt. Ein deutscher Regisseur hätte sich wahrscheinlich dazu nicht durchgerungen, zu tief sitzt die verinnerlichte Sicht der Dinge bei den meisten Deutschen. Auch deshalb lesen die meisten lieber Bücher angelsächsischer Historiker, die sind deutlich objektiver. Zu dem SPON-Text: Warum soll die harte Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Polen durch das Katyn-Massaker zu erklären sein? Die Polen wussten schon immer, wer ihre Landsleute massakriert hat.
Uwe Janson ist ein deutscher Regisseur, da haben Sie was missverstanden.
jüttemann 01.11.2011
5. Nicht korrekt
Die Aussage, Dönitz sei zu positiv gezeichnet, weil er nach der Laconia-Versenkung immerhin den Befehl gegeben hat, dass U-Boote keine Schiffbrüchigen mehr aufnehmen dürfen, ist ein schlechter Witz. Grund für diesen "Laconia-Befehl" war der der Versenkung des Dampfers unmittelbat folgende "Laconia-Zwischenfall", von dem der Artikel freilich kein Wort erwähnt und den offenbar auch der Film tunlichst verschweigt. Denn das deutsche U-Boot, dass alles unternahm, die Passagiere des Dampfers zu retten, verriet durch die Notsignale natürlich ganz bewußt seine eigene Position und wurde daraufhin inmitten der Schiffbrüchigen aufgetaucht schwimmend von US-Flugzeugen mit Bomben angegriffen. Dabei entging das Boot nur knapp der eigenen Versenkung. Erst ab da verbot Dönitz zur Sicherheit der eigenen Besatzungen weitere solcher Rettungsaktionen. Und wenn man wie hier in voller Kenntnis der Situation auf die Retter schießt, darf das auch niemanden verwundern.
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