TV-Event "Lost Future" Mutantenmord im Lenden-Short

Vorwärts in die Steinzeit: In dem Science-Fiction-Schocker "Lost Future" auf RTL hat die Menschheit sich selbst fast ausgelöscht. Die letzten Homo sapiens kämpfen verzweifelt gegen genmanipulierte Monster - und der kritische Gehalt des Stoffs geht dabei unter dumpfem Geholze verloren.

RTL

Von Nikolaus von Festenberg


Wenn der Postmann dreimal klingelt: Was ist eigentlich "post-apokalyptisch"? Eine negative Beschreibung der Deutschen Post? Eine Welt, in der jeder Brief mangels Empfänger zurückkommt? Ein Zustand, in dem man endlos zum nächsten Briefkasten laufen muss? Letzteres wäre wohl eher als Postmoderne zu bezeichnen.

Am RTL-Schalter "Ich will raus aus der Gegenwart" bekommt man das schwierige Post-Wort erklärt. Am meisten hilft, sich "Lost Future" mit dem Untertitel "Kampf um die Zukunft" anzugucken. Die deutsch-südafrikanisch-amerikanische Produktion für sieben Millionen Euro ist ein "post-apokalyptisches Action-Abenteuer". Es spielt in 500 Jahren, und der uns heute bekannte Mensch hat in einem halben Jahrtausend so viel Mist gebaut, dass es nur noch wenige Exemplare des Homo sapiens gibt. Es wuchert der Urwald und holt sich die Ruinenlandschaften der Städte zurück.

In dieser fernen Zukunft tragen die verbliebenen Zeitgenossen Tarzanklamotten und "Herr der Ringe"-Outfit, mit Struwwelpeter-Frisur und für den weisen Älteren mit obligatem Rauschebart. Idyllisch ist das naturbelassene Futur-Leben trotzdem nicht. Durch fahrlässige Experimente entstandene, genetisch missratene Kreaturen morden und grunzen wie bekloppt durch die Gegend. Sie machen den letzten Edelexemplaren der uns nahen Homo-sapiens-Brüder und Schwestern das Leben zur Hölle.

Wo ist Barney Geröllheimer?

Schon aus ästhetischen Gründen ist in "Lost Future" (Regie: Mikael Salomon) ein Rassenkrieg geboten - was soll sonst nur aus den schönen Beinen und Brüsten der Tarzanbräute werden und aus den würdigen Weißhaarzauseln, wenn das Mutantengesocks im Barney-Geröllheimer-Fell angreift? Man sieht, die ferne Zukunft sieht ideologisch ganz schön braun aus.

Und weil der Mensch ein Sapiens ist, beschafft er sich gegen die Mutantenangriffe chemische Hilfe. Die bösen Dumpfbacken-Brüder sind nicht nur hässlich und angriffslustig, sie sind auch ansteckend wie Vampire: Ein Biss - und schon verwandelt sich der Gebissene in ein Monster. Dagegen hilft nur ein rechtzeitig eingeatmetes gelbes Pulver, das den Infektionsvorgang stoppt. Dumm nur, dass ein Bösewicht das Pulver hortet und es ihm nur mit Gewalt zu entreißen ist. Und wenn die Quote nicht stirbt, so plaudert sich das geistlose TV-Märchen von einem Nichts zum nächsten.

Verantwortlich für die Produktion zeichnet übrigens Jonas Bauer, der zuvor den Fernsehvierteiler "Die Säulen der Erde" ganz anständig gewuppt hat. An die Ken-Follett-Adpation kann "Lost Future" nicht anschließen. Stücke wie diese sind Feste der Infantilität und einer barbiehaften Schauspielerkultur. Neben namhaften Darstellern wie Sean Bean ("Der Herr der Ringe") agieren glattgesichtige Neulinge wie Sam Claflin, Eleanor Tomlinson, Annabelle Wallis, deren Spiel sich von dem der Mutanten in Ekelmaske kaum unterscheidet.

Das "Lost" im Titel kommt von lausig und Verlust, und die Zukunft ist ein Gestern.

"Lost Future - Kampf um die Zukunft", Sonntag 20.15 Uhr, RTL



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mardas 03.04.2011
1. Sozialdarwinismus
Zitat von sysopVorwärts in die Steinzeit: In dem Science-Fiction-Schocker "Lost Future" auf RTL hat die Menschheit sich selbst fast ausgelöscht. Die letzten*Homo Sapiens kämpfen*verzweifelt gegen genmanipulierte*Monster- und*der kritische*Gehalt des Stoffes geht*dabei unter dumpfem Geholze verloren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,754014,00.html
Tja, schon wieder "Rassenkampf"-Mythologie und falsch verstandener "Kampf ums Überleben". Rein prinzipiell würden die Mutanten nicht mit Krieg, sondern mit Vermehrung und besserer Anpassungsfähigkeit gewinnen, doch man muss eben der natürlichen Auslese eine Absage erteilen und einen rassistischen, hirnverbrannten Actionfilm daraus machen. Aber ich bin mir sicher, die Action ist gut. Und die Brüste der (natürlich weißen) Frauen auch.
Trondesson 03.04.2011
2. .
Habe den Film vor ein paar Wochen im Original gesehen, ganz unterhaltsam und nicht schlecht gemacht, ganz im Gegensatz zu diesem Artikel. Es handelt sich übrigens nicht um "genmanipulierte Mutanten", sondern um Opfer einer weltweiten Seuche, aber ich schätze, das ist wieder einmal in der üblicherweise grottenschlechten deutschen Synchronisation untergegangen.
fm1304 03.04.2011
3. Das passt gut :-)
"In ferner (?) Zukunft hat die übliche Seuche die Menschen in die üblichen Zombies verwandelt, der Rest ist in die Steinzeit zurückgefallen. (Man hat das Lesen verlernt, aber Trendfrisuren und perfektes Make-up hinübergerettet.)" Quelle: TV-Spielfilm
SunSailor 03.04.2011
4.
Zitat von TrondessonHabe den Film vor ein paar Wochen im Original gesehen, ganz unterhaltsam und nicht schlecht gemacht, ganz im Gegensatz zu diesem Artikel. Es handelt sich übrigens nicht um "genmanipulierte Mutanten", sondern um Opfer einer weltweiten Seuche, aber ich schätze, das ist wieder einmal in der üblicherweise grottenschlechten deutschen Synchronisation untergegangen.
Ohne weder den Artikel, noch den Film gesehen zu haben, aber eine Seuche, die, wie in diesem dramaturgischen Fall eigentlich üblich, das Erbgut verändert, erzeugt genau das: Mutanten. Zu denen kann man natürlich stehen, wie man will, so sie einem nicht das Gehirn auslutschen wollen.
Indigo76 03.04.2011
5.
Das Lustige in solchen Filmen ist doch, dass die Mutanten immer die Bösen sind. Aus biologischer Sicht ist das natürlich vollkommener Quark. Ohne Mutationen gäbe es keine Evolution und wir würden immer noch als Einzeller in den Ozeanen herumschwimmen. Und auch wenn uns das schlechte Mutantenfilme erspart hätte, bin ich eigentlich ganz froh, dass ich das Ergebnis von Abermillionen Jahren voller Mutationen bin.
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