TV-Film über Textildiscounter Kik Das schäbige Geschäft der Preisdrücker

Billig, billig, billig: Das ist die Devise des Textilhändlers Kik. Möglich werden die Dumpingpreise durch die miese Bezahlung von Mitarbeitern und Nähern, wie jetzt ein sehenswerter ARD-Film zeigt. Das Unternehmen räumt Fehler ein - doch ist das glaubwürdig?

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DDP

Kik-Chef Stefan Heinig ist eine Art Phantom. Ähnlich wie die Aldi-Brüder scheut der Gründer des Textildiscounters die Öffentlichkeit, er gibt keine Interviews und lässt sich nicht fotografieren. Am Rande einer Aufsichtsratssitzung von Fortuna Düsseldorf haben NDR-Reporter den Mann aufgespürt. Die Szene dauert nur wenige Sekunden, Heinig sagt zwei Sätze, beantwortet keine Frage - und doch ist das Treffen in der Düsseldorfer Hotellobby ein Höhepunkt des Films.

NDR-Mann Christoph Lütgert, 65, zeigt dem Manager ein Foto, zu sehen ist darauf ein kleiner Junge aus Bangladesch, neun Jahre alt, abgemagert bis auf die Knochen, er ist augenscheinlich schwer krank. "Seine Cousine sorgt für ihn, sie arbeitet für Kik", sagt der NDR-Mann zu Heinig. "Und sie kann die Behandlungskosten für das Kind nicht bezahlen, weil sie so wenig verdient." Die Antwort des Kik-Chefs: "Ich weiß schon, was sie wollen. Ich denke mir, das machen wir mal ein anderes Mal."

Öffentlich Stellung nehmen will Heinig nicht. Nicht einmal diese Szene der Konfrontation sollte der NDR zeigen dürfen. Das Unternehmen hatte umfangreich Unterlassung beantragt. Doch die Richter gaben dem NDR in acht von elf Fällen recht: Der NDR darf die Antwort des Kik-Chefs weiter zeigen - genauso wie erschütternde Szenen aus Elendsvierteln in Bangladesch, Bilder von Heinigs Villa in Dortmund und Beschwerden von ehemaligen deutschen Mitarbeiterinnen.

"Eine dreiste Lüge"

Am Mittwochabend, 21.45 Uhr, zeigt die ARD nun den Film "Die Kik-Story - die miesen Methoden des Textildiscounters". Im April wurde eine frühe Fassung der Kik-Story schon einmal im dritten Programm gezeigt - nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch dazu später mehr.

Inzwischen haben die Reporter noch mehr Belege gesammelt - auch als Reaktion auf die Klagewelle von Kik. Christoph Lütgert flog ein zweites Mal nach Bangladesch, in die Hauptstadt Dhaka, traf sich mit den Näherinnen, von denen Kik behauptet hatte, sie seien keine Kik-Näherinnen. "Eine dreiste Lüge", so Lütgert. In einer Textilfabrik, die für Kik produziert, sitzt eine junge Frau an einer Nähmaschine. Es ist Alea, 20, die nicht genug Geld für die Behandlung ihres Cousins verdient. 25 Euro bekommt sie im Monat, dafür produziert sie täglich mindestens neun Stunden lang Kik-Kleidung - Hosen etwa, die der Discounter für zwei bis drei Euro abnimmt und in Deutschland für 9,99 Euro verkauft.

Die Vorwürfe gegen Kik sind zum Großteil bekannt, bereits im vergangenen Jahr enthüllte der SPIEGEL, wie skrupellos der Discounter mit seinen Mitarbeitern umgeht. Kik räumte nun auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE Fehler ein. Das Unternehmen sei in den vergangenen Jahren sehr schnell gewachsen und "in der starken Wachstumsphase haben wir uns ganz auf unser Kerngeschäft konzentriert und sicher Fehler gemacht. Dies bedauern wir außerordentlich." Weiter heißt es in der schriftlichen Stellungnahme: "Wir haben aus der Vergangenheit gelernt und werden zukünftig anders agieren. Erste Schritte sind bereits eingeleitet." Dazu zähle, dass Kik einen neuen Geschäftsführer für die Bereiche Nachhaltigkeit und Unternehmenskommunikation berufen habe. Ziel sei es, das Unternehmen "völlig neu zu positionieren und in Zukunft einen konstruktiven Dialog mit der Öffentlichkeit" zu führen.

Natürlich ist es nicht allein der Textildiscounter Kik, der von den niedrigen Löhnen der Zulieferer profitiert. Es sind viele große Unternehmen aus dem Westen, zum Beispiel auch Jeans-Hersteller Levi Strauss und H&M. Doch Kik gehört laut dem Arbeitsforscher Khorshed Alam zu den schlimmsten Preisdrückern. Er sagt, in den vergangenen Jahren habe sich an den katastrophalen Zuständen in den Fabriken nichts geändert - trotz massiver Kritik. Obwohl der Discounter Besserung gelobt hatte. "Was Kik verspricht und was Kik dann tut, das hat kaum etwas miteinander zu tun", sagt Alam.

Mitarbeiter müssen Müll mit nach Hause nehmen

Auch in Deutschland scheint Kik offenkundig wenig rücksichtsvoll mit seinen Angestellten umzugehen. Das belegen die Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern: Eine Angestellte, die einen Stundenlohn von 4,50 Euro bekam, erzählt, dass in ihrer Filiale sechs Jahre lang die Heizung nicht funktionierte. Aber wehren war nicht drin: "Wenn man den Mund aufmacht, wird man kleingemacht."

Ein weiterer Kronzeuge des Films ist Ex-Manager Guido Hagelstede. Er war für 20 Filialen im Bremer Umland zuständig. Vor zwei Wochen erzählte er in einem "Panorama"-Beitrag, wie er Mitarbeiter entlassen musste, bei denen eine Creditreform-Auskunft negativ ausfiel. Nun beschreibt er, wie er Angestellten nach Feierabend auflauern musste, um ihre Taschen zu kontrollieren. Ob sie auch ja nichts haben mitgehen lassen. Sparen musste er überall, sagt Hagelstede: Nicht einmal Müllgebühren wollte Kik übernehmen, die Mitarbeiter mussten den Müll ihrer Filiale mit nach Hause nehmen.

Konkret wollte sich Kik zu den Vorwürfen nicht äußern, das Unternehmen erklärte nur allgemein: "Für unsere Mitarbeiter sind wir Arbeits- und Chancengeber - wir schaffen sichere Arbeitsplätze mit Perspektive."

Es sind Details wie die Müllgebühren, Zeugen wie Hagelstede, die den ARD-Film sehenswert machen. Die Frage muss erlaubt sein, warum sich die ARD erst jetzt entschlossen hat, die Reportage im Hauptprogramm zu zeigen. NDR-Chefredakteur Cichowicz sagt dazu, die Sendeplätze seien "oft schon lange im voraus vergeben. Wir hätten längere Zeit auf einen Termin warten müssen, und das wollten wir nicht".

So lief "Die Kik-Story" im April im dritten Programm - mit einer Quote von knapp sechs Prozent. Dieses Mal sollten mehr Zuschauer hinsehen.


Mittwoch, 21.45 Uhr, ARD: "Die Kik-Story - die miesen Methoden des Textildiscounters"

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Seite 1
Volker Gretz, 04.08.2010
1. Es gibt in Politik und Wirtschaft keine Glaubwürdigkeit
Zitat von sysopBillig, billig, billig: Das ist die Devise des Textilhändlers Kik. Möglich werden die Dumpingpreise durch die miese Bezahlung von Mitarbeitern und Nähern, wie jetzt ein sehenswerter ARD-Film zeigt. Das Unternehmen räumt Fehler ein - doch ist das glaubwürdig? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,709922,00.html
Keine Aussage eines/r Manager/in oder Politker/in ist glaubwürdig, wenn nicht unmittelbare Gefahr droht im Zuchthaus zu landen oder mit dem perönlichen Vermögen zu haften.
dashaeseken 04.08.2010
2. Es gibt nur eine Sprache, die KIK versteht
Zitat von sysopBillig, billig, billig: Das ist die Devise des Textilhändlers Kik. Möglich werden die Dumpingpreise durch die miese Bezahlung von Mitarbeitern und Nähern, wie jetzt ein sehenswerter ARD-Film zeigt. Das Unternehmen räumt Fehler ein - doch ist das glaubwürdig? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,709922,00.html
Wenn es geschafft würde, daß niemand mehr dort den Billigschrott einkauft....
hanky38 04.08.2010
3. Guidos Freunde
Genau diese Typen sind es, die Typen wie Westerwelle und seine neoliberalen Murkser wählen. Genauso stellt sich Hr. Westerwelle freie Marktwirtschaft so und 14,6% der Wähler sind im vergangenen Herbst auf solche Gauner reingefallen.
Schah_Schlick 04.08.2010
4. Steht doch heut auch auf SPON
Passend zum Interview mit Roland Springer, http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,709995,00.html , (BTW ist das ein Pseudonym, das Beste aus Roland Berger und Axel Springer sozusagen?) formuliere ich: "Nicht geschimpft ist Lohn genug!" Also kik, da geht noch was :-D
klangholz 04.08.2010
5. Die Werbepromis von Kik sind schon Antiwerbung genug
Verona Poth, Jürgen Milski, beide stehen dem kriminellen Milieu nahe: Der Ehemann von VP vorbestraft, sie eine dubiose Heiratsschwindlerin (Scheidung von Bohlen in Rekordzeit, öfentliche Krokodilstränen bei Kerner). JM arbeit als Saufliedermusikant und als Moderator getarnter Trickbetrüger bei einem Abzocksender. Da weiss man sofort was man von diesem Laden halten muss.
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