TV-Kritik zur Debatte der Kleinparteien "Sorry, wir versuchen jetzt, hier Gas zu geben"

Im Schlagabtausch der kleineren Parteien waren fünf Minuten informativer als 97 zwischen Schulz und Merkel. Das lag vor allem an den Moderatoren - sie präsentierten den Wahlkampf tatsächlich als spannende Sache.

Nitsche, Mikich, Wagenknecht, Özdemir, Herrmann, Lindner, Weidel
DPA

Nitsche, Mikich, Wagenknecht, Özdemir, Herrmann, Lindner, Weidel


Ach, so geht das also. Christian Nitsche (BR) und Sonia Mikich (WDR) hüteten gemeinsam nicht nur einen wesentlich größeren Flohzirkus als vier ihrer Kollegen am Vortag im desaströsen TV-Duell der Kanzlerkandidaten. Es gelang dem Duo auch, den Wahlkampf als spannende Sache zu präsentieren. So richtig mit konkurrierenden Weltanschauungen in politischer Auseinandersetzung.

Mikich und Nitsche waren zunächst spürbar bemüht, im "Fünfkampf" der kleineren Parteien alle Fehler zu vermeiden, die beim TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz gemacht worden waren. Hier kamen alle Fragen zur Sprache, die andernorts gefehlt hatten: Umwelt, Rente, Mietpreise. Und siehe da, sogar ein harmloses Bällchen wie die Digitalisierung lässt sich scharf anschneiden. Mikich an Weidel: "Twitter und Facebook, da ist die AfD ja sehr aktiv. Können Sie auch Glasfaser?"

Gestattet waren kurze Statements mit entsprechend klarer Kontur, bei allzu langen Ausführungen wurden die Moderatoren höflich deutlich: "Jetzt werden Sie sehr breit in der Argumentation." Das konzentrierte Abhaken gesetzter Themen brachte die talkshowgewohnten Politiker sichtlich ins Schwimmen. Joachim Herrmann (CSU) verschanzte sich komplett hinter der brennenden Barrikade eines besorgniserregenden Dauerlächelns. Christian Lindner (FDP) verdutzt: "Ich darf jetzt nichts sagen zu Wohnen und Euro?" Cem Özdemir (Grüne), von der Seite: "Ich durfte auch nichts zur Digitalisierung sagen…"

"Ja, viel Glück dann im Bundestag"

Bei erhöhtem Gesprächsdruck trat Mikich auch mal deutlicher auf die Bremse, was nicht ohne Unterhaltungswert war: "Sie können nach der Sendung diese Frage gerne noch vertiefen." Lindner frech: "Im Bundestag!" Mikich, innehaltend und Lindner in den Blick nehmend: "Ja, viel Glück dann im Bundestag." Ansonsten galt: "Ich versuche jetzt mal einen Schlussstrich zu ziehen", und dann wurde auch ein Schlussstrich gezogen und - zack! - kam die Rente.

Nach dem Motto "Nein, I'm sorry, wir versuchen jetzt, hier Gas zu geben" ging es zügig, aber nie hastig oder auf Kosten des Informationswerts zu. Vor allem deshalb, weil die Moderatoren hervorragend vorbereitet waren. Da brauchte es keinen nachträglichen "Faktencheck" hinter den Kulissen, das hatte eine Mikich alles im Kopf. Als Sahra Wagenknecht das österreichische Rentensystem als Vorbild pries, korrigierte Mikich mit gleich verschiedenen Hinweisen auf die völlig andere Lage in diesem Land.

Bullshit wurde sofort als Bullshit entlarvt. Als Alice Weidel zum Beispiel beim Thema Diesel ("Wir bauen einfach die besten Motoren!") die lahme "Fake News" über angeblich dubiose Grenzwertbemessungen der Luft in Innen- und Außenräumen verbreitete, fiel ihr Mikich ins Wort: "Sie dürfen weiterreden. Aber: Das. Ist. Falsch."

Gefragt, geantwortet

Von einem Christian Lindner würde man gerne wissen: "Wie soll jemand mit 1200 Euro netto privat vorsorgen?" Gefragt, geantwortet. Von einer Sahra Wagenknecht möchte man gerne wissen, wie es die Linke mit völlig offenen Grenzen hält. Gefragt, geantwortet. AfD und Flüchtlinge? Hier erfuhren wir auf Nachfrage, dass die Partei gerne die Genfer Konventionen neu verhandeln will und "nichts dagegen spricht", dass Soldaten auf Bahnhöfen patrouillieren.

Was denn mit den Menschen sei, die laut Asylrecht hier bleiben dürften? Weidel schmunzelnd: "Ja, also, ähm, erstmal", bemängelte den Umstand, dass viele dieser Menschen "keine Papiere" haben. Nitsche, in vorschlagendem Ton: "Die ja untergehen? Vielleicht? Auf dem Weg übers Mittelmeer?" Beim Duell der Kanzlerkandidaten stand die AfD als grinsendes Gespenst in den Kulissen. Hier stand sie persönlich am Pult - und demontierte sich selbst.

Wir erfuhren überdies, dass für einen nervösen Lindner "Pöller" der Plural von Poller und, dank geistesgegenwärtiger Tonregie, die FDP in inhaltlichen Fragen der Wohnpolitik durchaus koalitionsfähig mit der AfD ist. Weidel seitwärts flüsternd, während Wagenknecht noch den liberalisierten Markt geißelte: "Wollen Sie? Ja? Bitte!"

Überraschung zum Schluss

Zuletzt wurden die Kandidaten mit der Möglichkeit überrascht, einen beliebigen Mitbewerber ins Kreuzverhör nehmen zu dürfen. Das war sportlich und erhellend zugleich. Die konfrontative und straffe Gesprächsführung erweckte den Eindruck, dass hier in fünf Minuten mehr und informativer debattiert wurde als in 97 Minuten zwischen Schulz und Merkel.

Irgendwann im Verlauf der Debatte, es sprach gerade die lächelnde AfD-Roboterin, da schweiften die Gedanken ab und hin zur genervten, aber gerechten Sonia Mikich. Ob die nicht auch mal ein "großes" Duell moderieren könnte?

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels hatten wir den Verweis auf das österreichische Rentensystem Cem Özdemir zugeschrieben. Er kam aber von Sahra Wagenknecht.

insgesamt 36 Beiträge
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Eddy_Duane 05.09.2017
1.
Das sind ja auch nur Menschen (Ist das jetzt schon eine Beleidigung?). Leider mag ich diesen Leuten kaum ein Wort glauben, was sie da von sich geben - teils aus Erfahrung, teils aus gesundem Menschenverstand (höchstwahrscheinlich ist es dasselbe). Politiker und Vorgesetzte (sprich: Chefs, Manager, Vorstände) haben ein unglaubliches sprachliches Talent, für die einzelne Person negative Perspektiven positiv darzustellen.
rumpyho 05.09.2017
2. Ja - das hat Spaß gemacht ..
.. es war deutlich unterhaltsamer als das Kanzler Duell am Vorabend und den Moderatoren gelang es auch mehr, die Interviewten mal aus dem Konzept zu bringen. Einen klaren Sieger gab es aber nicht - einen klaren Verlierer aber auch nicht. Selbst die Dame aus der AfD verhielt sich relativ geschickt . Und Auch danach bei Plaßberg ging es munterer zu als am Vorabend - deshalb mein Fazit: Ein Kanzler Duell wie gestern braucht kein Mensch, lieber eine Gesprächsrunde mit mehr Parteien und frecheren Moderatoren - aber darauf würde sich Frau Merkel ja nicht einlassen.
WeissAuchAllesBesser 05.09.2017
3.
Für mich war das Klamauk ohne Tiefgang. Wer sich auch nur ein wenig für Politik interessiert, dürfte in den 75 Minuten nichts Neues gehört, vor allem aber auch nichts Neues über die Kandidaten erfahren haben. Was nützt eine "scharf angeschnittene" Frage, wenn man die Antwort darauf schon vorher erraten kann? Welchen Mehrwert bietet "Gefragt, geantwortet", wenn die Diskussion auf der Strecke bleibt? Vielleicht versetzt die Erkenntnis, dass es sich bei Joachim Herrman um kein Top-Model handelt ja wirklich jemanden in Verzückung; aber wäre derjenige dann beim Big-Brother-Model-Programm nicht wesentlich besser aufgehoben gewesen?
scx 05.09.2017
4. Herr Frank...?!
...entschuldigen Sie Bitte, aber scheinbar ist Ihre Vorstellung von einer vernünftigen Debatte alles andere als nachvollziehbar. Dieses TV-Duell der "Kleinen" war absolut nervenaufreibend. Nicht wegen dee Antworten der Kandidaten, die man in den Wahlprogrammen oder per Wahl-o-mat selbst nachvollziehen kann, sondern der desaströsen selbstgerechten Gesprächsführung dieser beiden "Moderatoren". Jegliche anregende Diskussion wurde im Keim erstickt, nur um den strengen, typisch deutschen Programmablauf einzuhalten. Wer wieviel Redezeit hatte stand eindeutig zu sehr im Vordergrund, neben ein wenig AfD-gebashe, was ich nicht sonderlich schlimm finde. Insgesamt ein katastrophales Fernsehformat, das meiner Meinung nach keinen Unentschlossenem helfen oder Nichtwähler an die Wahlurne bringen kann. Vielleicht kennen Sie ja einen der Moderatoren persönlich und loben deswegen dieses Chaos. Ihre sachliche Meinung darüber muss man aber stark anzweifeln.
Holsteiner2 05.09.2017
5. So baut man die AFD auf.
Ich habe das Duell leider nicht live verfolgen können. Wenn ich den Artikel lese weiß ich, dass die AFD sich selbst demontiert hat, dass Alice Weidel ein Roboter ist. Es fehlt jedoch die Begründung: warum hat die AFD sich selbst demontiert, warum ist Alice Weidel ein Roboter?
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