TV-Kommissarin Maria Simon: Verbrecher verprügeln, Familie füttern

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Der Revolver steht ihr gut: Hochkonzentriert wie keine andere jagt Maria Simon durch Gewaltszenarien, dafür ist die 35-Jährige jetzt "Polizeiruf"-Ermittlerin geworden. Im echten Leben geht nichts über ihre stetig wachsende Familie - auch wenn sie wirtschaftlich schon oft am Abgrund stand.

Action-Aktrice Maria Simon: Immer am Limit Fotos
DPA

Maria Simon ist schwanger, im sechsten Monat. Keine große Sache, ist ja schon das vierte Mal. Letzte Woche stand sie von morgens bis abends auf dem Set, nächste Woche wird sie es wieder tun. Jetzt, an ihrem einzigen drehfreien Tag, sitzt sie mit Bäuchlein in einem Café ihrer Nachbarschaft im supergrünen Teil von Berlin-Pankow und soll zu allem Überfluss auch noch darüber sprechen, wie es ist, bei Dreharbeiten schwanger zu sein. Macht aber nichts, da ist sie Profi.

Hat sie schon mal in anderen Umständen gedreht? "Nur einmal zuvor, das war aber total scheiße", sagt Simon, da habe sie sich einfach nicht auf die besondere Situation eingelassen. Jetzt, beim vierten Kind, ist sie schlauer. Zurzeit dreht sie im beschaulichen Beelitz eine weitere Folge des neuen Brandenburger "Polizeiruf 110". "Ich versuche einfach, all die Stimmungen, die man so hat, in die Rolle einfließen zu lassen. Die Müdigkeit, den Hunger, die Launen. Da gibt es viel Material. Am Set sind alle wahnsinnig freundlich, das ist beinahe schon eine Art Luxusschwangerschaft."

Der Drehalltag als Urlaub von der Familie? "Na, auf jeden! Ehrlich gesagt genieße ich es, da draußen in Brandenburg in der freien Natur zu drehen. Kinder weit weg, Ruhe im Karton", sagt sie und blinzelt zufrieden in die Sonne über Pankow. "Beelitz ist ein süßer kleiner Ort. Die Vögel singen, die Luft ist so gut, die Bäume grünen. Da vergesse ich sogar den Drehstress."

Hartz IV ist um die Ecke

Wenn Maria Simon über ihren neuen Job als Kommissarin im altehrwürdigen "Polizeiruf" spricht, klingt das nicht nach der nationalen Aufgabe, die viele andere darin sehen. Ist halt 'n Job. Und wird als solcher professionell abgearbeitet. Die Aufregung der anderen nimmt sie eher verwundert zur Kenntnis. Vielleicht auch deshalb, weil ihr Ehemann Bernd Michael Lade, mit dem sie in Pankow samt der drei schon geborenen Kinder in einer umgebauten Kirche wohnt, alle Hochs und Tiefs des Fernsehkommissardaseins kennt: Bis 2007 war der Schnodderkopp neben Peter Sodann im Leipziger "Tatort" zu sehen - bevor das angenehm ostdeutsch anmutende TV-Revier zugunsten eines gesichtslos-gesamtdeutschen abgewickelt wurde.

Den neuen Job betrachtet Maria Simon also extrem nüchtern. "Es gibt zwei interessante Aspekte", erklärt sie. "Erstens: der künstlerische und die Chance, über eine längere Zeit, eine Figur entwickeln zu können. Zweitens: der wirtschaftliche. Mit zwei freischaffenden Schauspielern eine immer größer werdende Familie am Laufen zu halten, ist kein Zuckerschlecken. Da ist so eine sichere Einnahmequelle wie ein Sechser im Lotto."

Wenn man mit Maria Simon spricht, redet man eigentlich kaum über die Arbeit. Sie hat in einigen der wichtigsten Gegenwartsfilmen mitgespielt, als Grenzschützerin in Hans-Christian Schmids Ostwest-Panorama "Lichter" (2002) etwa, als Polizistin in Sabine Derflingers Schmugglerdrama "Kleine Schwester" (2004) oder als Feldjägerin in Peter Keglevic' brisantem Bundeswehrthriller "Kongo" (2010). Überall wo die Berliner Republik riskant an ihre Grenzen stößt, ist sie bereits im Fernseheinsatz gewesen. Den großen gesellschaftspolitischen Auftrag will Simon ihrer Arbeit aber nicht zuschreiben, irgendwie läuft im Interview im sommerlich-trägen Pankow alles aufs Thema Familie hinaus.

Während man also versucht, sie über ihren Job auszuhorchen, beginnt sie im Gegenzug, den Interviewer über dessen Privatleben auszufragen: Wie viel Kinder hat man denn? Wie alt sind die? Und wird es nicht mal Zeit für ein weiteres? Entschuldigung, stichelt Maria Simon, da geht ja wohl noch eins!

"Ich wollte immer eine große Familie", erklärt sie und streicht energisch über ihr Bäuchlein. "Ich wusste immer, dass ich das freie Künstlerleben und viele Kinder zusammenkriegen wollte. Ganz ehrlich: In den letzten Jahren ging es immer wieder auf und ab. Wir wussten manchmal nicht, wie wir über den nächsten Monat kommen. Das Konstrukt, das wir leben, kann jeden Tag kippen. Hartz IV ist gleich um die Ecke."

Punk und Profession

Kein Grund für sie, nicht weiterzuträumen. Mit Bernd Michael Lade, mit dem sie seit sieben Jahren verheiratet ist, arbeitet Simon nicht nur daran, die Familie durchzubringen, sondern sie wuppt mit ihm auch Projekte, die definitiv kein Geld abwerfen. Lade, Jahrgang 1964, war ein wichtiger Chronist der Punkszene in der DDR; Simon, Jahrgang 1976, wuchs als Tochter von ostdeutschen Uno-Mitarbeitern in einem Kader-Internat und bei der Großmutter in Leipzig auf. In ihrer gemeinsamen Punkband Ret Marut singen die beiden Lieder wie "Sommer der Anarchie" und versprühen ein bisschen den düsteren Glanz der DDR-Musik-Legende, die wir ihr Stadtviertel heißt: Pankow.

Gerade haben die beiden auch noch einen Film abgedreht, er als Regisseur, sie als Mädchen für alles. "Eine No-No-Budget-Produktion", wie Simon nicht ohne Stolz verkündet. "Wir haben die komplett ohne Unterstützung durchgerockt. Ein Kammerspiel über eine Polizeibehörde in der DDR in den achtziger Jahren. Ein absoluter Schauspielerfilm."

Frau Simon, nervt es nicht manchmal, mit dem Typen, der die Kinder mitverwaltet, auch noch den Proberaum und den Filmset zu teilen? "Nee", sagt die Schauspielerin, "alles eine Sache des Trainings. Klar, da gibt es schon mal Zoff, den finde ich in Maßen aber inspirierend. Der macht die Beziehung ja stärker, sowohl privat als auch künstlerisch." Und weil der Interviewer ihr noch nicht stark genug in Sachen familiärer Symbiose missioniert scheint, ergänzt sie: "Meine Familie hat mich professionalisiert. Ich mache das Bestmögliche aus den Angeboten, die ich bekomme. Meine Kinder und mein Mann sollen sich nicht schämen, wenn sie mich im Fernsehen sehen. Das sind ja meine schärfsten Kritiker."

Tatsächlich ist es erstaunlich, mit welcher Präsenz Maria Simon auch in zweitklassigen TV-Programmen auftritt. Um sie herum scheint alles nur ans Catering zu denken, aber sie jagt hochkonzentriert auch durch den fahrigsten TV-Krimi. "Beim Film reden ja so viele Menschen mit", sagt sie, "es gibt so viele Instanzen, die alle meinen, ihren Senf dazugeben zu müssen. Da musst du fokussiert sein; du darfst dich nicht aus dem Takt bringen lassen, weil irgendjemand etwas labert."

Muttern will mal richtig zulangen

Diese Down-to-earth-Haltung zeitigte bei Maria Simon in den letzten Jahren einige echte Höhenflüge. Ihr Körper scheint bis in die letzte Faser angespannt, Gewaltszenarien spielt sie mit einer unerhörten Feinnervigkeit: Man darf sie die deutsche Jodie Foster nennen. Im Angesicht der abstrusesten Bedrohung entwickeln ihre Figuren eine unglaubliche Gegenwärtigkeit. Man nehme nur Christiane Balthasars waghalsig konstruierten Militärthriller "Fürchte dich nicht" (2007), wo es um Experimente mit angsthemmenden Medikamenten geht. Oder Kai Wessels Vergewaltigungs-Thriller "Es war einer von uns" (2010), wo Simon als Opfer Jagd auf ihren Peiniger in der eigenen Clique machen muss.

Die Angst steht ihr gut - der Revolver übrigens auch. Kaum ein Film, in dem Simon nicht mit Handfeuerwaffe oder größerem Kaliber unterwegs ist. Bei diesem Thema aber winkt sie genervt ab: "Immer diese Revolver! Das ist überhaupt nicht cool. Ich finde es ja schon gut, wenn man ein anderes Instrument hat als eine Waffe." Welches denn zum Beispiel? "Naja, ich mache ja seit ein paar Jahren Aikido." So würde es ihr sehr entgegenkommen, wenn das bei einem der nächsten "Polizeirufe" zum Einsatz käme. Bis dahin müssen die Drehbuchautoren sowieso noch die aktuellen Entwicklungen bei der realen Maria Simon (die Schwangerschaft und die Folgen) ihrer fiktiven Kommissarin Olga Lenski anpassen: Eine Kampfsport betreibende Mutter wäre ja tatsächlich ein neues, originelles Ermittlerinnenprofil.

Lust auf mehr Körpereinsatz im Film? "Auf jeden Fall! Ich würde schon gerne mal richtig kämpfen, körperlich werden, austeilen. Bis jetzt ist es ja eher so, dass ich einstecken muss. Als Vergewaltigungsopfer oder als gepeinigte Soldatin. Da wäre es nur gerecht, wenn ich demnächst selber mal zulangen dürfte."

Dann schwingt sich Maria Simon in Anbetracht der Kugel unter ihrem Kleid erstaunlich behände aufs Fahrrad und düst in den sonnigen Pankower Nachmittag davon. Einmal dreht sie sich noch um und ruft: "Ach so, bitte das Kinderkriegen nicht vergessen!"

"Polizeiruf 110: Die verlorene Tochter", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 13 Beiträge
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1. eine schande fürs Aikido
saako 26.06.2011
Auf jeden Fall! Ich würde schon gerne mal richtig kämpfen, körperlich werden, austeilen in älteren jahren irgend nen kampf"sport" lernen und dann meinen, man könnte in echt was dies hat schon mancher mit dem leben bezahlt.
2. und dafür meine GEZ-Steuern?
artikel.5 26.06.2011
Welcher Hirni schaut sich den ganzen inflationär über uns schwappenden Krimi-Müll eigentlich noch an? Die Drehbücher sind so realistisch wie Grimm´s Märchen aber politisch korrekter, am Ende siegt das Gute, und der brave Michel geht beruhigt zu Bett. Gute Nacht allerseits!
3. .
alexbln 26.06.2011
ihren mann hab ich gern gesehen- schade das der polizeiruf abgesetzt wurde, aber der hat sicher einigen herren politische nicht gepaßt. naja dafür gibts bald jauch als gez-bezahlten großverdiener von meinen abgezockten gez-gebühren.
4. Tolle Schauspielerin
hatem1 26.06.2011
und eine sympathische Frau. Und nicht so überspannt wie manch deutsche Groß(selbst)darstellerin. Ich bin gespannt auf den Polizeiruf.
5. +++
hornbeam 26.06.2011
Zitat von artikel.5Welcher Hirni schaut sich den ganzen inflationär über uns schwappenden Krimi-Müll eigentlich noch an? Die Drehbücher sind so realistisch wie Grimm´s Märchen aber politisch korrekter, am Ende siegt das Gute, und der brave Michel geht beruhigt zu Bett. Gute Nacht allerseits!
Aber so was von ;-) Jede Folge Sesamstraße ist spannender und unterhaltsamer als Tatort und Co. von heute. In den 70ern konnte man sowas zuletzt noch gut ansehen...;-N
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