TV-Krieg in den USA: Dich fress ich zum Frühstück

Von Gregor Peter Schmitz, New York

Zum Kaffee am Morgen eine kleine Keiferei gefällig? Mit den "Morning Shows" verdienen die US-Fernsehsender ein Vermögen. Umso blöder, wenn die familienfreundliche Fassade des Frühstücks-TV plötzlich bröckelt, weil sich die Moderatoren gegenseitig mit Dreck beschmeißen.

TV-Krieg in den USA: Guten Morgen, miese Stimmung! Fotos
AP/ NBC

Brian Stelter, 27, weites Hemd und Bubi-Gesicht, wirkt im ehrwürdigen Redaktionswolkenkratzer der "New York Times" eher wie ein Praktikant. Doch Stelter, Medienkolumnist der "Times", bringt derzeit wie kein anderer Reporter Amerikas Fernsehgewaltige um den Schlaf. Über den Grund darf er nur in Andeutungen sprechen. "Vor dem Erscheinen meines Buches am 23. April ist mir jede Aussage untersagt", gibt Stelter gewunden zu Protokoll - er klingt, als seien von ihm Enthüllungen zu den Geheimcodes für die Zündung der US-Atomwaffen zu erwarten.

Doch es droht Sprengstoff ganz anderen Kalibers: Stelters Buch "Top of the Morning" ist als Enthüllungswerk über den beinharten Konkurrenzkampf im US-Frühstücksfernsehen angekündigt, in den Vereinigten Staaten eine der wichtigsten Sendezeiten des Tages. Wenn es draußen noch dunkel ist, geht es drinnen im Studio schon um jede Menge Geld. NBC's "Today"-Show, viele Jahre Marktführer, spült mit seinem dreistündigen Mix aus Nachrichten, Kochrezepten und Promi-Plaudereien jährlich rund 500 Millionen Dollar Umsatz in die Kassen des Senders. Der Erzrivale "Good Morning America" von ABC bewegt sich in ähnlicher Preisklasse.

Harmonie zelebrieren

Entsprechend gefürchtet ist bei den TV-Bossen jeder kritische Blick hinter die Kulissen. Das Erfolgsrezept der Morgensendungen beruht darauf, dass die Zuschauer die Menschen auf dem Schirm wie Mitglieder ihrer eigenen Familie wahrnehmen - wenn Amerika aufsteht, sollen diese Harmonie zelebrieren. Als Vorstand von "America's First Family" (NBC) fungiert seit 1997 Matt Lauer, geschätztes Jahresgehalt 25 Millionen Dollar. Geschmeidig moderiert er erst auf "Today" die Nachrichten des Tages, um kurz darauf mit seinen Co-Moderatorinnen über Kochrezepte zu fachsimpeln. Und wenn es lustig werden soll, erteilt Lauer, 55, dem "Weather Man", dem ulkigen Hausmeteorologen, das Wort.

Doch plötzlich hängt bei NBC der Haussegen schief. Es stellte sich nämlich heraus, dass der nette Kerl Lauer gar nicht so nett ist. Der Auslöser, wie ihn Stelters Buch im Detail erläutern will: Lauer mochte seine Co-Moderatorin Ann Curry nicht, die ihm sein Sender 2011 an die Seite stellte. Und er zeigte dies ziemlich offen in der Show.

Hinter den Kulissen soll Lauer zudem gezetert haben, Curry müsse weg. Als die Sender-Bosse der Bitte nach nur einem Jahr nachkamen, weinte Curry zum Abschied vor laufender Kamera - und zeigte Lauer die kalte Schulter, als er sie trösten wollte. Ein gespenstischer Auftritt. Das "New York Magazine" schrieb, auf NBC-Mitarbeiter habe Curry wie eine Selbstmordattentäterin gewirkt, die sich tödlichen Sprengstoff umbinde, um Lauer und die Sendung in die Luft zu jagen.

Niemand mag Lauer mehr

Wenn es ein Racheplan war, so hat er funktioniert: Haften blieb bei den Zuschauern, dass Strahlemann Lauer auch eine dunkle Seite hat. Vor allem, weil er sich als Ersatz für die anerkannte Journalistin Curry eine jüngere TV-Dame an die Seite holte, die ihn gerne mal anhimmelt. Die "New York Times" urteilte streng: "Mr. Lauer mag 1997 seinen Job als der schlaue lustige Bruder der Sendungsfamilie angefangen haben. Doch derzeit wirkt er eher wie der gemeine Onkel."

Rivale "Good Morning America" sah seine Chance: Die Sendung bemühte sich, familiären Zusammenhalt zu demonstrieren, indem es den Genesungsprozess einer an Krebs erkrankten Co-Moderatorin mit der Kamera tränenreich begleitete. Prompt übernahm "GMA" dauerhaft die Führung im ewigen Quotenrennen - während "Today" nach Currys traurigem Abschied eine halbe Million Zuschauer einbüßte. Insbesondere weibliche Zuschauer wandten sich verärgert ab. Der "Today"-Umsatz ist um etwa 50 Millionen Dollar geschrumpft.

Schon wird nun über Lauers bevorstehende Ablösung spekuliert, vor allem wenn Stelters Buch Ende April die Debatten neu anheizen sollte. Boulevardblätter wärmen bereits genüsslich Gerüchte über eine Affäre des verheirateten Moderators auf, die schön zum neuen Buhmann-Image passen.

Gut möglich, dass das "mächtigste Nachrichtengesicht" Amerikas, wie das Fachblatt "Hollywood Reporter" Lauer noch voriges Jahr nannte, wegen ein wenig Zickigkeit die Amerikaner schon bald nicht mehr beim Aufstehen begleiten darf. "Jeder will ihm nur noch ins Gesicht schlagen", schreibt der Medienblog Dlisted.com. "Niemand mag Matt Lauer mehr."

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