TV-Krimis aus Hamburg und Leipzig Showdown im Plattenbau

Afrika vor der Haustür: Gleich zwei Krimis beschäftigen sich dieses Wochenende mit der Flüchtlings- und Bürgerkriegsproblematik. Doch während der "Tatort" unter dem schweren Thema ächzt, kommt "Nachtschicht" mit Wut und Wucht daher - auch dank des großartigen Götz George.

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Hamburg hat auch schon mal verheißungsvoller ausgesehen: Vom dunklen Laderaum im Lieferwagen geht es in diesem Film direkt ins grelle Licht einer Pizzaküche am Stadtrand, von einer Eppendorfer Altbauwohnung auf die düsteren Flure eines Polizeireviers. Zwei Bewegungen werden nachgezeichnet, so etwas wie eine Ankunft gibt es am Ende nicht: Lola Obasi (Hadnet Tesfai) aus Nigeria wird von Schleusern (unter anderem Götz George) über Tirol nach Hamburg verfrachtet, wo sie an der Spüle eines Edel-Italieners landet; ihre Schwester Marie France Amadou (Dominique Siassia) lebt ohne Papiere in der Stadt und verdingt sich als Kindermädchen bei reichen Leuten. Die Gefahr der Abschiebung ist immer präsent.

Der Hamburger Autor und Regisseur Lars Becker, der schon für den letzten Kurtulus-"Tatort" die Stadt von ihrer unschönen Seite ausleuchtete, findet in "Reise in den Tod", der neuen Folge seiner ZDF-Reihe "Nachtschicht", starke Bilder für die Unbehaustheit seiner beiden Heldinnen. Das überwiegend gediegene hanseatische Setting ist vertraut, aber aus der Sicht der Flüchtlinge erscheint es bedrohlich. Keine Nächstenliebe, nirgends.

Das Eppendorfer Besserverdienenden-Refugium mit geöltem Dielenboden etwa wird für Marie France zum Gefängnis: Ihr Arbeitgeber vergewaltigt sie, anzeigen kann sie ihn nicht. Lola sucht derweil bei einer alten Hamburger Freundin Unterschlupf, wird aber von deren Mann vor die Tür gesetzt. Gespielt wird dieser ungastliche Bursche vom HipHop-Tanzbär Das Bo, der seine Rolle als norddeutschen Oberspacko anlegt, trocken und unsympathisch.

Deutscher Botschafter des globalen Schreckens

Dass solche Gastauftritte nicht die Geschichte sprengen, spricht für die Inszenierungskünste Lars Beckers. Der Regisseur - mit Punk sozialisiert und später vom HipHop infiziert - weiß, wie er subkulturelles Personal in seine Filme integriert, ohne dass die vom eigentlichen Thema ablenken. Typen wie Das Bo bringen Bewegung in einen Stoff, der im deutschen Fernsehen sonst gerne zum ungelenken Redlichkeitskrimi verwurstet wird. Man erinnere sich nur an den Afro-"Tatort" aus Ludwigshafen vor einem halben Jahr, diesen Rückfall in gut gemeinten Exotismus, der bei allen bunten Gewändern und bei drolligem Getrommel doch nur den Schrecken des Fremden beschwor.

Bei Becker sind die schwarzen Figuren mehr als ethnische Abziehbilder. Sie werden inszeniert als Wanderer zwischen den Welten, die an der Abschiebepraxis zu zerbrechen drohen. Wo ist zu Hause? Lola etwa ist in Hamburg aufgewachsen, bevor sie von den Behörden nach Nigeria verfrachtet wurde, der Heimat ihrer Eltern. In Laos, wo sie als DJ im Radio arbeitete, kennt sie sich genauso aus wie im Hamburger Schanzenviertel. So werden in "Reise in den Tod", der am Freitag Vorpremiere bei ZDFNeo feiert und am Montag regulär im ZDF läuft, die globalen Probleme direkt vor unserer Haustür verhandelt.

Selbiges versuchen auch die Macher des neuen Leipziger "Tatort", der am Sonntag läuft: In der Episode "Todesbilder" (Buch und Regie: Miguel Alexandre) ist es ein traumatisierter Kriegsfotograf, der die Schrecken afrikanischer Bürgerkriegsfriedhöfe nach Deutschland trägt. Verknüpft wird dieses Motiv allerdings mit einem plumpen Plot: In der Stadt geht ein Psychopath um, der Menschen aus dem Leben befördert, die ihm allzu glücklich erscheinen. Vor dem Todesstoß knipst er sie noch mal.

Eben deshalb fällt der Verdacht in diesem ächzendem Whodunit sehr schnell auf den Kriegsfotografen (Merab Ninidze), der zudem einst die große Liebe der Ermittlerin Saalfeld (Simone Thomalla) gewesen ist. Nachdem diese in der letzten Folge ihren eigenen Vater als einstigen Stasi-Schergen überführte, muss sie diesmal also den zwielichtigen Lover von einst vom schrecklichen Verdacht befreien. Der agiert jedoch so traumatisiert, dass man sowieso nur noch Mitleid mit ihm hat. Ein Klischee von einem Knipser.

Interessanter angelegt ist da in "Nachtschicht" der deutsche Botschafter des globalen Schreckens: der ehemalige Fremdenlegionär Bruno Markowitz, der für ein Menschenhändler-Kartell Flüchtlinge aus Krisengebieten wie Somalia, Eritrea oder Senegal nach Hamburg schmuggelt. Weil der Schlepper von Götz George gespielt wird, kann man gut 90 Minuten damit verbringen, ihm bei seiner zweifelhaften Arbeit zuzuschauen.

Wie vor kurzem in Andreas Kleinerts Stricher-Krimi "Nacht ohne Morgen" strengt sich George nicht übertrieben an, seinen Markowitz als Guten oder als Schlechten darzustellen. Er schiebt die Flüchtlinge ruppig in seinen Transporter, er zählt ruhig das ihm zustehende Geld, aber er übernimmt auf einmal auch Verantwortung für Lola und Marie France, für die er später in seiner kargen Wohnung in einer Plattenbausiedlung gegen die Schlepperband ins letzte Gefecht zieht. Weshalb sich einer wie Markowitz für die Deutsch-Afrikanerinnen einsetzt? Schwer zu sagen. Vielleicht, weil sie sind wie er: heimatlos.


"Nachtschicht: Reise in den Tod", Freitag, 21.50 Uhr, ZDFNeo + Montag, 20.15 Uhr, ZDF
"Tatort: Todesbilder", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 18 Beiträge
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manometer 13.01.2012
1. dröge, bräsig, miefig
ist die an den Haaren herbeigezogene, pc-triefend-erzieherische Krimikost Monokultur, die uns ÖRR Untertanen, nur noch und ausschließlich, serviert wird. Hast du einen gesehen, hast du alle gesehen. Menscheln muss es bis zum Anschlag und damit beim menscheln das Menschliche nicht zu kurz kommt, sind alle Figuren menschlich hochaufgeladen, um auch der menschlichen Seite des Menschelns eindringlich und nachhaltig zur erzieherischen Wirkung zu verhelfen. Abgedreht werden die immer gleichen Szenen, lediglich etwas variiert: stets läuft oder arbeitet der Zeuge/Verdächtige bei der Befragung durch den Kommissar, um diesen dann stehenzulassen – stets müssen ein oder mehrere Dialoge beim Essen, mit vollem Mund schmatzend geführt werden – stets gibt's einen Anschiss vom Chef. Damit auch der Pepp zu seinem Recht kommt, verkehren Zeugen/Verdächtige vorzugsweise in Stripplokalen, als Gegensatz zum bis ins Intimste ausgeleuchteten Privatleben der Ermittler, wo erschütterndes bis tragisches der Aufarbeitung harrt. Ach ja, nicht zu vergessen: stets wird der Leichenheini nach den Untersuchungsergebnissen gefragt, die nicht vor Morgen zu erwarten sind, stets ... (das geht jetzt noch drei Seiten weiter:) Fazit: bin auf meine alten Tage (fast) komplett auf Internet TV und Movie umgestiegen, mache mir mein Programm selber und sehe mit Vergnügen Filme, die in den TV Anstalten einen Zensurkollaps auslösen würden.
gsm1800 13.01.2012
2. Von Adlershof lernen
Zitat von sysopAfrika vor der Haustür: Gleich zwei Krimis beschäftigen sich dieses Wochenende mit der*Flüchtlings- und Bürgerkriegsproblematik. Doch während der "Tatort" unter dem schweren Thema ächzt, kommt "Nachtschicht" mit*Wut und*Wucht daher - auch dank des großartigen Götz Georges. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,808488,00.html
heisst langweilen lernen. Den rothgrünen Schulfunk schenk ich mir. George hat ja schon Erfahrung als Schleuserdarsteller, mal vor Jahrzehnten als Fluchthelfer im Tatort: Transit ins Jenseits (1976).
Holperik 13.01.2012
3. Ich geb' ihm einen aus
.., wenn er hier zuschneidet! "Nachtschicht" vs. "Tatort": Kampf dem Klischee - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-77240-7.html)
hartholz365 13.01.2012
4. Bekommt Herr Buss die Serien vorab zu sehen
Oder ist das nur eine verwurstete Copy-Paste-Mitteilung der ARD/ZDF? Letzte Woche schrieb er was von den knallharten Methoden von Ballauf-Schenk. Ich habe mir den Müll wegen Krankheit mal wieder angetan, das Werbegeschreibsel von Buß traf in keinster Weise zu. Ich wette der hat die Folge nie gesehen. Für mich sind diese freitäglichen Tatort-Vorbesprechungen platteste Werbeartikel. Was kostet denn sowas?
mirrorman3 13.01.2012
5. Guter Kommentar!
Zitat von hartholz365Oder ist das nur eine verwurstete Copy-Paste-Mitteilung der ARD/ZDF? Letzte Woche schrieb er was von den knallharten Methoden von Ballauf-Schenk. Ich habe mir den Müll wegen Krankheit mal wieder angetan, das Werbegeschreibsel von Buß traf in keinster Weise zu. Ich wette der hat die Folge nie gesehen. Für mich sind diese freitäglichen Tatort-Vorbesprechungen platteste Werbeartikel. Was kostet denn sowas?
Ganz meine Meinung! Seit einiger Zeit findet hier immer mehr "Werbung" für diverse Produkte oder Sendungen statt. Beispiel auch alles über die Firma APPLE. Hat sicher jeder Redakteur so'n Ding bekommen....
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