Fabrikbesetzer-Serie auf Arte: "Wir alle sind Sklaven"

Von Florian Diekmann

Der französischen Kleinstadt Raussel droht die Katastrophe: Die einzige Fabrik am Ort steht vor dem Aus, und die Belegschaft rüstet zum Widerstand. Die Arte-Miniserie "Die Liebenden und die Toten" über einen Arbeiterstreik ist ein wuchtiges Plädoyer gegen den globalisierten Kapitalismus.

"Die Liebenden und die Toten": Arbeitskampf auf Französisch Fotos
Archipel 33/ ARTE

Eine Kleinstadt in der Provinz. Die einzige Fabrik ist ihre Lebensader, andere Arbeitplätze gibt es kaum. Ihre Maschinen sind modern, sie wirft Profite ab. Doch nicht genug - im internationalen Konzernverbund gehört sie zu den Low-Performern. Da kommt ein verheerendes Hochwasser den Eigentümern gerade recht. Auch wenn die Arbeiter die Fabrik in Eigenregie wieder flottbekommen, einer von ihnen bei der Rettung der Maschinen gar sein Leben opfert - nun haben die Manager in der fernen Zentrale einen Grund, den Laden dichtzumachen.

Die Fabrik könnte in Rüsselsheim stehen oder in Saarlouis. Doch die "Kos" - eine Produktionsanlage für Vliesstoffe - und ihre Belegschaft gehören zu Raussel, einem imaginären Städtchen im strukturschwachen Norden Frankreichs. Dort wehren sich Arbeiter traditionell mit rabiaten Mitteln: Streik, Besetzung, notfalls auch Geiselnahme - sie sind nicht bereit, die drohende Schließung einfach hinzunehmen. Davon erzählt "Die Liebenden und die Toten", ein Roman, den Gérard Mordillat 2005 veröffentlichte und nun selbst als Regisseur in einer Mini-Serie in Szene setzte, die Arte von diesem Donnerstag an in vier Doppelfolgen ausstrahlt.

Im Zentrum dieser Kapitalismus-Anklage stehen Rudi (Robinson Stévenin) und Dallas (Marie Denarnaud), ein Ehepaar Anfang 20, ohne Schulabschluss, dafür mit einem Baby. Das Leben der jungen Eltern folgt dem Takt der Fabrik, durch die Schichtdienste bekommen sie sich kaum zu sehen. Wie gut, dass der virile Rudi in der Fabrik ein kleines Lager für ihre Schäferstündchen eingerichtet hat. Sie haben ein kleines Haus gekauft, dort, wo die Stadt in Ackerland übergeht, selbstverständlich auf Kredit. Das schmucke Garagentor ist Symbol ihrer Zuversicht, denn an ein Auto ist noch nicht einmal zu denken. Schon so können sie die Raten nur mit Nebenjobs abstottern.

Anachronistischer Standesdünkel

Mordillats "Die Liebenden und die Toten" widersteht der Versuchung der Idealisierung. Seine Protagonisten mögen Helden sein, Heilige sind sie sicher nicht: Bereits in den ersten zehn Minuten prügelt Rudi seine Dallas durch das Haus, weil sie gewagt hatte, Widerworte zu geben.

Die Existenz des jungen Paars hängt ebenso von der "Kos" ab wie die fast aller anderen Bürger Raussels - nicht nur in materieller Hinsicht. Das gesamte Sozialgefüge des Städtchens ist mit der Fabrik verwoben: Der altgediente Vorarbeiter Lorquin etwa ist selbstverständlich gleichzeitig allgemein akzeptierte Autorität im Gemeinwesen. Er ist finanziell abgesichert, doch als er entlassen wird, verliert er jeden Halt, bald schon schleicht er erschlafft im glanzseidenen Jogginganzug durch die Straßen Raussels.

Die Kaste der leitenden Angestellten hingegen - seit Generationen von den gleichen Clans besetzt - hegt einen anachronistischen Standesdünkel. Sie achtet peinlich genau darauf, sich nicht mit den Arbeitern gemein zu machen. Kaum etwas könnte für die Familie des Werksleiters eine größere Katastrophe sein als die Tatsache, dass sich die Tochter erst mit einem Lehrling ein- und dann auch noch schwängern ließ. Viel zu spät erkennen die Privilegierten, dass sie längst im selben sinkenden Boot sitzen.

Entscheidungen aus sterilen Konzernzentralen

Mit der Konzentration auf einen Ort verleiht Autor Mordillat der Geschichte Stringenz und Eindringlichkeit. Über insgesamt mehr als sechs Stunden verlässt "Die Liebenden und die Toten" kaum jemals Raussel und seine Einwohner - und seziert so das Unglück des Städtchens: Seine soziale Schichtung ist untauglich, um mit der Globalisierung umzugehen, diesem Kapitalismus 2.0, der über eine Gesellschaft hereinbricht, die noch nach der ersten Version dieser Wirtschaftsform geordnet ist.

Der rabiate Widerstand der Arbeiter trifft die tradierte Oberschicht aus Lokalpolitikern und Fabrikdirektoren. Doch auch die hat nichts mehr zu melden, ihr bleibt nur die Exekution von Entscheidungen, die in sterilen Konzernzentralen irgendwo anders getroffen werden. Ebenso der Bürgermeister, der die martialischen Einsatzbefehle des Präfekten für die Polizei nicht verhindern kann. Selbst die Bankberaterin setzt Dallas wegen der hohen Schulden nur deshalb so enorm unter Druck, weil sie ihrerseits die Entlassung fürchtet.

Diese Erzählperspektive legt eine Konsequenz globalisierter Wirtschaftsstrukturen schmerzhaft offen: Niemals bekommen die Entscheider diejenigen zu Gesicht, über die sie bestimmen, umso leichter fallen ihnen radikale Schnitte. Die Globalisierung revolutioniert den Kapitalismus ganz ähnlich wie die Erfindung der Feuerwaffen den Krieg.

Sex haben nur die Aufrechten

Wie ein Schatten schiebt sich der unausweichliche Niedergang in dieser Serie immer weiter über Raussel. Niemand kann ihm entgehen. Und doch, das ist die Botschaft der Serie, macht es einen Unterschied, wie man sich dazu verhält. Nicht umsonst nennt Autor und Regisseur Mordillat selbst die Werke Shakespeares und des sozialkritischen Schriftstellers John Dos Passos als Inspiration. Mordillat gestaltet die Erschütterung, die jede Familie Raussels ereilt, mit starken Charakteren und teilweise dickem Pinselstrich: "Wir alle hier sind Sklaven, denn man kann uns einfach verkaufen", proklamiert Rudi die Besetzung der Fabrik. "Und wir nehmen uns das einzige Recht, das ein Sklave hat: seinen Tod zu wählen."

Gleichzeitig verleiht Mordillat der Geschichte einen eindrucksvollen Subtext: Er setzt der Agonie die stärksten Lebenskräfte entgegen - Liebe und Lust. Beinahe obsessiv inszeniert er leidenschaftlichen, manchmal verzweifelten Sex. Doch der ist ausschließlich den aufrechten Kämpfern vorbehalten.

Die Kollaborateure und Opportunisten hingegen verlieren die Fähigkeit zur Lust, sie werden gleichsam zu den "Toten", die im Titel der Serie den "Liebenden" gegenübergestellt werden. Und so bleibt nur die Liebe als Hoffnung, durch ihre Kraft nimmt die junge, naive, ungebildete Dallas die weitaus erstaunlichste Entwicklung in diesem Mehrteiler, der erst nach und nach seine sehenswerte Wucht entfaltet.

Mordillat hat die Romanvorlage vor der Finanzkrise geschrieben, noch bevor im Jahr 2009 die Welle an Fabrikbesetzungen begann, die Frankreich erfasste und an deren Bilder man sich in "Die Liebenden und die Toten" unweigerlich erinnert sieht - Caterpilar, Molex, Sony. Seine Kritik am globalisierten Kapitalismus ist streng subjektiv und höchst einseitig. Doch jedes Detail daran erscheint fast schon schmerzhaft plausibel.


"Die Liebenden und die Toten", ab 10. Mai, donnerstags, 21.00 Uhr, Arte

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. Verstehe eins nicht....
ginfizz53 10.05.2012
Zitat von sysopDer französischen Kleinstadt Raussel droht die Katastrophe: Die einzige Fabrik am Ort steht vor dem Aus, und die Belegschaft rüstet zum Widerstand. Die Arte-Miniserie "Die Liebenden und die Toten" über einen Arbeiterstreik ist ein wuchtiges Plädoyer gegen den globalisierten Kapitalismus. TV-Kritik der Arte-Serie "Die Liebenden und die Toten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832280,00.html)
.. wenn man sich am Arbeitsplatz ausgebeutet fühlt, wieso kämpft man dann für den Erhalt der Arbeitsplätze? Wenn's mir zu kalt wird, habe ich doch auch nichts dagegen, wenn jemand die Klimaanlage abdreht...
2.
iradex 10.05.2012
Zitat von sysopDer französischen Kleinstadt Raussel droht die Katastrophe: Die einzige Fabrik am Ort steht vor dem Aus, und die Belegschaft rüstet zum Widerstand. Die Arte-Miniserie "Die Liebenden und die Toten" über einen Arbeiterstreik ist ein wuchtiges Plädoyer gegen den globalisierten Kapitalismus. TV-Kritik der Arte-Serie "Die Liebenden und die Toten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832280,00.html)
Kapitalismus? In Frankreich? Seit wann denn das?
3.
MarkInTosh 10.05.2012
Zitat von ginfizz53.. wenn man sich am Arbeitsplatz ausgebeutet fühlt, wieso kämpft man dann für den Erhalt der Arbeitsplätze? Wenn's mir zu kalt wird, habe ich doch auch nichts dagegen, wenn jemand die Klimaanlage abdreht...
So ein Unfug! Sie haben noch nie das Gefühl erlebt, mit oder durch Ihre Arbeit zufrieden(er) zu sein, oder?
4. Doch schon...
ginfizz53 10.05.2012
Zitat von MarkInToshSo ein Unfug! Sie haben noch nie das Gefühl erlebt, mit oder durch Ihre Arbeit zufrieden(er) zu sein, oder?
.. und zweimal in meinem Leben habe ich -weil unzufrieden - die Stelle und den Wohnort gewechselt, aber niemals verlangt, dass der Boss/die Vorgesetzten sich an meiner Stelle vom Acker machen... Oder den Betrieb an eine Partei/eine Gewerkschaft abgeben..
5.
tabvlarasa 10.05.2012
Zitat von ginfizz53.. wenn man sich am Arbeitsplatz ausgebeutet fühlt, wieso kämpft man dann für den Erhalt der Arbeitsplätze? Wenn's mir zu kalt wird, habe ich doch auch nichts dagegen, wenn jemand die Klimaanlage abdreht...
Weil man nur durch Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Analog zu ihrem Beispiel: wenn die Klimaanlage gleichzeitig die einzige Luftzufuhr sicherstellt haben Sie die Wahl zwischen frieren und ersticken.
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