Von Stefan Kuzmany
Sie sind einfach nicht zu fassen.
Seit Wochen hält die Piratenpartei die politische Klasse des Landes in Atem, Umfragen sehen ihre Vertreter bereits im Bundestag sitzen, verzweifelt versuchen die sogenannten etablierten Parteien die Entzauberung der aufstrebenden Konkurrenz, verweisen auf mangelnde Inhalte, das rückwärtsgewandte Frauenbild der Partei und ihre fehlende Abgrenzung zu Rechtsradikalen in den eigenen Reihen - und was macht Martin Delius? Er sitzt einfach ganz ruhig da, hört meist nur zu und lässt die anderen schlecht aussehen.
Der parlamentarische Geschäftsführer der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus ist ein ernster junger Mann mit nach hinten gebundenem langen Haar. Die Defizite seiner jungen Partei scheinen ihm durchaus bewusst zu sein, und er geht sehr offen damit um: Selbstverständlich sei es nicht akzeptabel, wenn sein Berliner Landesvorsitzender Hartmut Semken diejenigen in der Partei kritisiere, die Nazis aus der Partei werfen wollten. Als das seltsame Frauenbild einiger Piraten thematisiert wird, nickt Delius. Und Inhalte? Klar stehe die Piratenpartei für Inhalte.
Dass ihm als erstes dann doch nur die zwar heftige, aber für das weitere Schicksal dieses Landes ja doch nicht ganz so zentrale Debatte um das Urheberrecht einfällt, fällt an diesem Abend kaum ins Gewicht: "Warum sind die Piraten so populär?" war die Fragestellung der aktuellen Illner-Runde im ZDF - und selten hat eine Talksendung so klare Antworten geliefert wie diese.
Vor allem der FDP-Mann hat es schwer
Es sind glückliche Zeiten für die politische Debatte in Deutschland. Nach der monatelangen Lähmung des Landes durch die ungeheuerlicherweise notwendig gewordenen detaillierten Diskussionen der Fragen, wer genau wie genau warum genau die Hotelrechnungen des Bundespräsidenten bezahlt hat, kommt wieder Schwung ins Geschehen. Endlich wird wieder über Politik geredet, und schon allein das ist ein Erfolg der Piraten. Die Moderatorin Maybrit Illner hatte sich, möglicherweise als Hommage an die metaphorisch maritime Herkunft der jungen Partei, in eine Art graues Admiralsjäckchen geworfen, und eigentlich musste sie heute nicht viel mehr tun, als die Gäste sich um Kopf und Kragen reden zu lassen.
"Die Piraten sind stark, weil ihr so schwach seid", hält der Journalist Hans-Ulrich Jörges den anwesenden Parteivertretern lautstark und mit stets gestrecktem Zeigefinger vor, man wundert sich ein wenig, warum er so aufdrehen muss, denn erstens kann ihm da niemand in dieser Runde widersprechen, und zweitens ist seine Feststellung nicht wirklich originell. Immerhin hat er sie exklusiv, denn diese Schwäche von sich aus einzugestehen, das konnte man von den anwesenden Altparteienvertretern dann doch nicht erwarten. Sie haben es schwer genug.
Besonders undankbar ist die Rolle, die der FDP-Generalsekretär Patrick Döring gerade spielen muss. Seine Partei kämpft gegen das Aussterben, mit seinem ungeschickten Versuch, die Piraten zu diskreditieren ("Tyrannei der Masse"), hat er ihnen mehr genützt als geschadet. Und auch jetzt, als er über die schlimme Diskussionskultur der Piraten im Internet klagt (sein Wort von der Tyrannei hatte ihm einen veritablen Shitstorm eingebracht), kann er keine Punkte machen. Später versucht er es zur Abwechslung mal mit Anbiederung und lobt die direktdemokratischen Impulse der Piraten, die es aufzugreifen gelte. Selbst wenn das stimmen sollte - die FDP, so scheint es heute, braucht dafür kein Mensch mehr.
Früher saßen hier die Liberalen, jetzt die Piraten
Vollkommen gelassen ist allein Klaus Wowereit (SPD), der Regierende Bürgermeister von Berlin. Er erlebt die Piraten täglich im Abgeordnetenhaus, wo sie heute mit ihren Laptops sitzen, da saßen früher die Liberalen - "die haben immer herum krakeelt, jetzt ist da Ruhezone". Wowereit hat gut Reden: Seine Macht ist von den Piraten nicht gefährdet, in aller Ruhe kann er sie sich entwickeln und zum potentiellen Koalitionspartner reifen lassen. Mit Delius scheint er sich schon gut zu verstehen, und der scheint sogar etwas zu ihm aufzublicken wie zu einem strengen, aber respektierten Klassenlehrer.
Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Robert Habeck, dessen Partei neben der FDP wohl am meisten unter dem Piraten-Erfolg zu leiden hat. Habeck ist Spitzenkandidat der Grünen in Schleswig-Holstein, und die junge Konkurrenz verhagelt ihm gehörig den Wahlkampf. Dabei ist es wohl richtig, wenn Habeck wieder und wieder die inhaltlichen Schwächen der Piraten attackiert, auf deren fehlerhaft zusammenkopiertes Wahlprogramm und ihr im Grunde unpolitisches Wesen eindrischt, aber das hilft ihm in der aktuellen Stimmung wenig. Es stimmt wohl, was seine Parteifreundin Anke Domscheit-Berg sagt: Die Piraten sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie so ganz anders aussehen und daherkommen als die anderen Parteien. Auf der einen Seite der FDP-Mann Döring, die bonzenhafte Bilderbuch-Erscheinung eines aufstrebenden Parteifunktionärs. Ihm gegenüber der Grüne Habeck, ein etwas zu smart, zu glatt auftretender Vertreter einer Partei, die so lange geglaubt hat, die natürliche Stimme der Jugend zu sein, dass sie darüber alt geworden ist und allzu satt.
Und dann sympathisieren ihre Anhänger auch noch mit der Konkurrenz. Es ist bemerkenswert, dass die beste Fürsprecherin der Piraten an diesem Abend das grüne Parteimitglied Domscheit-Berg ist, und der Pirat Delius damit überhaupt kein Problem zu haben scheint. Wenn sie spricht, nickt er, viel prägnanter als er kann sie die Vorteile der neuen Bewegung formulieren, ihre Affinität zur Netzkultur und ihre Attraktivität für von herkömmlicher Politik ermüdete Wähler.
So sehen sie wohl aus, die wechselnden Mehrheiten, die die Piraten in die Parlamente bringen wollen. In der Talkshow funktionierte das bereits ganz gut.
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