Raabs neue Politshow: Maximal breitbeinig

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Stefan Raab ist angetreten, den Polit-Talk neu zu erfinden - und kopiert sich dabei doch nur selbst. Die Parteien haben nur ihre zweite Garnitur geschickt, am Ende gewinnt der Liberale Wolfgang Kubicki die weitgehend sinnfreie Show. Tiefpunkt: eine rassistische Entgleisung Raabs auf Kosten Philipp Röslers.

Politik mit Raab: Triumph der Hemdsärmeligen Fotos
dapd

Vielleicht gibt es in diesem Land Menschen, die ihre Fernbedienung in eine leere Pizzaschachtel gelegt und dann versehentlich entsorgt haben. Menschen, deren Fernsehgerät unumschaltbar bei ProSieben festhängt, das nun ständig läuft. Sie sehen dann: "TV total", "Schlag den Raab", Raabs Pokerrunde, Raabs Wok-WM, Raabs Turmspringen, Raabs Autoball-Dingsbums, immer wieder Raab, stundenlang. Möglicherweise gibt es sogar Menschen, die das regelmäßig freiwillig sehen.

Für diese Menschen ist Stefan Raabs neuer Politik-Talk "Die absolute Mehrheit" ein großer Gewinn. Sie haben so wenigstens einmal im Leben gesehen, wie ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union aussieht oder ein erster parlamentarischer Geschäftsführer der SPD. Und nicht nur für sie: Unsere gesamte Gesellschaft könnte nachhaltig von Raabs Show profitieren, das müsste sogar der Bundestagspräsident anerkennen. Denn hier, wir springen jetzt kurz schon mal mitten in die Sendung, erhebt Verena Delius, von Raab als "junge, attraktive Unternehmerin" vorgestellt, die einzige Frau in der Runde, folgende Forderung: Wenn schon eine Reichensteuer sein muss, dann aber zweckgebunden - das so eingenommene Geld dürfe nur für Bildung ausgegeben werden.

Klingt toll, so schön allgemein, dagegen kann niemand sein. Wenn von dieser Sendung also tatsächlich der entscheidende Impuls ausgehen sollte für bessere Bildung in diesem Land, die jungen Bürger also schlauer würden, dann wäre das ein großer Erfolg für Stefan Raab, größer womöglich als der Gewinn des Eurovision Song Contest. Die schlechte Nachricht für Raab: Seine Sendung hätte dann keine Zuschauer mehr.

Egal was, Stefan Raab macht es

Stefan Raab hat vor bald vierzehn Jahren bei ProSieben angeheuert, mit einer beispiellosen Anzahl immer neuer TV-Formate hat er sich den Anschein geradezu unerschöpflicher Schaffenskraft erworben. Dabei basieren seine Kreationen auf stets derselben Idee: Egal was, Stefan Raab macht es. Egal wie abseitig, Stefan Raab macht es. Oder gibt es etwas schon? Egal, Stefan Raab macht es noch mal, nur eben wie Stefan Raab und mit Stefan Raab, also besser. Findet Stefan Raab.

Ob als Gastgeber einer Talentshow. Ob als Gast bei "Wetten, dass..?". Ob als Quiz-Kandidat oder Athlet oder Pokerspieler in der eigenen Sendung: Aus dem Stand zeigt Stefan Raab allen anderen, wie es eigentlich gemacht werden sollte. Was für ein Selbstvertrauen. Warum nicht auch Politik?

Wofür Politik gut ist? Zur Beantwortung der Fragen "Wie finde ich einen Job?" und "Wo kann ich noch in Ruhe kiffen?", erläutert Stefan Raab eingangs. Maximal breitbeinig sitzt er in der Mitte einer braunen Ledergarnitur, die Deko hinter ihm erinnert ein wenig an Harald Schmidt, über allem prangt ein leicht verfremdeter Bundesadler, an der Wand ein Porträt des Bundespräsidenten, Raabs Anzug sieht aus wie einer, den Günther Jauch tragen könnte, oder doch eher Frank Plasberg.

Eine Kopie einer sieben Jahre alten Sendung

Wie alles, was Raab macht, ist auch diese Sendung ein Stunt, eine tollkühne Übung. Sein Coup ist es diesmal, allen weisgemacht zu haben, "Die absolute Mehrheit" sei eine Novität. Tatsächlich, das wird schnell klar, handelt es sich um eine leicht variierte Kopie seiner eigenen "TV Total"-Sondersendungen zu den Bundestagswahlen 2005 und 2009.

Auch damals schon durften die Zuschauer ihre Meinung kostenpflichtig per Anruf oder SMS kundtun, während sie Parteienvertretern beim Diskutieren zuhörten. 2005 sagte das so gewonnene Stimmungsbild das Wahlergebnis erstaunlich präzise voraus, 2009 lag die Linkspartei so bizarr weit vorne, dass der assistierende ProSiebenSat.1-Chefjournalist Peter Limbourg am Ende ganz verzweifelt war.

Neu ist diesmal: Bei den Wahlsendungen konnten die anwesenden Politiker Wählerstimmen gewinnen, heute haben sie die Chance auf 100.000 Euro - wenn am Ende mehr als 50 Prozent der Anrufer für sie bezahlt haben. Neu ist dazu: Peter Limbourg macht Raab und dem ganzen Unterfangen zwar wieder Komplimente, als hinge sein Job davon ab ("Sie können auch Politik!", "Eine muntere Runde!", "Schöne Argumente!"), muss aber diesmal auch noch darauf hinweisen, dass ja das zu gewinnende Auto noch mal gezeigt werden muss.

Neu ist schließlich: Während 2009 noch jedes Lager Spitzenleute schickte (Müntefering, Westerwelle, Trittin, Guttenberg und Gysi), will 2012 offenbar keine Partei prominent beim Raabschen Polit-Zirkus gesehen werden. Nach einer öffentlich aufgeführten Ein- und Ausladungsoper mit eingestreuten Absagearien sitzen neben der als ganz normale (wenn auch unternehmerisch überdurchschnittlich erfolgreiche) Bürgerin geladenen Delius schließlich Michael Fuchs für die CDU, Thomas Oppermann für die SPD, Jan van Aken für die Linkspartei sowie Wolfgang Kubicki (FDP) für sich selbst im Studio - eine vergleichsweise bescheidene Besetzung. Piraten und Grüne haben offenbar verzichtet.

Niemand kritisiert Raabs rassistische Entgleisung

Den Tiefpunkt der Sendung erreicht der Moderator gleich am Anfang im Gespräch mit Wolfgang Kubicki, den er, scheinbar gewagt, tatsächlich jedoch wenig originell befragt, ob "Rösler weg muss". Kubicki antwortet wie immer launig, und Raab kann es sich nicht verkneifen, auf den glücklosen FDP-Chef einzugehen: "Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand."

Man muss es vielleicht noch einmal für den Spaß-Rassisten Stefan Raab aufschreiben: Philipp Rösler ist im Alter von neun Monaten aus einem vietnamesischen Waisenhaus nach Niedersachsen geholt worden. Er ist, abgesehen von dieser biografischen Besonderheit, ein völlig durchschnittlicher Deutscher. Im Übrigen essen asiatisch aussehende Menschen anders als in der offenbar beschränkten Vorstellungswelt von Stefan Raab nicht ständig mit Stäbchen.

In der Sendung kritisiert niemand den Moderator für diese Entgleisung, stattdessen versuchen alle, gute Laune zu demonstrieren. Der dem ProSieben-Publikum wohl weitgehend unbekannte Fuchs versucht, mit der Anekdote zu punkten, die Kanzlerin könne blind Kurznachrichten auf ihrem Handy schreiben, während sie ihrem Gegenüber Aufmerksamkeit vorgaukelt: "Die sitzt da und strahlt Sie an und schreibt dabei SMS." Wahrscheinlich nicht bei jedem, offenbar öfter mal bei Fuchs.

Die Diskussion ist in drei Themen gegliedert, die in - leider gibt es kein passenderes Wort - dümmlichen Kürzest-Kurzfilmchen vorgestellt werden: Reichensteuer, Energiewende und Internet. Das Segment beispielsweise zur Energiewende und zu der Frage, ob der Strom damit zu teuer wird, wird eingeleitet mit dem gespielt polemischen Hinweis, das habe man jetzt davon, dass "ein 40.000 Kilometer entfernter Reaktor aus Sushi Bratfisch gemacht hat". Raab darauf geradezu höhnisch: "Das ist ein sehr komplexes Thema." Jan van Aken fordert kostenlosen Strom für Vier-Personen-Haushalte, erst der darüber liegende Verbrauch soll teuer bezahlt werden. Klasse Idee! Applaus! Wer soll das bezahlen?

Absolute Mehrheit verfehlt

Egal. Erst mal die neuen Zahlen: sinnfreie Balkengrafiken, die mit künstlich vorgehaltener Spannung darüber Auskunft geben, wer gerade in der Gunst jener Menschen vorne liegt, die bereit sind, diese Gunst mit 50 Cent zu bezahlen.

Deren Groschen lassen sich auf die Schnelle mit möglichst gut klingenden, dabei aber verantwortungsfreien Parolen gewinnen. Zunächst fliegt folgerichtig Fuchs, der Vertreter der Kanzlerin-Partei heraus. Danach erwischt es Delius, denkbar knapp liegt sie noch hinter Oppermann von der SPD. Am Ende steht der Linke van Aken an der zweiten Stelle. Sieger jedoch, kaum verwunderlich, ist Wolfgang Kubicki. Die 100.000 Euro Preisgeld kann er dennoch nicht kassieren: Seine Anruferquote liegt bei 42,6 Prozent, die absolute Mehrheit hat er knapp verfehlt.

Kubicki ist dabei ein der Sendung höchst angemessener Gewinner: Von Anfang an hat er den coolen Macker ohne Scheu und Rücksicht gegeben, was ihm kaum schwerfiel, ist doch seine gesamte Karriere auf dieser Rolle aufgebaut. Ganz genau wie die von Stefan Raab.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 556 Beiträge
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1.
fisschfreund 12.11.2012
was ist daran rassistisch? verstehe ich nicht wirklich.
2. ..zu spät ...
sapphire92 12.11.2012
...jetzt habe ich doch tatsächlich diesen Raab-Artikel gelesen, wie konnte mir das passieren ....seine Sendungen schaue ich nicht, seinen Heimatsender auch nicht...und nun lese ich im SPIEGEL einen Artikel über ihn...wie kam er da eigentlich 'rein und was hat er da zu suchen ....
3. ...Stäbchen aus der Hand...
cherub25 12.11.2012
...das ist ja eine dramatische Entgleisung - ungefähr so, wie wenn jemand zu Altkanzler Kohl sagen würde dass ihm der Saumagen von der Gabel fällt oder zu Altkanzler Schmidt die Kippe aus`em Mund...
4. Rassistisch?
Peter_Lublewski 12.11.2012
"Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand." Ich möchte wissen, was daran jetzt rassistisch sein soll. Es regt sich doch sicher auch keiner auf, wenn Raab sagen würde: "Wenn Seehofer das beim Abendessen sieht, rollen ihm hoffentlich nicht die Knödel vom Teller." Bitte Hysterie-Abschaltknopf drücken. Zur Sendung: Nicht so schlecht, wie ich es erwartet hatte - sondern schlechter.
5. was wird eigentlich…
Wile_E_Coyote 12.11.2012
…von einem gelernten metzger erwartet? oops, das war jetzt ja auch nicht politisch korrekt, ixch entschuldige mich mal schon beim metztger meines vertrauens…
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