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12. Juli 2010, 11:23 Uhr

TV-Kritik zum 25. WM-Spieltag

Laubenpieper und Lippenbekenntnisse

Endlich fangen die "Sexy Sport Clips" wieder früher an, freut sich Jenni Zylka. Vorher aber noch der Rückblick auf den letzten Spieltag der Weltmeisterschaft 2010, der trotz Fiesta dank Iniesta eher öde war. Einziger Lichtblick: Ein Prinz, der nicht nur gut aussieht, sondern sogar reden kann!

Was geguckt: Holland-Spanien (ZDF), "Schland oh Schland" (ARD), CNN, Eurosport

Was ist passiert? Abends hat Gouda gegen Manchego verloren. Und vormittags: In der etwas behäbigen, aber angenehm zurückhaltenden "Schland, oh Schland"-Dokumentation über Deutschland vor, während und nach dem Halbfinale besuchten die ARD-Reporter das Ensemble einer Rossini-Oper, das während des Spiels auf der Bühne steht und singt, und einen bis auf die Clownsperücke schwarz-rot-gold angemalten Laubenpieper aus Köln-Mülheim mit Tegtmeier-Gesicht und -Akzent. Dem letzteren laufen nach dem Abpfiff die Tränen übers fassungslose Gesicht und verwischen die Schminke, die ersteren gucken in den Sangespausen immer mal kurz auf den Bildschirm, bleiben aber cool: "Na ja, wir sind 40 Nationalitäten im Ensemble", erklärt ein Bass. Dabei hätte man so ein in schönem vollem Bass geschmettertes "Toooooooooooor!!" sicher bis Südafrika gehört.

Was war der Höhepunkt des Tages? Prinz Felipe von Spanien gewinnt im Gespräch mit Rudi Cerne eindeutig das Machtlose-Staatsoberhäupter-Duell gegen Bundespräsident Christian Wulff im Gespräch mit Katrin Müller-Hohenstein: Der eine sieht mit etwas gutem Willen aus wie Clive Owen und vermittelt glaubhaft und - für einen Blaublütigen - erstaunlich charmant seine Empathie; der andere beweist mal wieder, dass das Autokennzeichen OS (Osnabrück) für "Ohne Symptome" steht. In jedem Satz, den Wulff spricht, sieht man die streberhafte Vorbereitung, allein: Es fehlt jeglicher Funken Fußballbegeisterung. Nach dem Spiel wird die Reporterin einer Live-Schalte auf CNN von dicklichen, miesgelaunten Fußballfans überrannt, deren Geschrei gefährlich nach "Fuck Fifa" klingt, weswegen das Gespräch schnell zu Ende ist. Und auch auf Eurosport sind die Experten zusehends analysemüde.

Was der Tiefpunkt? Weder Oranje noch La Furia Roja, sondern Strafkarten-Gelb war die vorherrschende Farbe. The final was shitty / in big Soccer City. Und apropos Rap: Den Öffentlich-Rechtlichen ist es zuzutrauen, dass sie im ewigen Kampf um das Jüngerwerden nach der diesjährigen Blumentopf-"Raportage" bei der EM 2012 gleich Sido verpflichten. Der disst dann vor jedem Spiel schön die Gegner und reimt "Briten" auf "Titten".

Was bleibt vom Tage übrig? Fiesta dank Iniesta: Nachdem jeder spanische Spieler den Pokal geknutscht hat, singt Shakira ein letztes Mal "Waka Waka, this time for Africa". Mal sehen, ob ein afrikanisches Land Nutzen aus dem Fußball-Spuk ziehen konnte, wenn die Karawane weitergezogen ist.

Und heute? Geht Netzer in Rente, trinkt Müller-Hohenstein einen oder mehrere mit Olli Kahn, will keiner mehr sein neugeborenes Baby "Zela" nennen, hat Google wieder einen normalen Schriftzug auf der Landing Page, fangen die "Sexy Sport Clips" auf Sport1 endlich wieder früher am Abend an.

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