TV-Kritik zum 3. WM-Spieltag: Völker der Welt, schaut auf Jogis Blau!

Von Wolfgang Höbel

Das Euphorie-Raumschiff ist gelandet: Voller Vorfreude lechzte die Fernsehnation dem ersten Auftritt der deutschen Mannschaft entgegen. Dank tollem Spiel und schöner Tore entlud sich die Spannung in Jubel, Trubel - und leider auch Größenwahn.

Bundestrainer Löw trägt blau: "Etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick" Zur Großansicht
DDP

Bundestrainer Löw trägt blau: "Etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick"

3. Spieltag - der Tag, an dem die Fußballwelt ihr blaues deutsches Wunder erlebte

Was geguckt? Algerien-Slowenien, Serbien-Ghana, Deutschland-Australien (ZDF), Eurosport, RTL

Was ist passiert? "Wenn Sie das nicht gesehen haben, dann sollten Sie sich ruhig mal eine reinhauen", das ist der Satz des Tages für den gestressten Sportsfreund, der sich in diesen Tagen kaum wegtraut von der Fernsehcouch.

Gesprochen hat ihn gar kein Fußballreporter, sondern der in Montreal weilende Formel-1-Berichterstatter auf RTL, als er in der geschätzt siebten Runde des Rennens in Kanada all jene bedauernswerten Zuschauer begrüßte, die zu spät eingeschaltet und den turbulenten Start verpasst hatten. Bei dem hatten ein paar der Motorsportler nach allen Regeln ihrer Kunst die Boliden ineinander krachen lassen: ein hübsches, telegenes, harmlos-heiteres Krawumm.

Live dabei sein ist alles, in Wiederholung und Zeitlupe gucken nur halb so schön, das ist das Mantra dieser Tage, in denen eine Direkt-Schalte die andere jagt. An diesem Sonntag werden die Ekstasen der Vorfreude mehr und mehr zur Folterqual, die Grottenkicks erst zwischen Algerien und Slowenien und dann zwischen Serbien und Ghana scheinen nicht mal die ZDF-Reporter selber abzulenken vom nervösen Verheißungsgezeter in Richtung deutsches Abendspiel gegen die australischen Jungs.

Vor und nach den Nachmittags-Kicks (und natürlich auch in den Halbzeitpausen) gibt's Bilder von kreischenden und trötenden Fans am Strand von Durban, bunte Schnipsel-Impressionen aus den Townships und letzte Bilder aus dem deutschen Mannschaftsquartier. Also vielleicht doch mal umschalten zu Eurosport, wo angeblich Tennis läuft? Nee, da ist gerade Pause, deshalb sitzt ein Kerl namens Gernot im Eurosport-Fußball-WM-Studio und schaltet gerade runter nach Durban, man sieht einen Reporter mit trötenden Fans, dazu südafrikanische Impressionen und letzte Bilder aus dem Teamquartier - und minütlich grüßt das Murmeltier.

Schnell rüber zu RTL, dort bietet die Formel 1 garantiert Entspannung in einer ganz eigenen Welt jenseits des Fußballwahns! Nichts da, gerade setzt sich der australische Fahrer Mark Webber an die Spitze und der Reporter sagt: Das sei ja hoffentlich das einzige Mal, dass heute ein Australier in Führung geht. Es gibt kein Entrinnen vor der Landung des Fußballeuphorie-Raumschiffs Deutschland an diesem Abend.

Im ZDF erklärt Experte Oliver Kahn noch mal, wie sich die Spieler jetzt vorbereiten: Manche spielen Playstation. Manche ziehen sich ins stille Eck zurück. Nur Fernsehen komme keinesfalls in Frage - diese Vorberichterstattung macht doch den nervenstärksten Titanen komplett verrückt!

Dann endlich der Anstoß, elf deutsche Spieler geben alles für diesen Moment, ernst und konzentriert schauen sie drein, der ZDF-Reporter Bela Rethy müht sich auch. Da wird gleich nach dem ersten Angriff von der Gefährlichkeit der Australier schwadroniert und nach dem Jubel über die ersten deutschen Tore über "die Tempoisierung" des Spiels. Noch wird die Begeisterung abgebremst.

Es geht ja wirklich, staunt der Reporter und mit ihm der Zuschauer, die spielen einfach fixen Fußball, Löws Buben wirbeln und tricksen, dass einem das Herz aufgeht, leicht und fast schwerelos sieht das aus und sehr elegant. Ein Fest! In der Halbzeitpause aber kommt die ZDF-Fachfrau Katrin Müller-Hohenstein mit Kahn ins Bild, sie sagt, es sei "ein innererer Reichsparteitag" für Klose gewesen, dass er endlich mal wieder ins Tor traf.

Müssen Deutsche so sein? Muss Bela Rethy sich in der gesamten zweiten Hälfte, besonders aber den letzten fünfzehn Minuten des Spiels größtenteils sinnfrei vor sich hin plappern? Er blubbert muffiges Spießerzeug von Antitröten-Ohrenstöpseln, die "auch gegen meckernde Ehefrauen einsetzbar" seien. Er kann sich gar nicht mehr beruhigen, weil die deutsche Mannschaft vor dem WM-Sieg 1974 auch schon mal gegen Australien gewann, ein "Omen" sei das. Und er ergeht sich beim Stand von 4:0 gegen eine tapfere zehnköpfige Australienmannschaft in gruseliger deutscher Überheblichkeit, wonach man sich das 15 minütige Auslaufen ja heute sparen könne, weil hier keiner der deutschen Spieler mehr gefordert sei.

Nichts gegen Größenwahn, aber kommt der hier nicht ein bisschen zu früh? Es braucht, darf man daran kurz erinnern, noch ein paar klitzekleine deutsche Turbosiege mehr bis ins Finale.

Was war der Höhepunkt des Tages? Der Kuss, mit dem die Lebensabschnittsgefährtin des deutschen Helden Mesut Özil vor dem Spiel und vor den Kameras von ihrem Kerl Abschied nahm. Ein herzhafter, inniglicher Schmatz in Großaufnahme, im Hintergrund wurde ein Kind hochgehalten, und als unsichtbare Bildunterschrift diente ein Buchtitel des spanischen Großschriftstellers und Fußballfreundes Javier Marias: Morgen in der Schlacht denk an mich.

Der Tiefpunkt? Eindeutig Bela Rethys Gesülze in der ZDF-Übertragung der zweiten Halbzeit. Das Feuerwerk der Plattitüden wurde gekrönt durch den späten Satz: "Viel kann man eigentlich nicht sagen - außer Chapeau!"

Was bleibt vom Tag übrig? Jogi Löws Pulli. Völker der Welt, seht auf dieses Blau! Diese gestretchte, kaum gebändigte Manneskraft! Diese Versprechen auf höhere Himmel! In Goethes Farbenlehre steht schon, Blau sei "als Farbe eine Energie", es habe "etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick", vor allem aber vermittle es ein "Gefühl von Kälte". Und so ist Jogis Pulli ein kühnes Versprechen: Der coolste aller Badener wird es schon richten. Und wenn es wirklich klappt: Es wäre uns ein innerer Kindergeburtstag.

Und heute? Niederlande-Dänemark (13.30 Uhr, ARD), Japan-Kamerun (16 Uhr, ARD), Italien-Paraguay (20.30 Uhr, RTL)

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Besser so als Demonstrationen mit blutigem Ende
sukowsky 14.06.2010
Besser so als Demonstrationen mit blutigem Ende, wie geschehen in Berlin. Beim Fußball werden aggressive Kräfte meistens umgeleitet in Jubelschreie. Hätten wir die WM - Spiele in Kirgisistan gäbe es keine Schießereien. Ein hoch dem Fußball!
2. nur kein Neid!
flowpower22 14.06.2010
Zitat von sysopDas Euphorie-Raumschiff ist gelandet: Voller Vorfreude lechzte die Fernsehnation dem ersten Auftritt der deutschen Mannschaft entgegen. Dank tollem Spiel und schöner Tore entlud sich die Spannung in Jubel, Trubel - und leider auch Größenwahn. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,700506,00.html
Ja, lieber Herr Höbel, man kann schon etwas neidisch werden auf das Aussehen von Jogi. Dann ist der Knabe auch noch so alt. Aber jetzt zum Ernst des Fussballs (hoho). Hat sich die deutsche Mannschaft nicht immer durch die Gruppe durchgezittert? Und jetzt gleich so ein Auftakt!? Wenn dat man jut geht? Und dem Boateng müssen wir wohl jetzt auch noch dankbar sein - Skandal!
3. blabla
elron1 14.06.2010
Schön, dass sich Herr Höbel am leeren Geplapper von Béla orientiert und es direkt in seinen Artikel integriert hat.
4. Ein wirklich kluger Beitrag, ähem ...
metal_metal 14.06.2010
Ohje, Herr Höbel, auch wenn ich selber nicht unbdingt ein Freund von Herrn Rethy oder Herr Reif bin ... aber das Genörgel, welches Sie da an den Tag legen, ist definitiv noch schlimmer. Schalten Sie den Ton doch ab, wird ja in einem anderen Spiegel-Beitrag eh empfohlen. Aber worüber könnten Sie sich dann noch aufregen (ausser über die Farbe von Klamotten)? Hören Sie sich doch demnächst einfach selber zu, dann haben Sie genug Stoff *lach*.
5. .
diet05 14.06.2010
Jogi Löw wird auch jetzt der schönste Trainer sein
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Willkommen im WM-Studio 2010
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 24 Kommentare
Fotostrecke
WM im TV: Die wichtigsten Experten der Sender