ARD-Pubertätsfilm "Geliebtes Kind": Alles Schlampen, vor allem Mutti

Von Anne Haeming

Alle sind gegen mich! Niemand versteht mich! Die Pubertät ist eine Phase, in der Kinder für ein paar Jahre zu Monstern mutieren. Der ARD-Film "Geliebtes Kind" zeigt, wie herrlich irrsinnig diese Zeit ist - und wartet mit drei großartigen Schauspielerinnen auf.

ARD-Film "Geliebtes Kind": Drama, Mädchen, Drama! Fotos
WDR

Zwei Teenager, er steht vor ihrer Tür, Stimmung: Liebeskummer. Sie: "Was willst du hier?" - Er: "Dich sehen." - Sie: "Schau dir Fotos an!"

Wham! Wenn Liz voller Frust lospampt, ist wieder mal klar: Die Pubertät ist die Zeit der Schlagfertigkeit. Wenn nur die anderen Symptome nicht wären.

Der Film "Geliebtes Kind", den die ARD am Mittwochabend sendet, zeigt alle Facetten, total erbarmungslos: Keiner versteht mich. Alle sind gegen mich. Und natürlich: Alles Schlampen, vor allem Mutti. Die ganze Palette an Gemütszuständen, die ein Teenager so an den Tag legt. In diesem Fall die 16-jährige Liz (Mathilde Bundschuh), die nach Jahren im Internat kurzentschlossen zu ihrer Mutter (Anica Dobra) zurückzieht, natürlich alles wegen eines Jungen, der mal fünf Sekunden in die falsche Richtung geschaut hat, der Vollarschdepp. Auch wenn sie ihre Mutter eigentlich superdoof findet. Wenn 16-Jährige sich diesen Film nicht anschauen, sind sie wirklich selbst schuld. Und deren Eltern erst recht.

Regisseurin Sylke Enders nimmt sich in ihren Filmen gern Außenseitern an, sei es eine frisch aus der Haft Entlassene in "Mondkalb", geistig Behinderte in "Kroko" oder Transsexuelle in "Hab mich lieb". Da es zur Verfasstheit von Teenagern gehört, sich als fundamental ausgestoßen zu begreifen, passt "Geliebtes Kind" nahtlos in diese Reihe. Und dass Liz humpelt - kaum merklich - wirkt wie ein Kniff, um das ungelenke Körpergefühl dieses Alters sichtbar zu machen. Folglich steht der Dauerstreit zwischen Mutter und Tochter um eine Bein-OP stellvertretend für die üblichen Zankereien von Eltern, die wollen, dass ihre Kinder so-und-so sind.

"Sie wird mir später dankbar sein"

Der Film funktioniert vor allem so gut, weil drei Frauenfiguren spitze besetzt sind. Allen voran Mathilde Bundschuh, selbst gerade mal 17. Wenn sie ihr markantes Gesicht senkt, den Blick verdunkelt und schnaubend ausatmet, um kurz darauf unbeschwert mit dem Neuen ihrer Mutter in der Küche Faxen zu machen, bekommt man einen guten Eindruck davon, was die junge Schauspielerin draufhat. Von der Leichtigkeit, mit der sie ihre Sätze durch den Raum rotzt, ganz zu schweigen. Es scheint zu Recht das Jahr ihrer Hauptrollen zu werden: Anfang des Jahres war sie im SR-Tatort "Verschleppt" als traumatisiertes entführtes Mädchen zu sehen, außerdem neben Götz Schubert und Max Riemelt im Kinofilm "Tage, die bleiben", ebenfalls als schlechtgelauntes Teenagermädchen.

Ebenso (erwartbar) wunderbar ist Steffi Kühnert, die man zuletzt in Andreas Dresens beklemmendem Sterbefilm "Halt auf freier Strecke" im Kino sah. Hier nun spielt sie Karin, eine schluffige, alkoholisierte Arbeitslose, die in einem Plattenbau wohnt, den Liz' Mutter verwaltet. Sie und Liz freunden sich an - und sie gibt der Kleinen endlich mal Kontra, Tenor: "Ey, ich bin nicht dein Blitzableiter!"

Und dann ist da noch Anica Dobra als Mutter, die ihre Tochter sanft in die ihrer Meinung nach richtige Richtung schubsen will: Sie soll sich eben ihren Hinkefuß operieren lassen. Und so sitzt sie abends im Bett, die frisch lackierten Finger abgespreizt, und sagt Klassikersätze wie: "Sie wird mir später dankbar sein." Dobra, sonst meist für Schmonzetten und Krimikomödien gebucht, darf hier endlich mal jenseits aller TV-Schablonen spielen. Wie sie eines Morgens verkatert und total zerzaust rumrotzt, wie sie ihren Frust an der pubertierenden Tochter und dem neuen Freund auslässt, macht richtig Spaß.

Teenager, wie sie wirklich sind

Nur blöd, dass bei diesem Film (Buch: Dieter Bongartz) der gute alte Grundsatz "Show, don't tell" vergessen wurde. Denn Liz' Probleme werden außer dem sanften Humpeln nie gezeigt - alles muss vollmundig als Problem benannt werden, damit die Zuschauer es überhaupt als Problem wahrnehmen können. Wäre die Geschichte in einer irrationalen Schwebe geblieben, die verschobene Selbstwahrnehmung von Liz wäre deutlicher geworden.

Trotzdem: Man darf sich freuen, dass die ARD ihren Mittwochabend-Sendeplatz für einen Film freigeräumt hat, den Jugendliche vielleicht sogar besser kapieren als ihre Eltern. Denn hier wird ein Teenager so gezeigt, wie er ist: plemplem. Trotzig überreagierend, ich-bezogen, impulsiv hanebüchene Entscheidungen treffend.

Das zu zeigen ist auch die einzige Motivation - nicht wie etwa im ARD-Film "Homevideo" über Cybermobbing, der einen Grimme-Preis erhielt. Auch da stand das Drama des Teenagerdaseins im Fokus der Geschichte, aber mit pflichtgemäß gesellschaftspolitischem Dreh. In "Geliebtes Kind" braucht es den Überbau nicht, um zu demonstrieren, was für eine frustrierende Zeit dieses Alter ist. Und zwar für alle Beteiligten. Wohl deshalb klingt der Titel "Geliebtes Kind" auch wie der genervte Stressseufzer einer Mutter.


"Geliebtes Kind", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 17 Beiträge
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1. ...
kastenmeier 25.04.2012
Zitat von sysopWDRAlle sind gegen mich! Niemand versteht mich! Die Pubertät ist eine Phase, in der Kinder für ein paar Jahre zu Monstern mutieren. Der ARD-Film "Geliebtes Kind" zeigt, wie herrlich irrsinnig diese Zeit ist - und wartet mit drei großartigen Schauspielerinnen auf. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,829308,00.html
Klingt interessant, schade, dass der Film heute kommt (wegen Fußi).
2. schlechtes Bild von Teenagern...
readme74 25.04.2012
---Zitat--- Trotzdem: Man darf sich freuen, dass die ARD ihren Mittwochabend-Sendeplatz für einen Film freigeräumt hat, den Jugendliche vielleicht sogar besser kapieren als ihre Eltern. *Denn hier wird ein Teenager so gezeigt, wie er ist: plemplem. Trotzig überreagierend, ich-bezogen, impulsiv hanebüchene Entscheidungen treffend.* ---Zitatende--- oha, da tun sich aber Abgründe auf bei der Verfasserin dieses Artikels. Teenager so zu charakterisieren, grenzt schon an offene Jugendfeindlichkeit. Selbst wenn der Satz einfach nur ein Missgriff war innerhalb eines eher wohlwollend gemeinten Textes, niemand hilft Jugendlichen damit, solche herabwürdigenden Klischees zu verbreiten. Aber Jugendfeindlichkeit und Infantilisierung sind ja "in" in den letzten Jahren. Teenager sein ist schon schwer genug, und ich hoffe Frau Haeming hat ihre eigene Jugend wenigstens noch schemenhaft in Erinnerung. Aber wahrscheinlich hat sie dies nicht, denn dann wüßte sie daß es in der Pubertät lediglich Öl ins Feuer gießt, sowohl in der Psyche eines Jugendlichen als auch im Verhältnis zu dessen Eltern, wenn besagte Eltern (oder die Gesellschaft) ihren Nachwuchs lediglich als übergroße ungezogene Kinder sehen. Keine andere Bevölkerungsgruppe würde man sich jedenfalls trauen so zu beschreiben, ich wiederhole: "plemplem. Trotzig überreagierend, ich-bezogen, impulsiv hanebüchene Entscheidungen treffend". Würde man dies über Frauen sagen, hätte man gleich wieder den feministischen Mob am Hals, und schriebe dies jemand über Männer, Ausländer oder Moslems, dann gäbe es auch in unserer heutigen Zeit jede Menge betretene Minen. Warum darf man Jugendliche als Bevölkerungsgruppe zunehmend ungestraft derart diskriminieren? Wenn Frau Haemig wirklich etwas gutes für Jugendliche tun will, dann sollte sie ihre Einstellung - sofern die oben genannte Formulierung nicht ein wirklicher unbeabsichtigter Fehlgriff war - einmal grundlegend überdenken.
3. Oh wie böse!
Klartext007 25.04.2012
Zitat von readme74oha, da tun sich aber Abgründe auf bei der Verfasserin dieses Artikels. Teenager so zu charakterisieren, grenzt schon an offene Jugendfeindlichkeit. Selbst wenn der Satz einfach nur ein Missgriff war innerhalb eines eher wohlwollend gemeinten Textes, niemand hilft Jugendlichen damit, solche herabwürdigenden Klischees zu verbreiten. Aber Jugendfeindlichkeit und Infantilisierung sind ja "in" in den letzten Jahren. Teenager sein ist schon schwer genug, und ich hoffe Frau Haeming hat ihre eigene Jugend wenigstens noch schemenhaft in Erinnerung. Aber wahrscheinlich hat sie dies nicht, denn dann wüßte sie daß es in der Pubertät lediglich Öl ins Feuer gießt, sowohl in der Psyche eines Jugendlichen als auch im Verhältnis zu dessen Eltern, wenn besagte Eltern (oder die Gesellschaft) ihren Nachwuchs lediglich als übergroße ungezogene Kinder sehen. Keine andere Bevölkerungsgruppe würde man sich jedenfalls trauen so zu beschreiben, ich wiederhole: "plemplem. Trotzig überreagierend, ich-bezogen, impulsiv hanebüchene Entscheidungen treffend". Würde man dies über Frauen sagen, hätte man gleich wieder den feministischen Mob am Hals, und schriebe dies jemand über Männer, Ausländer oder Moslems, dann gäbe es auch in unserer heutigen Zeit jede Menge betretene Minen. Warum darf man Jugendliche als Bevölkerungsgruppe zunehmend ungestraft derart diskriminieren? Wenn Frau Haemig wirklich etwas gutes für Jugendliche tun will, dann sollte sie ihre Einstellung - sofern die oben genannte Formulierung nicht ein wirklicher unbeabsichtigter Fehlgriff war - einmal grundlegend überdenken.
Aber Recht hat die Autorin, wenn sie die Phase der Pubertät (und deren künstliche Verlängerung) so beschreibt wie sie ist: Anstrengend, nervtötend und die Zellalterung der Eltern beschleunigend. Der Jugend geht es doch gut, was wollen Sie! Taxi Mama bis ins hohe Alter, Wäsche waschen? -Wie geht das? Verantwortung übernehmen? -warum, machen doch andere! Respekt vor Erwachenen? -was ist das? Zu Fuß zur Schule? -wofür kann Papa Auto fahren! Eigene Wohnung? doch nicht mit gerade erst 25 Jahren! Einkaufen? -Hier gibt´s kein Dönerladen! Oh je! Und irgendwann sollen die Blagen Verantwortung übernehmen. Nur wie? Nicht mehr und nicht weniger wird dieser Film aussagen.
4.
schnee_wolf 25.04.2012
Die Einschätzung der Autorin ist nicht diskriminierend. Natürlich wirkt es politisch nicht korrekt, letztlich mit Worten, die Pubertierende noch viel drastischer anreichern würden, diesen Übergang vom Kind zum Erwachsenen zu beschreiben. Bei den meisten Jugendlichen muss man in dieser Entwicklungsphase mental das Schild "Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen" vor die Köpfe kleben, na und? Das ist bei jedem Menschen so - und sicherlich auch bei den jetzt Empörten so gewesen. Frag mal einer deren Eltern. :-) Letztlich wachsen wir alle an diesen Auseinandersetzungen - Eltern wie Kinder. Ich möchte beide Erfahrungen nicht missen, obwohl ich in beiden Rollen kräftig geflucht habe.
5. Adultismus
jh72 25.04.2012
„Pubertät“ ist keine „natürliche“ Phase sondern eine Erfindung der Neuzeit. Es ist die Phase, in der Heranwachsende reif und stark genug sind, um zu merken, dass sie sich die überreagierenden, ich-bezogenen, impulsiven, hanebüchenen Entscheidungen derer, die sich Eltern nennen, nicht mehr wehrlos schlucken müssen und z.T. erstmal ebenso überreagierend trotzen.
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