Will-Talk zur US-Wahl: Wilder Westen mit falschen Gästen
"Obamas zweite Chance - hat er sie verdient?" So lautete das Talk-Thema bei Anne Will. Eine Antwort lieferte die Debattenrunde nicht - was auch an der begrenzten Kompetenz der Gäste lag. Dafür gab es etwas zu lachen.
Es begann durchaus verheißungsvoll. Gefragt, was er vom Ausgang der US-Wahl halte, antwortete ein gewisser Thomas Kramer, dass es sich um einen "Phallus-Sieg" Barack Obamas handele. Ein bisschen erschrocken hakte Moderatorin Anne Will noch einmal nach - woraufhin Herr Kramer etwas von "Troja" murmelte und sich für den Versprecher entschuldigte. Das hatte ein allgemeines, um nicht zu sagen homerisches Gelächter im Studio zur Folge.
Mag sein, dass ein gewisser Pyrrhus sich derweil im Grabe umdrehte. Beim TV-Zuschauer machte sich indes die Ahnung breit, dass er einiges an Humor würde aufbringen müssen, um die folgende Sendung einigermaßen unbeschadet zu überstehen.
Die ARD-Talk-Runde bei Anne Will verlangte Nehmerqualitäten. Das lag zum einen an der höchst erklärungsbedürftigen Zusammensetzung der Runde am Tag nach der Kür Barack Obamas zum US-Präsidenten. Erschwerend kam hinzu, dass es in den vergangenen Wochen niemand in der öffentlich-rechtlichen Talk-Szene für nötig befunden hatte, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.
Was machen Sie denn hier?
Will hätte die Gelegenheit gehabt, dieses Versäumnis durch die späte Lieferung einer Extraportion Amerika-Kompetenz wenigstens ein bisschen aufzuholen. "Obamas zweite Chance - hat er sie verdient?" lautete das Thema. Doch die Gelegenheit blieb ungenutzt.
Es soll hier keinem der Beteiligten zu nahe getreten werden. Aber weshalb, um alles in der Welt, saß da nun Sahra Wagenknecht von der Linkspartei? Wieso ausgerechnet die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, die ihr gewiss verdienstvolles Wirken seit Jahr und Tag schwerpunktmäßig Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas widmet? Was waren die Motive dafür, einen jungen Mann namens Dominic Boeer einzuladen, der ursprünglich Fernsehschauspieler war, in Vorabendserien wie "SOKO Wismar" aufgetreten ist, mittlerweile Politik studiert und laut Eigenangabe Politiker berät und für öffentliche Auftritte coacht? Wodurch hatte sich der besagte Herr Kramer qualifiziert, der es nach einer frühen ersten Million und einer fast ebenso frühen Pleite in den achtziger Jahren zum sogenannten Börsenwunderkind brachte und dann nach Miami ging, um als Immobilieninvestor reich zu werden?
China, ein großer Saugnapf
Herr Kramer gab zu Protokoll, dass er zwar von Mitt Romney wesentlich mehr halte als von Obama, im Grunde aber alles komplett falsch finde, was heute so in den Staaten läuft. Überhaupt sei er dort schon seit fünf Monaten nicht mehr gewesen, weil er sich längst in Richtung der neuen, wahren Weltmächte orientiere, Russland und vor allem China. Bezüglich China hatte Herr Kramer nicht nur Faszinierendes in kapitalistischer Hinsicht mitzuteilen, sondern auch Bedrohliches. China sei nämlich ein großer Saugnapf, in dem die USA untergehen würden. Und zwar vollkommen unabhängig davon, ob nun durch Obama die Börsenkurse ruiniert, die Zinsen hochgetrieben und dank der Gesundheitsreform Arbeitsplätze vernichtet würden.
Man könnte vermutlich denken, dass dieser Auftritt, gemessen am allgemeinen Debattenniveau, besonders befremdlich oder skurril anmutete. Aber so war das gar nicht. Ein jeder in dieser Runde äußerte sich auf fragwürdige Weise. Gleichzeitig - und wenn, dann lag darin die einzige Kunst dieser Runde - wurde nichts gesagt, was nicht jeder halbwegs politisch interessierte Zeitungsleser und Fernsehzuschauer in jüngster Zeit zigfach lesen und hören konnte über die Eigenarten der amerikanischen Politik.
Und da dies unter Einsatz eines erheblichen Maßes an Stereotypen und Plattitüden geschah, ergab sich das Bild einer Talkshow, in der so gut wie gar nichts stimmte, weder die Gästeauswahl noch die Themenführung noch die Terminierung. So ähnlich, nur besser, hätte man sie auch während des Wahlkampfs abhalten können.
Die Qual mit der Wahl
Auf den kam man geradezu zwanghaft immer wieder zurück, bis hin zu Romneys fatalem "Schmarotzer"-Video und dem Wirbelsturm "Sandy". Und als sei das alles noch nicht vergangen genug, holte der junge Herr Boeer dann auch noch Reminiszenzen an George W. Bush hervor. Den fand er gut. Im Unterschied zu Obama, über den er aber auch nichts richtig Nachteiliges sagen wollte, obschon er mehr für Romney war.
Ach ja, Klaus Scherer war auch noch da. Einer aus dem Pool ehemaliger öffentlich-rechtlicher USA-Korrespondenten, die ein Buch geschrieben haben. Der erzählte das, was diese Leute immer so zu erzählen pflegen, nur nicht ganz so interessant, wie es mancher andere kann. Zur Behebung des Kompetenzmankos reichte es jedenfalls nicht.
Frau Schwan gefiel sich in fragmentarischen Kurzseminaren über eher grundsätzliche Fragen von Demokratie, Politik und politischer Kultur. Frau Wagenknecht trug pflichtgemäß vor, was sie in Talkshows stets zu sagen pflegt, egal, um welches Thema es gerade geht. Sie empfahl also Obama mehr oder minder explizit die Übernahme des Linken-Programms. Selbstverständlich mit dem Schwerpunkt Steuererhöhungen, schon wegen der maroden Infrastruktur der wankenden Supermacht.
Unter Verwendung der aktuell im Umlauf befindlichen finsteren Diagnosen für den Patienten USA gelang es der Gastgeberin, wenn auch quälend langsam, das Ende der Runde herbeizutalken. Dabei zeigte sich überraschenderweise sogar noch ein Lichtblick, allerdings einer von ganz persönlicher Natur. Und zwar in Gestalt von Frau Wagenknecht für Herrn Kramer, der dieser unverhohlen und wider alle kapitalistische Logik seine Sympathie offenbarte. Da stahl sich ein leichtes Lächeln auf Wagenknechts Gesicht, während dem Zuschauer das Lachen schon lange vergangen war.
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- Donnerstag, 08.11.2012 – 04:54 Uhr
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