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TV-Miniserie "Sherlock": Brillant kombiniert, Mr. Holmes!

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Schnell, spannend und voller großartiger Dialoge: Die ARD zeigt endlich die BBC-Miniserie, die Sherlock Holmes in die Gegenwart holt. Der löst seine Fälle souverän wie eh und je, doch zusätzlich zu Serienmördern schlägt er sich jetzt mit SMS, Nikotinpflastern und einem WG-Bewohner herum.

"Sherlock": Update für das Superhirn Fotos
ARD Degeto / BBC / Hartswood Films

Erschöpft und außer Atem lehnen sich Sherlock Holmes und Doktor Watson gegen eine Wand. Gerade sind sie einem Taxi zu Fuß hinterhergejagt, nur um festzustellen, dass der Fahrgast nicht der Serienmörder ist, den sie suchen. "Das ist das albernste, was ich je getan habe", sagt Watson. Holmes widerspricht ihm: "Du bist in Afghanistan einmarschiert."

Es sind nicht nur solche Dialoge, die einen am Sonntagabend in seinem Fernsehsessel vor Freude hüpfen lassen können. "Sherlock", die preisgekrönte BBC-Neuverfilmung des Klassikers, ist ein rundum gelungener Spaß, wie man ihn trotz der großen Krimischwemme im Fernsehen nur selten zu sehen bekommt.

Im Gegensatz zum Hollywood-Franchise von Guy Ritchie, der Holmes durch ein viktorianisches Disneyland hetzt, haben die Serienmacher Steven Moffat und Mark Gatiss den Privatdetektiv ins London der Gegenwart geholt. Zwar umgibt Sherlock Holmes noch immer eine Aura des unantastbaren Genies, das seine Fälle durch einfache Tugenden wie genaue Beobachtung und Kombinationsgabe löst. Doch sonst ist nichts retro an ihm: Auf einer Website preist er seine einzigartigen Fähigkeiten an, und wenn ihn die Tabaksucht plagt, klebt er sich den Arm mit Nikotinpflastern voll.

In der ersten von insgesamt drei spielfilmlangen Folgen, die die ARD ab diesem Sonntag zeigt, ist Holmes (Benedict Cumberbatch) mit einer geheimnisvollen Serie an Suiziden konfrontiert. Drei Menschen, die nichts verbindet, haben sich umgebracht - allerdings alle mit dem gleichen Gift. Also doch Mord? Die Polizei ist ratlos, aber erst, als ein viertes Opfer auftaucht, zieht sie den freiberuflichen Ermittler Holmes zu Rate. Der ist sofort begeistert von dem Fall: "Wir haben es mit einem Serientäter zu tun. Die liebe ich - da hat man immer einen Grund zur Vorfreude."

Sexy, aber nicht an Frauen interessiert

Immerhin: Seit Holmes in Begleitung des ehemaligen Militärarztes Watson (Martin Freeman) auftritt, ist er etwas umgänglicher geworden. Der freundliche Frührentner federt die Launen des Egomanen Holmes ab und vermittelt, wo Missverständnisse entstehen. Aber wie finden im London der Jetzt-Zeit ein anmaßender Privatdetektiv und ein sanftmütiger Doktor zueinander? Die beiden tun sich als Mitbewohner zusammen, um die hohen Mieten in der Innenstadt bezahlen zu können. Zwar haben sie fortan damit zu kämpfen, dass alle Welt wie selbstverständlich davon ausgeht, sie wären ein Paar. Doch eigentlich stört das nur Watson. Holmes selbst ist allein an der Arbeit gelegen. Erst auf drängende Nachfragen seines neuen Mitbewohners hin gibt er ihm zu verstehen: Frauen sind nicht wirklich sein Feld.

Filmisch stimmt die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern in jedem Fall. Benedict Cumberbatch ("Abbitte") bringt mit seinem zerklüfteten Gesicht und seiner tiefen Bassstimme eine verstörende Sexyness in seine Rolle. Martin Freeman ("The Office") hingegen sorgt mit grauen Schläfen und dicken Wollpullovern für viel Bodenständigkeit. Was sie verbindet, erkundet die Serie mit viel Witz und Sorgfalt. Aber auch die Kriminalfälle werden detailreich ausgebreitet.

Spannung? Oder Charakterzeichnung der Ermittler? Was sich bei "Tatorten" meist im Wege steht, fügt sich hier zu kompakten Geschichten zusammen. Gerade aus dem beständigen Springen zwischen Ebenen und Orten gewinnt "Sherlock" sein Tempo und erzeugt von Anfang an erzählerischen Sog.

Für den deutschen Vorzeigekrimi fällt der Vergleich aber auch auf anderer Ebene ungünstig aus. Zu oft versucht der "Tatort", durch sozialkritischen Einschlag Relevanz zu beweisen. "Sherlock" hingegen erzählt klassische Täterrätsel ohne Anspruch auf Zeitdiagnose. Weil die Dialoge so geschliffen sind und die Optik so präzise ist, wirkt das aber trotzdem aktueller und zwingender als alles, was sonntags um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen ist.

In Großbritannien waren die Zuschauer auch ohne diesen Negativabgleich überzeugt. Dort lief die Miniserie bereits im Sommer 2010 und brachte der BBC Topquoten. Zurzeit wird die zweite Staffel gedreht, die im November ausgestrahlt werden soll. Vielleicht lässt sich die ARD zumindest in diesem Belang vom Tempo der Serie inspirieren und zeigt die deutsche Fassung nicht wieder ein Jahr später.


"Sherlock - Eine Studie in Pink", 24.7.; "Sherlock - Der blinde Banker", 31.7.; "Sherlock - Das große Spiel", 7.8., jeweils 21.45 Uhr ARD

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insgesamt 70 Beiträge
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1. In der Tat
hinderschannes 24.07.2011
Tatort ist seit bald 25 Jahren Kernschrott für die Tonne. Bin gespannt auf den neuen Sherlock.
2. sehenswert
geweber 24.07.2011
ich kenne bereits die englische version und muss sagen das ich durchaus angetan war!
3. Sherlock kokst!
lorn order 24.07.2011
Schon wenn man die allererste Sherlock-Holmes-Story von Conan Doyle liest, stellt man verblüfft fest, dass das Detektiv-Genie nicht nur dem Tabakkonsum frönt, sondern auch ein eifriger Konsument von Kokain ist. Eine dunkle Facette dieses Genies, die in nahezu allen Verfilmungen unterschlagen wird.
4. Wieder eine Serie
tschato 24.07.2011
die ich nicht sehen kann. Ich muss nämlich morgens schon um halb sechs raus. Das gleiche gilt auch für Magazine. Die kommen auch immer so spät.
5. Kleiner Tipp
lorn order 24.07.2011
Zitat von tschatodie ich nicht sehen kann. Ich muss nämlich morgens schon um halb sechs raus. Das gleiche gilt auch für Magazine. Die kommen auch immer so spät.
Kleiner Tipp für einen geqüälten Frühaufsteher wie Sie: Ich habe gehört, dass es seit Kurzem Apparate geben soll, mit denen man das Fernsehprogramm aufzeichnen kann, um es zu einem späteren Zeitpunkt anzuschauen.
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